Meditation

Herausgeber Peter Riedl, 73, über die letzten 20 Jahre Ursache&Wirkung, über sein Leben und seine spirituelle Entwicklung und warum der Westen den Buddhismus braucht. 

Seit mittlerweile 20 Jahren geben Sie die Zeitschrift Ursache&Wirkung heraus und nennen diese auf Ihrer Homepage das ‚einzige unabhängige buddhistische Magazin im deutschsprachigen Raum’. Was bedeutet unabhängig in diesem Zusammenhang?
Ursprünglich wurde die U&W als Organ der Österreichischen Buddhistischen Gemeinde herausgegeben. Im Vergleich dazu werden im deutschsprachigen Raum alle anderen buddhistischen Zeitschriften von buddhistischen Dachorganisationen oder einzelnen buddhistischen Gruppen herausgegeben und sind daher von diesen abhängig. U&W ist keiner Organisation verpflichtet, sie ist offen und frei – selbst von mir als Eigentümer. Die einzige, vage Vorgabe, die U&W hat, ist die Ausrichtung auf die Entwicklung des Buddhismus im Westen. Dazu gibt es einen interessanten Satz des Dalai Lama. Seiner Ansicht nach gäbe es zwei Formen von Buddhismus: einen mit Glauben und einen ohne Glauben. Das finde ich interessant und der zweite Ansatz könnte in Europa große Bedeutung bekommen. Buddhismus als Übung zu sehen – frei von allen Dogmen –, um das geht es. Über die letzten Jahrhunderte hat sich sehr viel Glauben in die buddhistische Lehre eingeschlichen und dadurch die Übung immer mehr verdrängt.
Schaut man sich die Covers der letzten 70 Ausgaben an, bekommt man das Gefühl, dass das Magazin esoterisch ist und fast einen missionarischen Charakter aufweist. 
Der Vorwurf mit der Esoterik trifft mich hart. Mit Esoterik habe ich grundsätzlich nichts am Hut. Im Lauf der letzten 20 Jahre hatten wir verschiedene Layouter und Chefredakteure – und da waren sicher auch einige dabei, die einen eher esoterischen Ansatz vertraten. U&W hat vielleicht einen kleinen missionarischen Anspruch, allerdings nicht, um Menschen zum Buddhismus zu bekehren, sondern die Menschen im Westen zu informieren, wie man sich im Alltag buddhistisch üben kann. Der Buddhismus, insbesondere die Meditation, kann für den westlichen Menschen sehr hilfreich sein. Meditation kann ich wirklich jedem Menschen empfehlen – vom Politiker über den Manager bis hin zum Sportler.

Warum fallen Ihnen Manager und Politiker als erste Leute ein?
Diese Personengruppen setzen sich in gewisser Weise mit dem Geist auseinander. Natürlich könnte man genauso gut Wissenschaftler nennen. Spirituell sein heißt, sich mit dem Geist auseinandersetzen. Politiker haben einen geistigen Beruf – auch wenn sie sich meistens nicht mit dem Geist auseinandersetzen. Und wer sich mit seinem Geist auseinandersetzt, kommt automatisch zu einer spirituellen Übung. Meditation ist Konzentration, Meditation ist Achtsamkeit und Innenschau. Diese drei Fähigkeiten kann man in jedem geistigen Beruf gebrauchen.

Glauben Sie, dass man Leute, die keine Buddhisten sind, mit dieser Zeitschrift ansprechen kann?
Ja, natürlich! Und genau deswegen mache ich die Zeitung. Das, was wir schreiben, ist offen und breit. U&W hat 30.000 Leser und manchmal wundere ich mich, warum wir nicht 300.000 Leser haben. Die Themen, über die wir schreiben, sind in der westlichen Welt nicht unbedingt bekannt. Um nur ein Beispiel zu nennen: Mit dem eigenen Denken kann man auch anders umgehen, als wir das immer tun – nämlich nicht wertend. Das kann man üben. Ich denke, wir schreiben über Themen, die für alle Menschen interessant sein können.

