Meditation

Die im Februar 2015 verstorbene deutsch-amerikanische Meditations-lehrerin Ruth Denison, zählte zu den ersten westlichen Vipassana-Lehrerinnen. Sie sprach 2010 mit uns, über die Arbeit in ihrem Meditationszentrum Dhamma Dena, warum Achtsamkeit so wichtig ist und warum es sich lohnt, sich ‚schön’ anzuziehen. 

Wie arbeitest du mit anderen Menschen? In Kursen oder im Alltag?

Ich habe zwei Ebenen. Einmal folge ich den Anweisungen des Buddha und meines Lehrers U Ba Khin. Zum Zweiten versuche ich, den Menschen direkt zu zeigen, wie sie das Dhamma in sich spüren, anwenden und verstehen können. Ich zeige ihnen Wege, das Dhamma in sich zu prüfen. Wenn jemand Ärger hat, dann führe ich ihn dahin, diesen Geisteszustand so genau wie möglich zu bemerken: Wo finde ich ihn im Körper, was macht er im Denken? Wie kannst du ihn erkennen und loslassen? Ich gebe Hilfe für eine geistige Orientierung und Veränderung.

Außerdem habe ich die Schulung in ‚sensory awareness’. Die Begründerin dieser Übungen hat niemals etwas kommentiert oder irgendwo hingeführt. Doch ich verbinde es mit dem Dhamma, ich führe die Menschen zur Einsicht, zum Verstehen.
Vor kurzem kam eine Thailänderin. Ich habe mit ihr gearbeitet. Sie sagte anschließend: „Was ich von dir in zwei Stunden bekommen habe, das habe ich von meinen Lehrern in 20 Jahren nicht erhalten.“ Das kommt auch daher, weil ich sehr individuell arbeite. Wenn Lehrer zu viele Schüler haben, dann können sie das oft nicht mehr.


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Welche Methoden verwendest du?

Ich arbeite viel mit dem Körper. Wenn man den Körper in seiner jeweiligen Haltung wahrnimmt, dann kann man auch mit Achtsamkeit durch den Körper gehen. Sehr hilfreich ist außerdem die Methode, die Elemente des Körpers zu erkennen. Mein Lehrer U Ba Khin hat großen Wert gelegt auf die Erfahrung der körperlichen Empfindungen. Die Empfindungen sind ein Ausdruck unserer Lebenskraft, genährt vom Atem und vom Herzschlag. Mir ist vor allem wichtig, dass wir sanft und entspannt mit unserem Körper umgehen. Daher mache ich viel mit Bewegung, mit Yoga, mit Tanz, mit Tönen usw., nicht nur stilles Sitzen und Gehen.
Doch alles, was ich mache, hält sich strikt an die ursprüngliche Lehre des Buddha. Wir verwenden den Körper und die Achtsamkeit, um ein klares Verständnis für unser Leben und Sterben zu bekommen.
Wenn wir achtsam zu unserem Körper sind, dann ist das zunächst wie eine Reinigung, eine Art Heilung und Entspannung.
Dann bemerken wir unsere Empfindungen – sie sind entweder angenehm oder unangenehm. Von unseren Reaktionen darauf werden wir vorwärts getrieben und daraus bilden sich unsere Konzepte.
Wenn wir uns dem Körper zuwenden, dann entsteht ganz natürlich eine gewisse Sanftheit, Liebe und Mitgefühl für uns selbst.

 Wie kann man lernen, im Alltag nicht auf Empfindungen zu reagieren?

Wenn man in sich hineinschaut, wenn man beobachtet, was geschieht, dann geht das ganz schnell. Zuerst entspannst du dich, dann nimmst du das Geschehen nicht mehr so persönlich. Gerade im Alltag geht das in allen Körperhaltungen sehr gut.
Wenn ich zum Beispiel Ärger merke, dann richte ich die Achtsamkeit auf die Körperhaltung: Ich weiß, dass ich stehe. Dazu braucht man keine große Konzentration, man muss sich nur erinnern, sich besinnen.

In diesem Augenblick ist man nicht mehr so gefangen, man ist in einem Prozess und lernt zu akzeptieren, dass sich alles wandelt, alles vergänglich ist. Wie kann man Vergänglichkeit richtig verstehen?

