Meditation

 Sich mit dem Geist zu befassen, führt zu erstaunlichen Veränderungen. Meditation wirkt positiv auf das Gehirn und kann als Mittel gegen Stress, Angst und Depressionen dienen.

Die große Illusion

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und seine Frau haben ein neues Ziel: Bis zum Ende dieses Jahrtausends möchten sie alle Krankheiten dieser Welt heilen. „Mark und ich glauben, dass das möglich ist“, sagte Zuckerbergs Ehefrau Priscilla Chan. In den nächsten Jahren wollen sie drei Milliarden US-Dollar in die Forschung investieren. Die Idee kam ihnen bei der Geburt ihrer Tochter Maxima. Mark Zuckerberg schrieb in einem an seine Tochter gerichteten Brief: „Du hast uns einen Grund gegeben, über die Welt nachzudenken, in der du leben wirst.“ Zuckerbergs Frau hat als Kinderärztin viel Leid erlebt. Sie erzählte in einem Vortrag, wie sie anderen Eltern mitteilen musste, dass ihr Kind nicht wiederbelebt werden kann oder an Leukämie erkrankt war. „Wir wollen das Leben von jeder Person in der Generation von Maxima dramatisch verbessern und sicherstellen, dass wir keine übersehen“, betonte die Ehefrau des Facebook-Gründers. Kritiker behaupten, dem Facebook-Gründer gehe es in erster Linie um Eigenwerbung, mit einer derart geringen Summe könne man nicht einmal das Forschungsbudget eines Jahres bestreiten und das Ziel sei völlig unrealistisch. Google-Mitgründer Sergey Brin geht sogar noch einen Schritt weiter. Er möchte gleich den ‚Tod heilen‘.

Gesundheit als Ersatzreligion

Der Arzt und Theologe Manfred Lütz spricht von einem ‚Gesundheitswahn‘, der zur Ersatzreligion geworden sei. „Die Menschen sind heutzutage sehr empfänglich für Ersatzreligionen, weil es ein religiöses Vakuum gibt“, so Lütz. Zu den Todfeinden der Gesundheitsreligion gehöre der Tod. Daher versuche man mit allen Mitteln, den Tod zu bekämpfen oder zu vermeiden, etwa mit Fitness oder mit gesunder Ernährung. Doch viele Menschen, so Lütz, begreifen nicht, dass Gesundheit nur eine Rahmenbedingung für das Leben sei, aber nicht das Leben selbst.

Was Heilung bedeutet

Wer krank ist, möchte möglichst schnell geheilt werden. In der Medizin wird unter Heilung die Wiederherstellung der Gesundheit unter Erreichung des Ausgangszustandes verstanden. Bleibt ein organischer oder funktioneller Restschaden, wird von einer Defektheilung gesprochen. In der Rechtswissenschaft steht Heilung für die Überwindung eines Formmangels. Hier handelt es sich um ein mechanisches Heilungsverständnis. Wenn etwas oder ein Organ nicht funktioniert, wird es repariert oder erneuert. Unsere leistungsorientierte Gesellschaft baut darauf auf, dass alles möglichst gut funktioniert. Doch Heilung kann mehr bedeuten als den Austausch schadhafter Teile.
Sprachgeschichtlich stammt Heilung vom Wort ‚heil‘ ab, was ‚ganz werden‘ bedeutet. Wer heil wird, sieht sich mit den Augen der Ganzheit und nimmt sich als ganzen Menschen wahr. Ein Mensch besteht nicht nur aus dem Körper und dem Geist, wobei die Psyche dem Geist zugeordnet werden kann. Jeder Mensch hat Gefühle, kontrollierte und unkontrollierte Emotionen, die sogenannten Leidenschaften. Zu jedem Leben gehören schöne, angenehme und lustvolle, aber auch widersprüchliche und gegensätzliche Seiten. Es ist nicht immer leicht, diese unterschiedlichen Seiten in sich zu erkennen, anzunehmen und zu integrieren. Wird jemand krank, kann eine ganzheitliche Behandlung hilfreich sein. In einen solchen Heilungsprozess wird nicht nur der Körper, sondern auch die Psyche und der Geist eingebunden. Hat sich jemand beispielsweise den Mittelfuß gebrochen, dann reicht vielleicht ein Gips nicht aus, sondern es ist sinnvoll, sich auch um den Geist zu kümmern. Das kann bedeuten, sich in der Heilungsphase viel Ruhe und Entspannung zu gönnen.
Der Begriff ‚heil‘ verweist auch auf eine religiöse Dimension, denn er ist mit dem Wort ‚heilig‘ verwandt. Heilig steht im religiösen Kontext für etwas Besonderes, Verehrungswürdiges. Es gibt die heiligen Schriften, heilige Gegenstände und heilige Orte. Auch Menschen können heilig werden. Wer heilig ist, führt ein vorbildhaftes Leben und steht dem Göttlichen, dem Numinosen, dem, was nicht benannt werden kann, nahe. Im Christentum wird Jesus nicht nur als Erlöser und Retter, sondern auch als Heiland bezeichnet. Er soll Lahme, Blinde und Stumme geheilt haben. In verschiedenen buddhistischen Traditionen gibt es den Medizinbuddha, der auch ‚König der Heiler‘ oder der ‚heilende Buddha‘ genannt wird. Der Medizinbuddha hält in der linken Hand eine Schale mit Heilungsnektar und in der rechten Hand einen Zweig mit Früchten. Doch Religionen können sich auf einen Heilungsprozess nicht nur positiv, sondern auch negativ auswirken. Religiöse Lehrer, die Angst machen und ständig vom Teufel, von der Hölle oder der ewigen Verdammnis predigen, können Schlimmes bewirken. Im Gegensatz dazu können Religionen aber auch als ermutigend, befreiend und heilsam erlebt werden.

