Meditation

Über Meditationspraktiken bestehen viele Unklarheiten. Wie praktizieren Sinn macht, beschreibt Fred von Allmen, einer der bekanntesten Meditationslehrer in Europa.

Mahatma Gandhi soll über die Schwierigkeit, Herz und Geist zu transformieren, sich wirklich zum Guten zu verändern, gesprochen haben:

„Es ist sehr schwer, die Briten (das Britische Empire) positiv zu beeinflussen.
Aber noch viel schwieriger ist es, mein Volk, das indische Volk, zum Besseren zu bewegen. Am schwierigsten aber ist es mit diesem Kerl Gandhi. Auf ihn habe ich nur sehr wenig Einfluss!“

Zuhören – Reflektieren – Meditieren: Weises Ergründen

Wir brauchen also Mittel, um unseren Geist wirkungsvoller zum ‚Besseren‘ transformieren und letztlich befreien zu können.

Meditations-Retreats, wie wir sie heute im Westen kennen, fanden in Asien in einem Kontext statt, der uns hier fehlt: das Wissen um viele andere spirituelle Aspekte und Praktiken, außerhalb der formalen Meditation, wie zum Beispiel ‚Ethisches Verhalten‘, ‚Großzügigkeit‘, ‚Liebevolle Güte‘, sowie beträchtliche Kenntnisse in Bezug auf die praktischen Aspekte der Lehre Buddhas. Diese sind Allgemeinwissen und werden seit Kindheit gehört, geübt, erfahren. Diese Praxisbereiche sind mindestens so wichtig wie die formale Meditation – vielleicht noch wesentlicher. Sie fehlen aber hier bei uns. Dadurch entsteht oft eine Art Wunschdenken oder Wunderglaube in Bezug auf die formale Meditation: „Wir sitzen irgendwie da in der Meditation und wenn wir dies lange genug tun, trifft uns eines Tages die Erleuchtung – und all unsere Probleme sind gelöst!“

Dass dem nicht so ist, wissen wir mittlerweile. Was aber alles zu einer verbindenden und befreienden Praxis dazugehört, ist manchmal etwas weniger klar. Hier einige wesentliche Aspekte, die uns in der Praxis – gerade auch im Alltag – unterstützen können, wenn wir sie tatsächlich umsetzen. In manchen buddhistischen Traditionen spricht man von Praxisprozessen wie ‚Zuhören, Reflektieren und Meditieren‘ (tibetisch: thö, sam, gom). Die ersten zwei davon sind eigentlich Aspekte des Dharma-Studiums.

Vor einiger Zeit war es möglich, Unterweisungen von Chökyi Nyima Rinpoche über das Internet zu sehen und zu hören. In einer Belehrung zu unserem Thema empfahl er Folgendes:

„Zuerst müsst ihr Lehre und Praxis richtig verstehen durch Zuhören.
Dann müsst ihr Klarheit und Gewissheit erlangen durch das Darüber-Nachdenken.
Und dann – und erst dann – müsst ihr das Ganze anwenden, in die Praxis umsetzen, sodass sich wirklich etwas in euch verändert.“ Und er fügte an: „Das heißt, Verlangen und Ablehnung sollten spürbar nachlassen in uns!“

Um Herz und Geist wirklich zu transformieren, brauchen wir also diese drei Praxisaspekte:
Zuhören, systematisches darüber Nachdenken und dann Meditieren, also in die Praxis umsetzen, sich angewöhnen.

Der burmesische Theravada-Meditationslehrer Sayadaw U Tejaniya spricht ebenfalls von diesen drei Praxiszugängen. Er führt die drei Arten von Erkenntnis auf, welche daraus entstehen:

  • Weisheit oder Erkenntnis, entstanden aus Zuhören und Lesen.
  • Weisheit oder Erkenntnis, entstanden aus Reflektieren, aus logischem Denken und intellektueller Analyse des Gehörten und Gelernten.
  • Weisheit oder Erkenntnis, entstanden aus direkter Erfahrung, aus Meditation (mental development).

Diese drei Praxisaspekte werden also in verschiedenen buddhistischen Traditionen empfohlen.