Warum haben Sie sich für den Namen Ursache&Wirkung entschieden?
Ursache&Wirkung ist mir eines Tages nach einer Meditation eingefallen. Der Titel ist weder esoterisch noch abgedroschen. Die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung sind eine buddhistische Erkenntnis. Alles, was wir in der Welt erleben, ist bedingt. Auf jede Ursache folgt eine Wirkung. Eine wesentliche Aussage des Buddhismus ist, dass nichts unbedingt ist, dass es kein Absolutes gibt.
Der Buddhismus muss in unseren Breitengraden schon lange nicht mehr das Stigma einer Sekte ertragen. Mich wundert daher, dass in U&W eher ein buddhismusfreundlicher als ein buddhismuskritischer Umgang
vorherrscht.
Sie irren sich. Wir sind nicht unkritisch. Es gibt Ausgaben mit Themenschwerpunkten wie ‚Probleme im Weltbuddhismus’. Viele unserer Artikel setzen sich kritisch mit sektoiden Strömungen im Buddhismus auseinander. Wir gehen in U&W sehr hart mit diesen Gruppen und Strukturen ins Gericht. Wir sprechen dies an und decken auch auf.

Worauf führen Sie diese teilweise sektoiden Strukturen im Buddhismus zurück?
Ich glaube, dass sich viele Menschen in sektoiden Strukturen wohlfühlen. Außerdem erlangt man durch spirituelle Übungen Macht, und zwar über sich selber und auch über andere. Für viele Menschen kann es sehr verführerisch sein, diese Macht auszuüben. Spirituellen Machtmissbrauch gibt es sowohl im Buddhismus als auch in allen anderen Religionen.
Meiner Meinung nach haben Menschen, die diese Macht missbrauchen, die Religion nicht verstanden. Sind Sie auch dieser Meinung?
Zweifelsohne. Das Einzige, was Buddhismus ist und sein möchte, ist ein Weg zur Zufriedenheit, ein Weg zur Leidfreiheit. 

Wie passt Ihr erfolgreiches berufliches Leben mit dem Anspruch eines Buddhisten, das Ego aufzulösen, zusammen?
In der buddhistischen Praxis geht es nicht darum, das Ego aufzulösen, sondern das Ego als Illusion zu erkennen – und das ist ein wesentlicher Unterschied. In meiner spirituellen Praxis habe ich erkannt, dass man mit Egoismus im Leben schlecht weiterkommt. Ich sehe im Anspruch, am Ego zu arbeiten und gleichzeitig beruflich erfolgreich zu sein, überhaupt keinen Widerspruch. Darin liegt sogar mein Erfolgsgeheimnis. Je weniger ich möchte und je weniger egoistisch ich handle, umso eher stellt sich Erfolg ein. Ein Manager einer Firma, der nicht nur auf die eigene Macht und auf das eigene Streben schaut, sondern darauf, welche Produkte die Menschen brauchen, wie es seinen Mitarbeitern in der Firma geht, wird erfolgreich sein. Es gibt übrigens sehr viele erfolgreiche Menschen, die spirituell sind und an ihrem Ego arbeiten. Denken Sie an die Gruppe amerikanischer Milliardäre, die einen großen Teil ihres Vermögens spenden. Ein großes Ego zu haben ist sicher kein Erfolgsgeheimnis. Sowohl Gaddafi als auch Mubarak haben ein riesiges Ego – ich denke, sie gehen mit ihren Gefühlen und ihrem Denken vollkommen falsch um, dauerhaft erfolgreich sind sie nicht.