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Wenn die Medizin nichts mehr tun kann

Im Volksmund heißt es, der Glaube kann Berge versetzen. Doch kann der Glaube auch Krankheiten wie Krebs oder Aids heilen? Der österreichische Wissenschaftsjournalist und Filmemacher Kurt Langbein, der selbst von einer Krebserkrankung geheilt wurde, hat sich im Buch ‚Weißbuch Heilung‘ intensiv mit dieser Frage beschäftigt. Darin zeigt er Beispiele, in denen Menschen geheilt wurden, auch wenn die moderne Medizin für sie nichts mehr tun konnte. In solchen Heilungsprozessen spielten Achtsamkeit, Entspannung, Empathie, Liebe und Zuwendung eine entscheidende Rolle.
Langbein besuchte unter anderem den deutschen Heiler Wolfgang Maly, der die sogenannte Maly-Meditation entwickelte. Dabei handelt es sich um eine komplementäre Methode, mit der medizinische Behandlungen unterstützt werden, indem die Selbstheilungskräfte der Patientinnen und Patienten in einer geistigen, seelischen und körperlichen Weise aktiviert und gestärkt werden.
Professor Waldemar Uhl von der Chirurgischen Klinik des St. Josef-Hospitals in Bochum schickt immer wieder Patienten zu Maly. „Ein großes Problem der deutschen Schulmedizin ist, dass aufgrund der Technisierung und der zunehmenden Ökonomisierung der Medizin die Zuwendung zu den Patienten und ihren Angehörigen eindeutig zu kurz kommt“, sagt Uhl. Ärzte haben oft zu wenig Zeit, um sich den Patienten als Menschen zu widmen und das therapeutische Gespräch zu pflegen. „Hinzu kommt, dass viele Schulmediziner komplementärmedizinische Maßnahmen ablehnen. Gerade in Deutschland ist es schwierig, sich als Schulmediziner zu diesem Thema zu äußern“, so Uhl. In großen Tumorzentren in den USA hingegen gibt es bereits eigene Abteilungen, die sich komplementärmedizinischen Behandlungskonzepten widmen. „Dort wird diese Herangehensweise als Integrative Medizin bezeichnet und sogar intensiv erforscht“, betont Uhl.

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Die Formel für ein langes Leben

Die berühmte Molekularbiologin und Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn erforscht den Prozess des Alterns. Der Schlüssel für ein längeres Leben sind die sogenannten Telomere, kleine Schutzkappen an den Enden der Chromosomen, die verhindern, dass das Erbmaterial zerfranst und unbrauchbar wird. Bei jeder Zellteilung werden sie ein Stückchen kürzer, bei einer kritischen Länge stoppt die Teilung der Zelle für immer und die Zelle ‚vergreist‘.
„Mehrere Mind-Body-Techniken wie Meditation, Qigong oder Yoga bauen nachweislich Stress ab und erhöhen so die Konzentration des Enzyms Telomerase, das Telomere regenerieren lässt“, so die Nobelpreisträgerin. Zusätzlich können Telomere mithilfe von gesunder Ernährung, einem erfüllten Sozialleben, körperlicher Aktivität und psychischer Ausgeglichenheit instand gehalten und ‚gepflegt‘ werden.