Zuhören

„Wer das Dharma nicht hört und auch nicht versteht, der altert töricht wie ein Ochse. Sein Bauch nimmt zu, sein Magen wächst, nur die Erkenntnis tut es nicht.“

Das sind die Worte von Ananda, des Buddhas Cousin und Diener. Er war derjenige, der einen Großteil der Lehrreden des Buddha mitgehört hatte und die Fähigkeit besaß, sich auch an sie zu erinnern. Es ist mitunter sein Verdienst, dass diese Belehrungen für uns heute überhaupt erhalten geblieben sind. Er sah also sorgfältiges und gewissenhaftes Zuhören und Lernen als wesentliche Grundlage für eine wirksame Praxis.

Dabei wird manchmal von drei Arten und Weisen gesprochen, in denen man nicht zuhören sollte:

  1. „Nicht wie eine nach unten gekehrte Schale.“ Da geht von Anfang an gar nichts rein. Wir hören zwar, was gesagt wird, aber kriegen nichts mit.
  2. „Nicht wie eine Schale mit Löchern.“ Das meiste, was reingeht, läuft unten gleich wieder raus. Zum einen Ohr herein, zum anderen hinaus. Vermutlich eine weit verbreitete Art des Zuhörens. Dabei geht’s möglicherweise nicht sogleich beim anderen Ohr wieder raus, sondern erst in der Nacht, wenn wir den Kopf waagrecht aufs Kissen legen. ;-) Dann tropft’s definitiv heraus und ist am nächsten Tag vollständig verschwunden.
  3. „Nicht wie eine Schale, die Dreck und vielleicht sogar giftige Substanzen enthält.“ Was wir hören, wird sogleich gemischt mit unseren bereits vorhandenen Vorstellungen, Meinungen, Wertungen und Verurteilungen, sodass schon unmittelbar nach dem Hören nicht mehr viel vom eigentlich Gesagten übrig bleibt. Meist ist uns dies nicht einmal bewusst. Oder wir glauben gar, wir müssten richtigerweise auf diese Art und Weise zuhören – eben wertend und urteilend.

Hier ein kleines Beispiel, welches die Ehrwürdige Ariya Ñani in einem Dharma-Vortrag erzählte. Sie sprach von einem burmesischen Bauern, der durch die Praxis der Achtsamkeit der Berührungen des Pfluges, mit dem er arbeitete, in Kontakt war (was der Achtsamkeit des Körpers entspricht). Dadurch entwickelte er schnell eine sehr tiefe Praxis und erlangte so die Erleuchtung. Am nächsten Tag kam eine Teilnehmerin zu Ariya Ñani ins Gespräch und dankte ihr für die inspirierende Geschichte vom nepalesischen Bauern mit den Berührungsängsten. Ein kurzer Weg von ‚burmesischer Körperachtsamkeit‘ zu ‚nepalesischen Berührungsängsten‘ – wenn wir nicht wirklich sorgfältig zuhören.

Es ist also gar nicht so einfach, beim Zuhören die drei Fehlerquellen, wie am Beispiel der Schale illustriert, zu vermeiden. Dies ist aber bereits ein wichtiger Teil der Praxis! Tatsächlich ist es erstaunlich und schade, wie viel Zeit und Energie hier im Westen in nicht richtig verstandene Praxis investiert wird. Wie lange, wie viele Jahre, brauchen manche von uns schon nur, bis sie wirklich hören, dass es eigentlich einerlei ist, welches unsere momentanen Erfahrungen in der Meditation sind, aber wesentlich, wie wir ihr begegnen, wie wir damit präsent sind!?

Nur wenn wir klar verstehen, wie die Praxis funktioniert, können wir sie auch wirkungsvoll einsetzen. In den tibetischen Traditionen gibt es eine Aussage, die lautet:

„Ohne die Belehrungen zuerst ausführlich anzuhören und gründlich zu studieren,
begann er ein langes Retreat, haha!“

Längere Meditations-Retreats, ohne sich vorher ausgiebig dem Zuhören und dem über das Gehörte Reflektieren zu widmen, sind in der Sichtweise vieler buddhistischer Traditionen der Inbegriff von nutzlosem Vorgehen.
Für uns hier im Westen ist es zweifelsohne äußerst hilfreich, uns Gelegenheiten und Situationen zu schaffen, in denen wir innehalten und zur Ruhe kommen können. Meditation, Retreats, Schweige-Retreats sind heilsam und notwendig – und Balsam für die Seele. Um aber weiter und tiefer zu kommen als zu Wellness und etwas Ruhe und Erholung, um auf einem spirituellen Pfad zur inneren Befreiung zu schreiten, braucht es unbedingt und unabdingbar ein sehr gutes Verständnis der Praxis. Genau dem dient das Zuhören – das immer und immer wieder neu Hinhören, Lesen und Lernen.

