Meditation

Der Yoga-Lehrer Christian Hackbarth-Johnson schreibt über den Hinduismus und die Meditation und blickt dabei auf eine Tradition von etwa 5.000 Jahren zurück.

Der Hinduismus blickt auf eine Tradition von etwa 5.000 Jahren zurück. Von Anfang an ist dabei Meditation im Sinne der Sammlung des Geistes eine zentrale Praxis.
Bereits in der um 1900 vor Christus untergegangenen Industalkultur findet sich die Darstellung einer Gestalt im Yoga-Sitz. Der Yoga-Gelehrte Georg Feuerstein hat nicht ohne guten Grund alle aus Indien stammenden religiösen Traditionen (Hinduismus, Buddhismus, Jainismus, Sikhismus) als verschiedene Äste am Stamm der Yoga-Tradition bezeichnet. Meditative Innenschau ist deren Kern. Meditation zielt darauf ab, den Geist von den psychologischen und kognitiven Verzerrungen der Wahrnehmung der Wirklichkeit zu lösen und die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist.
Die Darstellung des achtgliedrigen Yoga-Weges bei Patanjali bietet eine Grundstruktur des meditativen Prozesses:

1. Am Anfang muss man in seinem Leben und Geist Ordnung schaffen, damit Meditation überhaupt möglich wird. Dazu dienen fünf ethische Disziplinen, die die Beziehung zur äußeren Welt betreffen und in denen es um die Zügelung der vitalen Begierden wie Nahrung, Geltungstrieb, Besitztrieb und Sexualität geht. Sie umfassen: Nicht-Töten, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen, sexuelle Enthaltsamkeit, Kontrolle und Nicht-Anhaften an Besitz.

2. Fünf religiöse Disziplinen beziehen sich auf die Kultivierung des Innenlebens beziehungsweise die Beziehung zum Göttlichen: Reinheit des Körpers, der Gedanken und Gefühle, Zufriedenheit, Askese zur Reinigung und Beherrschung der Sinne, selbstständiges Studium, wozu vor allem die meditative Beschäftigung mit der ‚erwählten Gottheit’ gehört, und die Hingabe an Gott.
Auf der Basis eines auf Selbstkontrolle und das Göttliche ausgerichteten Bewusstseins kann man dann in die meditative Verinnerlichung gehen.

3. Diese beginnt mit der Arbeit an der Körperhaltung, wobei sich Patanjali hier wohl nur auf die Sitzhaltung bezieht. Verschiedene Körperhaltungen wurden später im Hatha-Yoga entwickelt, die auch dort eine auf die Meditation vorbereitende Funktion haben. Ziel ist es, dass die Körperhaltung einerseits stabil, andererseits angenehm sein soll. Dies wird erreicht durch Loslassen aller Spannung und Anstrengung oder durch meditative Transzendierung des Körpers in die Unendlichkeit.

4. Darauf baut dann die Atemkontrolle auf, deren Ziel letztlich die mühelose yogische Geistessammlung auf einen Gegenstand ist.

5. Im Prozess der Verinnerlichung zieht sich der Geist nach und nach von der Außenorientierung in sein Eigenwesen zurück und geht, sich desidentifizierend, die verschiedenen Schichten der phänomenalen Persönlichkeit zurück bis zum Grund seiner selbst.

6. Die Fähigkeit der yogischen Konzentration ist dann der Eintritt in die yogische Erfahrungswelt, eine bereits ‚übersinnliche’ Fähigkeit.

7. Wenn sie über längere Zeit gehalten wird und eine Stetigkeit zum Objekt hin bekommt, wird dies dhyana genannt, was meist mit Meditation übersetzt wird, was jedoch in der westlichen spirituellen Tradition die contemplatio, die sogenannte ‚Schau’ wäre.