U Ba Khin hat gelehrt, dass die Vergänglichkeit die eigentliche Lebenskraft ist, die als Schwingung, als Strömung in unserem Körper erfahrbar ist. Er sagte, das ist eine wissenschaftliche Methode, durch die du zum inneren Erwachen kommen kannst. Man kann die Elemente des Körpers fühlen und wahrnehmen, das ist nicht schwierig.
Es ist sehr wichtig, sich immer klarzumachen, dass unser Leben begrenzt ist. Dadurch wird man ruhiger und lernt zu akzeptieren. Auch wir selbst sind nicht fest, alles ist in Bewegung und in uns ist kein festes Ich zu finden. Man sollte sich immer daran erinnern: Alles ist nur für eine kurze Zeit gegeben. Es ist gut, wenn wir in diesem Leben lernen zu sterben. Unser Leben ist nichts anderes als Vergänglichkeit und vor diesem ständigen Wandel verneige ich mich tief.

Wie kann man sich von dem Gefühl lösen, dass dieser Körper uns gehört, unser Eigentum ist?

Wenn du bemerkst, dass diese Elemente überall sind, dass alles aus den gleichen Elementen gemacht ist. Dann bist du Teil von allem, du bist ein Teil des Ganzen. Wenn du einen Konflikt hast, dann kannst du sehen, dass die andere Person dieselben Elemente hat wie du. Wir teilen die gleiche Energie, wir sind alle voneinander abhängig. Wir sind ein kleiner Prozess innerhalb des großen Prozesses des ständigen Wandels. Dadurch wird unsere Gebundenheit an das Ich verringert.

Du lebst unter extremen Bedingungen im hohen Alter hier in der Wüste in einfachen Häusern, weit weg von jeder Stadt, von Komfort. Doch du machst immer einen fröhlichen Eindruck. Wie gelingt dir das?

Ich habe die Lehre des Dhamma, da sehe ich immer tiefer. Ich sehe in allem die ursprüngliche Schönheit.

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Legst du deshalb Wert darauf, dich selbst zu schmücken, schön anzuziehen und auch darauf zu achten, dass andere sichpassend anziehen?

Ich denke, es ist wichtig, die Wertschätzung für dieses kostbare Leben zum Ausdruck zu bringen. Einer christlichen Gemeinschaft habe ich einmal gesagt: Ich schmücke mich für den Lord. Ich habe Respekt für diesen Körper, denn wir können nur handeln, fühlen, unsere Aufgabe erfüllen, weil wir einen Körper haben. Wir brauchen ihn nicht zu verwöhnen – doch wir sollten ihn schätzen und nicht schädigen.

Wie wirkt das Gesetz von Ursache und Wirkung auf uns, welche Bedeutung hat es auf deinem Weg?

Schon als junger Mensch wusste ich, wenn ich etwas auf eine bestimmte Weise mache, dann bekomme ich entsprechende Ergebnisse.
Heute berührt mich am tiefsten, dass Ursache und Wirkung, also Karma, eine Entfaltung unseres täglichen Lebens ist. Wenn man das versteht, dann ist man mitten im Leben, wird zum Meister seines Lebens, der selbst bestimmen kann. Man kann immer neu anfangen und sieht sofort, wie der gerade Weg zur Verbesserung ist. Du wirst dir selbst zur Führung, du bist Lehrer und Schüler zugleich.

Wie geht das?

Der Buddha zeigt uns den Weg. Er hat großes Vertrauen, er glaubt an das ursprünglich Gute in uns. Er stellt uns in eine Kategorie mit ihm selbst und das gefällt mir so. Im Grunde ist es die Liebe zu dir selbst, die wirkt. Wenn du verstehst, dass dein Denken, Reden und Handeln die Zukunft bestimmt, dann handelst du eigenständig, du kannst dein Leben gestalten.

Dazu braucht man Achtsamkeit. Was ist die Kraft der Achtsamkeit?

Achtsamkeit kann man leicht missverstehen. Wir haben alle Achtsamkeit, sie beginnt bereits mit der Geburt, ohne sie könnten wir nicht überleben. Achtsamkeit ist für alles notwendig. Doch richtig eingesetzt kann sie auch das Mittel sein, das uns zur Erleuchtung bringt. Diese Achtsamkeit, die wirklich nur im Moment ist, hat keine Bewertung, sie vergleicht nicht, kritisiert nicht, haftet nicht an. Wir müssen lernen, die Achtsamkeit so zu üben, dass sie nicht mit unseren Attributen und Konzepten vermischt wird. Das ist unsere Aufgabe.