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Achtsamkeit als heilsamer Weg

Um heil beziehungsweise ganz zu werden, kann Achtsamkeit helfen. Wer achtsam zu sich und zu anderen Menschen ist, lebt mehr im Hier und Jetzt und kann lernen, das innere Gedankenkarussell abzuschalten.
Bei der Entschleunigung erweisen sich Achtsamkeitsübungen als hilfreich. Hier geht es um ein Innehalten und Zur-Ruhe-Kommen, um ein In-sich-Hineinhorchen und um ein In-sich-Hineinspüren: Wie geht es mir gerade? Was stresst mich? Was tut mir im Moment gut? Der Augenblick wird bewusst wahrgenommen. Die Situation wird nicht bewertet. Es werden die Dinge so betrachtet, wie sie sind.
Achtsamkeitsübungen lassen sich leicht in den Alltag einbauen. Jemand kann beispielsweise im Büro vor dem Computer sitzen und kurz innehalten. Aus historischer Sicht ist Achtsamkeit in der buddhistischen Lehre und in der buddhistischen Meditationspraxis zu finden, mittlerweile ist Achtsamkeit weit verbreitet. Viele Unternehmen organisieren für ihre Mitarbeiter Achtsamkeits- und Meditationskurse. Im Internet werden für eine monatliche Gebühr eine Reihe von Meditations-Apps verkauft. Achtsamkeit ist eine gute Grundlage für die Meditation. Das Wort Meditation kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Nachdenken beziehungsweise Nachsinnen. Bestimmte Formen buddhistischer Meditation, wie etwa Zen und Vipassana, führen jedoch über das Denken hinaus in gedankenfreie Zustände. Meditation wird in vielen Kulturen und Religionen praktiziert. Es gibt verschiedene Meditationstechniken, die sich nach ihrer religiösen Herkunft und nach den unterschiedlichen Richtungen und Schulen unterscheiden. Ihre Zahl scheint schier unerschöpflich. So werden etwa religiöse und nicht-religiöse Formen, verschiedene Konzentrationsmethoden, dynamische Meditationsformen, Stille- oder Ruhemeditationen, Achtsamkeits- und Einsichtsmeditationen unterschieden.

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Wer meditiert und achtsam ist, muss keiner Religion angehören. Der US-amerikanische Professor Jon Kabat-Zinn hat beispielsweise die aus dem buddhistischen Kontext herausgelöste Achtsamkeitspraxis MBSR, die Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion, propagiert. Die Teilnehmer lernen durch bestimmte Meditationen, Atem- und Körperübungen das nicht wertende Annehmen dessen, was gerade wahrnehmbar ist. Dabei kann es sich um Körperempfindungen wie Verspannungen, Kribbeln, Emotionen, Gefühle oder Stimmungen handeln. „Wir lernen, innerlich ruhig zu werden und in einen Zustand tiefer, anhaltender Entspannung und innerer Harmonie zu kommen, in dem wir uns wieder ganz und als Ganzes, das heißt in unserer Heilheit und Vollständigkeit als Person spüren“, schreibt Jon Kabat-Zinn im Buch ‚Gesund durch Meditation‘. 

Mittlerweile liegen zahlreiche wissenschaftliche Studien über die heilsamen Auswirkungen von Meditationen auf die Gesundheit vor. Der Psychologe und Meditationsforscher Ulrich Ott von der Universität Gießen schreibt im Buch ‚Meditation für Skeptiker‘, in der Meditation geschehe eine Bewusstseinsveränderung. Meditation diene dazu, das Bewusstsein zu erweitern und sich von eingefahrenen Denkmustern und Verhaltensweisen zu lösen. Zudem können im Zuge der Meditationspraxis außergewöhnliche Bewusstseinszustände auftreten, ‚die eine neue Sicht der Realität und der eigenen Identität eröffnen‘. Laut Ott ist es bisher allerdings kaum möglich, eine Empfehlung zu geben, welche Meditationsmethode bei welcher Erkrankung die besten Ergebnisse erwarten lässt. „Auch die Frage, welche Meditationsmethode zu welcher Person passt, ist bisher ebenso ungeklärt wie die Frage nach der Dosis, also der Übungsdauer und Übungshäufigkeit, die erforderlich ist, um eine gewünschte Wirkung zu erzielen.“
Somit ist es ratsam, verschiedene Meditationstechniken auszuprobieren. Nicht jeder kann gleich im Lotussitz meditieren. Manche nutzen das meditative Laufen, um zur Ruhe zu kommen. Andere tun sich mit Körperübungen leichter. Auch Wandern, Tanzen, Schwimmen können meditativ ausgeübt werden. 

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 Illustrationen © Francesco Ciccolella

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