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Reflektieren und weises Ergründen

Als Zweites folgt das Reflektieren, das ‚über das Gesagte Nachdenken‘, es in unsere alltäglichen Gedankengänge integrieren. Ein gutes Verständnis der Praxis heißt nicht nur, dass wir intellektuelle Klarheit erreicht haben, sondern auch, dass wir uns daranmachen, unsere ganze Sichtweise der Welt und unseres Dharma- und Meditationsverständnisses entsprechend zu verändern. Und das bedeutet etwas anderes als das, was man heute gemeinhin als ‚Meditation‘ bezeichnet. Es ist die ‚Umgewöhnung‘ unserer Denkmuster und Denkgewohnheiten, was wiederum unser Verhältnis zum Dasein und unsere Prioritäten im Leben verändert und transformiert.

Ein wesentliches Mittel dazu ist das, was in der Pali-Sprache Yoniso Manasikara genannt wird, in etwa übersetzt als ‚Weises Ergründen‘ oder eben ‚Reflektieren‘.
Dieses weise Erwägen ist wie ein Steuer. Es lenkt das Fahrzeug in die richtige Richtung. In die Richtung von Glück und Befreiung! Der Buddha sagte darüber:

„So wie das Morgenrot der Vorbote ist für die Sonne,
so ist weises Ergründen der Vorbote
für den Edlen Pfad zur Befreiung.“

Es ist also empfehlenswert, einen Teil unserer täglichen Meditation für solch weises Nachdenken zu verwenden, um ein sehr klares Verständnis davon zu erzielen, worum es auf dem Praxisweg wirklich geht, welches der Sachverhalt und was ein nützliches Vorgehen ist.

‚Yoniso‘ bedeutet ‚behüten‘, ‚nähren‘, ‚unterstützen‘: Wir schützen uns und andere vor unheilsamem, nicht hilfreichem Denken, Reden und Handeln. Es geht hier also um ein ethisch hilfreiches, klärendes, schützendes und weises Ergründen. Warum sollten wir das tun? Sayadaw U Pandita erwähnt einen Text, in dem es heißt:

„In jenen, die sich in weisem Ergründen üben, entstehen heilsame Qualitäten
und die schon vorhandenen heilsamen Qualitäten werden gestärkt.“

Es gibt Themen, die im Zusammenhang mit unserer Praxis ganz besonders ‚der Reflexion würdig‘ sind.