8. Diese zielt hin auf samadhi, die Erfahrung eines Seinszustands der Einheit.


Die letzten drei Glieder werden als Kontinuität gesehen. Ihre Meisterung gibt einem zunehmend Zutritt zur Welt der yogischen Wirklichkeit, in der einem übersinnliche Fähigkeiten zukommen können, vor allem aber Weisheit, also die wahre Erkenntnis der Wirklichkeit. Die letzte Befreiung besteht schließlich darin, alle negativen wie positiven Geistesprägungen loszulassen und sich vollständig mit dem reinen Geistgrund zu identifizieren. Die entscheidende Fähigkeit dabei ist die Kraft der Unterscheidung.
Typisch an der hinduistischen Meditation ist der schrittweise Weg von außen nach innen. Es geht dabei darum, aus der sinnlich erfahrbaren Welt in den erfahrenden Geistgrund zurückzugehen. Als Meditationshilfen können verschiedene Gegenstände dienen, Patanjali nennt die innere Wiederholung des Silbenmantras ‚Om’ als Gottesname, die Meditation über Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut, um den Geist zu klären, die Meditation der Atemphasen, die Meditation über eine intensive innere Beschäftigung, worunter man etwa die Visualisation von Götterbildern und symbolisch-geometrische Figuren rechnen könnte, Meditation über leidfreie, lichthafte oder begierdefreie Zustände, über Erfahrungen in Schlaf und Traum, das intensive Nachdenken über ein Thema.
Mag die Grundstruktur der Meditation mehr oder weniger gleich sein, können sich im theologisch-philosophischen Verständnis in den hinduistischen Traditionen große Unterschiede zeigen. Der Advaita Vedanta etwa sieht die höchste Erfahrung in der Einheit des Selbst und des eigenschaftslosen Göttlichen. Die theistischen Systeme Shivaismus, Vishnuismus und Shaktismus identifizieren die höchste Erfahrung mit einem persönlich konzipierten Gott oder einer Göttin. Die Beziehung zwischen Seele und Gott kann dabei non-dualistisch, qualifiziert non-dualistisch oder dualistisch gesehen werden. Diese Sichtweisen bestimmen auch die Art und Weise der Meditation.
Basierend auf den Upanishaden findet man im Advaita Vedanta Shankaras den meditativen Zugang der Negation alles Endlichen, ‚neti neti’: Das Göttliche ist ‚nicht dies, nicht das’. Man desidentifiziert sich von allem Phänomenalen: Ich bin nicht der Körper, ich bin nicht die Empfindungen, ich bin nicht das Denken, ich bin nicht die Intelligenz, ich bin nicht die Glückseligkeit der inneren Erfahrung, ich bin nicht einmal die der Wiedergeburt unterworfene individuelle Seele, sondern ich bin das unendliche Selbst, das eins ist mit dem Göttlichen, aus dem alles kommt. Ein anderes upasana ist das ‚tat tvam asi’, ‚das bist du’: Man betrachte eine Feige. In der Frucht finden sich viele Samen; wenn man den Samen öffnet, findet sich ‚nichts’. Aber ebendieses ‚Nichts’ bezeichnet die innere Kraft des Samens, die den Baum entstehen lässt. Diese innere Kraft, das ewige Selbst, ‚das bist du’.
In der theistischen Bhakti, den ‚Gottesliebe’-Traditionen, steht die Meditation des Gottesnamens in Form von mantrischen Gesängen im Zentrum, etwa das Mahamantra Hare Krishna, Hare Rama, das Om Namo Naranayanaya im Vishnuismus und im Shivaismus das Om Namah Shivaya.
In der tantrischen Bewegung kann man rituell meditieren, man kann Mantras und Yantras benutzen und sich dabei die vielen Ebenen der Wirklichkeit bewusstmachen. Das Vijnana Bhairava etwa bietet 112 Meditationsmethoden wie Atemmeditationen, Visualisationen, Meditationen der Leerheit und viele mehr, die alle zur Erfahrung der göttlichen Wirklichkeit führen sollen. Eine Besonderheit am Tantrismus ist der konsequentere Nicht-Dualismus, der in den sogenannten linkshändigen Ausrichtungen auch zur Integration sexueller Praktiken führen kann. Jeder Bereich der Wirklichkeit wird als Manifestation des Göttlichen angesehen und man kann daher von jedem Punkt der Wirklichkeit aus zum Göttlichen gelangen. Der Weg der meditativen Loslösung kann hier auch im Genuss gegangen werden. Ziel ist der sogenannte ‚natürliche’ Samadhi, eine spontane, mühelose Verwirklichung des Göttlichen in allen Tätigkeiten. Im Tantrismus spielen die Initiation durch einen Guru oder eine Guruni und die von ihnen gewährte Kraftübertragung eine wichtige Rolle. Sie helfen, die Ströme der Kundalini-Energie in Gang zu bringen, damit Meditationserfahrung leichter möglich wird.
Alle hinduistischen Traditionen durchzieht die bis in den Veda zurückreichende Tradition des Sandhya Vandana, eines meditativen Rituals an den Übergangszeiten des Tages, das jeder initiierte Hindu täglich ausführen soll. In seinem Zentrum steht zum Beispiel die Meditation des Savitri Gayatri Mantras aus dem Rigveda: „Lasst uns meditieren auf das strahlende Licht des Sonnengottes. Möge er unseren Geist erleuchten.“
In der Neuzeit hat der Yogi und Philosoph Sri Aurobindo mit seinem Integralen Yoga einen umfassenden Neuansatz des spirituellen Lebens gebracht: Ziel der Praxis ist dabei nicht mehr die Befreiung aus dem Kreislauf der Geburten, sondern die Förderung der Bewusstseinsevolution auf der Erde. Im Zentrum dieses Ansatzes steht die Hingabe an die göttliche Kraft, die die persönliche und kollektive Evolution lenkt. Diese tritt tendenziell eher von oben in den Körper ein und transformiert nach und nach alle Ebenen und Teile des Menschen.
Heutige, auch im Westen präsente hinduistische Meditationstraditionen können in vorwiegend guruorientiert, vorwiegend methodenorientiert oder vorwiegend textorientiert eingeteilt werden. Meist ist es eine Mischung aus allen dreien, wobei dem Guru oder der Guruni im hinduistischen Kontext stets eine besondere Rolle zukommt.

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