Bei Durchsicht Ihres Lebenslaufes habe ich einen spannenden Satz gelesen: ‚1986 – Zuflucht zum Buddhismus’. Wovor sind Sie denn geflohen? Normalerweise ist dieses Wort mit Einsamkeit, Vertriebenheit, Asyl assoziiert.
Zuerst einmal ist ‚Zuflucht nehmen’ ein Terminus technicus. Außerdem hatte ich auch viel Traurigkeit und Probleme in mir. Mithilfe des Buddhismus konnte ich viel davon lösen. Schon sehr früh in meinem Leben verspürte ich die Sehnsucht, über die üblichen Ziele, über Familie und beruflichen Erfolg hinaus, mehr zu suchen. So habe ich von spirituellen Reisen nach Indien über Psychotherapie bis hin zu Selbsterfahrungsseminaren sehr viel ausprobiert. Irgendwann bin ich dann zu Meditation und Buddhismus gekommen. Das war nicht immer leicht, hat mich aber sehr weit gebracht. Die buddhistische Übung ist mein Weg zu einer inneren Freiheit.

Ihr Vater war Medizinalrat. Sind Sie mit der Aussicht, anderen Menschen einerseits zu helfen und andererseits zu einer gewissen Schicht zu gehören, Arzt geworden? Wie sehen Sie das?
Ich persönlich habe mir am Beginn wenig aus einer gesellschaftlichen Anerkennung als Arzt gemacht. Das Medizinstudium war mehr ein Wunsch meiner Mutter. Grundsätzlich wollte ich aber immer schon ein ethisches Leben leben und einen ethisch richtigen Beruf ausüben. Bei der seinerzeitigen Studienwahl waren das natürlich noch keine ausformulierten Gedanken, sondern eher unterbewusste Entscheidungen. Wirklich bewusst ist mir das erst später geworden. Aber bereits im Alter von 17 Jahren war ich der Meinung, dass der Mensch auf der Welt ist, um zu helfen.

Einer Ihrer besten Freunde war der im letzten Jahr verstorbene Genro Koudela, Osho. Was haben Sie von ihm gelernt?
Von Genro habe ich die völlig undogmatische Herangehensweise an alles gelernt. Er war für mich Freund und Mentor zugleich. Wir haben uns so alle zwei Monate gesehen und über Gott und die Welt gesprochen. Er war ein Mensch, der die Dinge völlig klar und authentisch gesehen hat.

Ist der Buddhismus eine mehr von Männern geprägte Praxis oder Religion?
Historisch gesehen in jedem Fall. Das kommt sicher auch aus der patriarchalischen asiatischen Kultur. Heute setzen sich viele Frauen mit Buddhismus auseinander. Die Beschäftigung mit der eigenen Persönlichkeit ist mittlerweile eher Frauensache. Frauen scheinen mehr Mut im persönlichen Bereich zu haben.

Die letzte Ausgabe von U&W hatte den Titel ‚Stress’. Wie passt das zu einem buddhistischen Magazin? Armut macht Stress, soziale Benachteiligung macht Stress. Buddhismus engagiert sich kaum sozial, hat er eigentlich Kompetenz, Antworten auf dieses Thema zu geben?
Ganz sicher. Sie bezeichnen Stress als etwas, was von außen kommt. Nun ist es aber so, dass äußere Umstände natürlich stressen können – wesentlich ist aber die Erkenntnis, dass der Stress selbst immer aus dem eigenen Inneren kommt. Wenn man sich ärgert, hat man Stress. Wenn man sich nicht ärgert, hat man keinen Stress. Die wenigsten Menschen ziehen die Möglichkeit in Betracht, sich dort, wo sie sich immer geärgert haben, nicht mehr zu ärgern. Buddhismus ist die Methode, sich nicht zu ärgern. Eine wesentliche Übung im Buddhismus ist es, den Ärger fallen lassen zu können, von äußeren negativen Umständen frei zu werden. Das geht natürlich nur im psychologischen Bereich, materielle negative Umstände wie Armut und soziale Ungerechtigkeit bleiben weiterhin bestehen, nur von den negativen Reaktionen darauf kann man frei werden. Freie Menschen können dann im Gegenzug Armut und soziale Ungerechtigkeit besser bekämpfen.