  • Grundlegend ist sicher das Verständnis der sogenannten ‚Vier edlen Wahrheiten‘ oder ‚Vier wesentlichen Tatsachen in Bezug auf diesen Weg‘.
  • Das Reflektieren über die vier Geist transformierenden Kontemplationen.
  • Das Verstehen der Bedeutung von ‚Gefühlstönung‘.
  • Das Reflektieren über die Merkmale des Daseins, über Unbeständigkeit, Unzulänglichkeit und Nicht-Selbst.#
  • Das Ergründen der sieben Qualitäten des Erwachens.
Die vier relevanten Tatsachen (oder Wahrheiten):
  • Wir sollten verstehen, was gemeint ist, wenn gesagt wird: Dieses Dasein ist leidvoll. Oft ist es so, dass wir zwar glücklich und frei sein möchten, aber gar nicht wissen und anerkennen können, wie und wie sehr wir innerlich leiden – wie jemand, der an Blinddarmentzündung leidet, aber behauptet, es gehe ihm bestens. Über das Leiden und was damit gemeint ist – und wie es in uns fast ständig stattfindet –, sollten wir ‚weise reflektieren‘.
  • Es ist auch wesentlich, die ‚zweite relevante Tatsache‘ zu verstehen: Die Ursachen für alles innere Leiden liegen in unserem Herzen, in unserem Geist. Und dort liegen natürlich auch die Ursachen für Glück und innere Freiheit! Die Verblendung, die Täuschung, lässt uns dieses Dasein in unrealistischer Weise sehen und interpretieren. So sind wir, durch Anhaften und Verlangen, durch Ärger und Aversion, durch nicht hilfreiche Umgangsweisen, immer wieder im Clinch damit. Genau das müssen wir klar verstehen. Da hilft ‚weises Reflektieren‘, ‚weises Ergründen‘ enorm!
    ‚Gefühlstönung‘ ist somit ein weiterer Praxisaspekt, der des weisen Ergründens wert ist: Wir müssen verstehen, was gemeint ist mit dem buddhistischen Begriff ‚vedana‘, der hier als Gefühlstönung übersetzt wird. Vage Vorstellungen helfen da nicht. Es geht darum, den Prozess unserer Reaktionen von Verlangen und Ablehnung auf angenehme, unangenehme oder neutrale ‚Gefühlstönungen‘ klar zu verstehen und zu erkennen, wie diese Reaktionen Leiden in uns verursachen. Dies ist mit relativ wenig Aufwand verstehbar, aber den braucht es einfach. Dann wird es auch viel leichter, diese Prozesse ‚in action‘ in der formalen Meditation und im Alltag zu erkennen und zu durchschauen. So nutzen wir die Meditation und die Alltagspraxis wirklich für etwas, das wertvoll und befreiend ist.
  • Es inspiriert uns, wenn wir die ,dritte relevante Tatsache‘ richtig verstehen – das Ende des Leidens, die Befreiung. Da ist es schon gut, wenn wir über den wesentlichen Unterschied zwischen angenehmen, erwünschten Erfahrungen einerseits und liebevoller, mitfühlender Gelassenheit andererseits reflektieren. So wird uns klar, was in dieser Praxis – und im Leben – möglich ist und was nicht, um was es sich zu bemühen gilt und was eine sinnvolle Praxisausrichtung ist. Eben das Kultivieren von tiefem Annehmen und Loslassen anstelle von endloser Genussoptimierung. Die Vipassana-Lehrerin Sylvia Boorstein tätigte die entsprechende Aussage für Praktizierende: „Schmerz ist unvermeidlich. Leiden ist freiwillig.“
  • Am relevantesten, im praktischen Sinne, ist das Reflektieren über die verschiedenen Aspekte des Pfades, der Meditation und der Praxis im Alltag – die vierte Tatsache. Man spricht hier von ethischem Verhalten, Meditation und befreiender Erkenntnis oder vom ‚Achtfachen Pfad‘.
    Ethische Handlungsweise ist das Vermeiden von Töten, von Nehmen, was einem nicht gehört, von verletzendem Verhalten in unseren Beziehungen, von Unehrlichkeit, Verleumdung, grober Rede und Klatsch sowie von falschen, nicht wirklichkeitsgemäßen Sichtweisen. Die folgende Geschichte zeigt, wie wichtig diese Lebensweisen sind, wenn wir einen ruhigen und entspannten Geist kultivieren möchten:
    Ein Mann schreibt an das Steueramt: „Ich kann kaum mehr schlafen, weil ich bei den Steuern geschummelt habe. Da ich nicht mein tatsächliches Einkommen deklariert hatte, sende ich Ihnen nun 3.000 Franken. Sollte ich weiterhin nicht schlafen können, würde ich Ihnen auch den Rest noch senden.“
    Zu praktizieren ohne ethisches Verhalten im Reden, im Handeln und im Lebenserwerb ist vergleichbar mit einer Ausfahrt mit einem Boot, das am Ufer festgemacht ist.
  • Rechtes Verständnis oder rechte Erkenntnis, der erste und zweite Aspekt des ‚Achtfachen Pfades‘, ist unerlässlich. Und ein bedeutender Teil davon wird eben durch Reflexion und weises Ergründen kultiviert.

Das regelmäßige Üben der ‚vier den Geist transformierenden Kontemplationen‘ ist hilfreich und gehört zum Pfad. Darüber, wie selten und wie wertvoll unsere Situation ist als Menschen, die Interesse und Zugang zu einer befreienden Praxis haben. Dadurch entsteht große Wertschätzung für Leben und Praxis.
Auch darüber, wie vergänglich und zerbrechlich diese wertvolle Situation ist und dass sich unser Leben unaufhaltsam seinem Ende nähert – wie ein Wasserfall, der nie aufwärts fließt, wie die einzelnen Tropfen, die zu schweben scheinen und doch unaufhaltsam dem Talboden zu sinken. Sich zutiefst mit den Realitäten von Vergänglichkeit und Tod anzufreunden und das Leben entsprechend sinnvoll zu nutzen, ist der Zweck dieser Reflexionen.
Drittens, sich bewusstzumachen, wie viel Leiden immer wieder entsteht in diesem Dasein – und wie viel Leiden wir in unserem eigenen Geist und Herzen hervorbringen. Dies ist die Reflexion über die erste edle Wahrheit, die Wahrheit vom Leiden, die oben bereits erwähnt wurde. Sich der Erfahrung des Leidens in diesem Dasein zu stellen und zu lernen, mitfühlend, tatkräftig, aber gelassen damit umzugehen, ist der Zweck dieser Reflexion.
Der vierte Punkt der ‚vier den Geist transformierenden Kontemplationen‘ bezieht sich auf das, was im buddhistischen Kontext als ‚Karma‘ bezeichnet wird, und heißt, sich bewusstzumachen, dass unheilsame Absichten wie Verlangen, Aversion, Neid, Eifersucht und Ähnliches tatsächlich leidvoll sind – und uns selbst innerlich Leiden schaffen, während heilsame Absichten wie Großzügigkeit, Güte, Mitgefühl und Weisheit freudvoll sind und inneres Wohlergehen, Verbundenheit und Geräumigkeit bewirken.

Zu den relevanten und transformierenden Reflexionen gehören auch gewisse Mitgefühls- und Bodhicitta-Praktiken: Unsere Abhängigkeit von zahllosen Menschen und Lebewesen zu sehen und anzuerkennen. Die Gleichheit zwischen sich und anderen zu sehen. Das Einnehmen des Platzes, der Gefühle und der Sichtweisen der anderen – des Austauschens von sich und anderen.

All diese Aspekte der ‚Vier edlen Wahrheiten‘ oder ‚relevanten Tatsachen‘ zu kennen, richtig zu verstehen und schließlich in unser Leben zu integrieren, bildet Fundament und Nährboden der Praxis – und dazu brauchen wir ‚Reflektieren‘ und ‚weises Ergründen‘.

Vergänglichkeit

Dasselbe gilt für ein klares Verständnis der Charakteristiken allen Seins: Vergänglichkeit, Unzulänglichkeit und Nicht-Selbst. Wenn wir – eben auch intellektuell – klar verstehen, warum und wie die kontinuierliche, tiefe Erfahrung dieser Daseinsmerkmale unseren Geist und unser Herz von Ergreifen und Festhalten befreit, dann sind wir schneller bereit, dorthin zu schauen und zu spüren, wo’s relevant ist, statt uns vorwiegend um das Vermeiden von unangenehmen und das Hinkriegen von angenehmen Erfahrungen zu kümmern.

Wir besitzen zum Beispiel ein wertvolles Objekt oder wir leben mit einer geliebten Person zusammen. Obschon wir eigentlich wissen, dass sich alles immer wieder verändert im Leben, erfahren wir diese Dinge, diese Objekte, diese Menschen gefühlsmäßig als verlässlich, als sicher, als ‚bleibende Werte‘. Wenn der wertvolle Besitz nun unverhoffterweise verloren geht, zerbricht oder verschwindet, wenn die geliebte Person sich plötzlich abwendet, uns verlässt, sich aus unserem Leben verabschiedet, sind wir schockiert, verletzt, bestürzt, zu Tode betrübt.
Wenn wir aber oft über die Unstetigkeit aller Dinge und aller Lebewesen reflektieren und ihre Vergänglichkeit bewusst erfahren, sind wir besser vorbereitet, gelassener und unbeschwerter, wenn solch einschneidende Veränderungen eintreten, wenn die Gesetze der Vergänglichkeit manifest werden. Ajahn Chah, ein Meister der Thai-Waldkloster-Tradition, besaß eine schöne Tasse aus feinem Porzellan. Er erklärte, dass er diese Tasse betrachte, als sei sie bereits zerbrochen. Darum trage er Sorge zu ihr, freue sich an ihr und es würde auch völlig okay sein, wenn sie tatsächlich zerbrechen würde.