Ändert das auch die Wirklichkeit?
Nun ja, zuerst einmal ändert es die eigene Befindlichkeit und damit auch das eigene Leben. Wenn Sie mit Wirklichkeit die Welt meinen, dann ändere ich in weiterer Folge auch die ganze Welt, da ich ja ein Teil von dieser bin. Je egoloser ich werde, desto mehr werde ich Positives tun und umso mehr gesellschaftliche Gerechtigkeit werde ich herstellen. Ich halte die Reduktion des Egos für eine sehr wichtige Sache. Achtung: Das heißt nicht, dass ich nicht mehr nach Erfolg streben darf oder den Direktorenposten nicht behalten kann. Ganz im Gegenteil: Jeder Manager von Mercedes sollte meditieren und an seinem Ego arbeiten. Es wird auch nicht erwartet, dass er sich für den Rest seines Lebens in die Höhle zum Meditieren zurückziehen soll. Nein, er soll – nach der Übung – auf seinen Direktorensessel zurückkehren und seinen Job besser als vorher machen.

Arme werden immer ärmer und Reiche immer reicher. Das ist die ökonomische und gesellschaftliche Wirklichkeit. Was kann der Buddhismus hier anbieten?
Eine Regel im Buddhismus ist, seinen Besitz zu teilen. Ein Drittel für sich selbst, ein Drittel für die Familie und ein Drittel für die Gemeinschaft. Mönche und Nonnen sind ganz besitzlos. Im Buddhismus wird Reichtum aber nicht als etwas Negatives gesehen, sondern als etwas, mit dem man in der Welt positiv wirken kann. Je weniger Ego ich habe, umso weniger brauche ich dann für mich selbst und desto mehr kann ich geben. In Europa zahlen Vermögende ohnehin schon hohe Steuern. Trotzdem bin ich der Meinung, dass jeder darüber hinaus auch etwas spenden oder mit seinem Geld in anderer Weise positiv umgehen sollte. Golf spielen alleine ist sicher zu wenig.

Reichtum häuft sich in den meisten Fällen nicht an, weil jemand so fleißig ist, sondern weil er andere ausbeutet oder weil er irgendwelche Finanzspekulationen macht. Hat der Buddhismus eine Antwort auf den unethischen Erwerb dieses Reichtums?
Ethik ist einer der drei Pfeiler des Buddhismus. Den Geist zu üben ist der zweite, denn nur mit einem geübten Geist, einem starken Geist, kann ich etwas bewirken. Leider nicht nur Positives, sondern auch Negatives. Ohne Ethik führt ein starker Geist geradewegs in das Chaos. Zur buddhistischen Übung des Geistes gehören daher Ethik und Weisheit, die aus dem Wissen kommt. Finanzspekulanten haben keine Ahnung von den Zusammenhängen. Sie leben in einer Illusion. Jeder Mensch hat das Potenzial, sich zu entwickeln, und kann, wo auch immer, seinen Beruf ethisch, großzügig und geduldig ausüben. In jedem Fall wird das für ihn und andere besser sein, als würde er ihn unethisch, geizig und ungeduldig ausüben. Ein Buddhist hat also die Möglichkeit, an seinem eigenen Charakter zu arbeiten und damit die Welt zum Besseren zu verändern.

Das ist doch eine schöne Sache.

Renata Schmidtkunz, evangelische Theologin, Leitung, Redaktion und Moderation in den ORF-Sendungen ‚Religionen der Welt’, ‚Und was glaubst Du?’ sowie im 3sat-Religionsmagazin ‚Tagebuch’. Zahlreiche Dokumentationen und Beiträge für das ORF-Religionsmagazin ‚Orientierung’. 1995 gehörte sie zum Gründungsteam der ORF-Erfolgssendung ‚kreuz&quer’. Von 1997 bis 2001 moderierte Schmidtkunz das mobile Außenstudio von ‚kreuz&quer’, die ‚BOX’. 1999 erhielt sie gemeinsam mit dem Team von ‚kreuz&quer’ und der ‚BOX’ den Spezialpreis der ‚Romy’-Jury. 2007 wechselte sie in die 3sat-Redaktion des ORF, wo sie als Regisseurin internationale Dokumentationen gestaltet. Seit Jänner 2008 ist sie eine der sieben GastgeberInnen des neuen ‚CLUB 2’.

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