Eine letzte Art von bedeutsamen Reflexionen soll hier ohne zusätzliche Erklärungen erwähnt werden: das Reflektieren über das bedingte, abhängige Entstehen aller Dinge, aller Momente, aller Erfahrungen dieses Lebens. Es ist nämlich das tiefe Verständnis dieses essenziellen Aspektes unserer Wirklichkeit, welches die befreiende Erkenntnis von ‚Nicht-Selbst‘ und schließlich von der ‚Nicht-Selbstexistenz‘ aller Dinge hervorbringt.

Der befreienden Erkenntnis zugewendet

Dabei geht es nicht nur um das Kultivieren irgendwelcher guten Qualitäten, sondern um Geistes- und Herzenseigenschaften, die befreiende Erkenntnis und Weisheit fördern. Solcherart sind zum Beispiel die sogenannten ‚Sieben Faktoren des Erwachens‘. Als ‚unmittelbare Ursache‘ für jede dieser sieben Qualitäten wird ‚Weises Ergründen‘ erwähnt.
Diese Qualitäten des Erwachens sind: Achtsames Gewahrsein, Ergründen des Dharma, energisches Bemühen, freudiges Interesse, Ruhe, Sammlung und Stetigkeit sowie Gelassenheit. Diese müssen in uns präsent und stark sein, damit Herz und Geist zu befreiender Erkenntnis erwachen können.
Und weises Ergründen wird als eine der Hauptursachen dieser Qualitäten genannt! Reflektieren als Ursache für befreiende Erkenntnis heißt also für uns: In der Meditation dazusitzen – selbst wenn wir achtsam sind –, reicht nicht aus. Ajahn Chah:

„Es gibt Leute, die glauben, je länger sie sitzen würden, desto weiser müssten sie sein.
Ich habe Hühner tagelang auf ihren Nestern sitzen sehen …“

Wir können sogar jahrelang dasitzen. Wenn wir nicht wirklich verstehen, worum es dabei geht, wird sich wenig verändern. Denn so bleibt unsere Sicht des Daseins dieselbe. Und auch unser Umgang mit uns selbst und unserer Mitwelt bleibt derselbe. Ein klares und korrektes Verständnis des Weges und das Schulen unseres Denkens sind die wesentlichsten Mittel, um unsere Praxis zu festigen und ihre Schubkraft zu verstärken!

‚Meditation‘ – Sich angewöhnen

Wir üben uns also in Zuhören und Reflektieren oder ‚Weisem Ergründen‘.
Als Letztes folgt ‚Meditieren‘, wobei die entsprechenden tibetischen oder Pali-Begriffe eigentlich ‚sich angewöhnen‘, ‚sich zu eigen machen‘ bedeuten. Es ist der sechste, siebte und achte Aspekt des ‚Achtfachen Pfades‘. Angemessenes Bemühen um die richtige Art von achtsamem Gewahrsein, mit einer heilsamen Art von gesammelter Stetigkeit. Dies zum Zwecke des Kultivierens von Einsicht, von Erkenntnis, von befreiender Weisheit und zum Zwecke des formalen Kultivierens von Herzensqualitäten wie liebevoller Güte und Mitgefühl.

Ganz praktisch zur Übung im Alltag: Regelmäßiges Meditieren ist wesentlich, wenn wir möchten, dass sich wirklich etwas verändert in unserem Leben. Das wissen wir alle. Aber eine solide Grundlage aus korrektem Wissen und Verstehen des Weges, der Mittel und Methoden und ihrer Funktionsweisen und Ziele ist fast noch wichtiger. Also zuhören, lesen und studieren! Eine Transformation unserer Sicht- und Denkweisen im Leben, eine Verschiebung unserer Prioritäten in Richtung echtes Interesse an Leidensfreiheit und mitfühlender Verbundenheit durch systematisches Reflektieren und weises Ergründen ist von größter Bedeutung.

 

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