Die Achtsamkeit wird mit Einsicht und Weisheit verbunden.

Ja, du siehst den Prozess, du siehst dein Denken, du siehst die Bewegungen im Geist. Das ist ein schöner Moment. Die Achtsamkeit ist das Feuer, das alles verbrennt, was zu einer Erfahrung aufsteigen könnte. Das ist der innere Frieden.

Unser Geist ist ein mächtiges Instrument. Der Buddha sagt, der Geist kann alles schaffen, der Geist kann sich schließlich selbst befreien. Was ist damit gemeint?

Der Geist muss sich selbst verstehen. Dann kann nichts mehr falsch sein, nichts Unheilsames mehr geschehen, nichts Verletzendes, alles ist richtig. Der Geist erkennt und das ‚Ich’ ist nicht mehr da.
Ich hatte das Vergnügen, mit J. Krishnamurti in Saanen zu leben, ich hatte für ihn gekocht. Er lebte und zeigte in allem diese Art des Geistes, den reinen Geist. Dieser Geist ist nicht getrennt, ist nicht aufgeteilt in die sechs Arten des Bewusstseins.

Wie können wir ‚normalen’ Menschen verstehen, welche Kraft in unserem Geist ist und wie können wir diese hervorbringen?

Wenn wir in der richtigen Art und Weise geführt werden, entfaltet sich das ganz natürlich. Es gibt verschiedene Stufen der Entwicklung, die von der Sammlung des Geistes bestimmt werden. Es entsteht im Nicht-Tun. Das Bewusstsein sagt einfach: „Nein danke, nein danke.“ Das ist ganz wichtig zu verstehen.
In diesem Geist ist die Freiheit – und zugleich die Führung. Erwachte Menschen sagen manchmal: Es ist alles vollkommen. Wie können sie das sagen? Das ist ein Koan. Sie sagen das, weil sie eben dieses Bewusstsein sind. Das ist wirkliche Liebe, reines Mitgefühl.

Was geschieht, wenn der Geist sich selbst versteht?

Du wirst nicht mehr hin- und hergezogen. Die Probleme verschwinden. Der Geist ist dann wie ein Magnet. Er kann nichts anderes tun, als diese Wahrheit auszudrücken, andere darauf aufmerksam zu machen. Dieser Geist geht nicht mehr durch die Welt der Sinne. Ich weiß, das ist schwer zu verstehen.

Kann man das im gewöhnlichen Leben erfahren und umsetzen?

Ja, es ist eigentlich sehr natürlich. Das kann man jeden Tag umsetzen. Das mache ich, ich bin für andere da. Ich stehe um zwei Uhr nachts auf und füttere die Tiere der Wüste. Wer immer zu mir kommt und fragt, bekommt eine Antwort. Ich bin 87 und lebe hier in der Wüste unter einfachsten Bedingungen. Ich meditiere mit den Menschen hier, ich lebe mit ihnen, zeige ihnen Wege. Sie füttere ich mit dem Dhamma.

UW71INT-Ruth_Denison3In einer Gemeinschaft gibt es doch verschiedene Ansichten, Probleme, Streit usw. Wie gehst du damit um, was ist hilfreich?

Hilfreich ist Wertschätzung und Liebe füreinander. Und die Bereitschaft zu lernen.
Ich versuche immer, den Menschen zu zeigen, was da geschieht, wenn sie in Unfrieden sind, wenn sie Probleme miteinander haben. Ich zeige Wege und ich finde immer eine Möglichkeit, einen Ausweg. Das ist meine Freude. Ich verurteile und beschuldige nicht. Ich sehe das ursprünglich Gute, das Reine. Mit dieser Haltung kannst du reparieren, was sonst zu großen Niederlagen und Streit führt.

Hilfreich ist es manchmal, sich die Begrenztheit unserer Leben vor Augen zu führen. Wenn wir an den Tod denken, werden wir viele Streitigkeiten beenden.

Was macht dich noch glücklich?

Ich habe das Glück in mir, das ist nicht abhängig von einem Ort, von den Umständen. Wenn ich etwas geben kann, dann bin ich glücklich.

Die Menschen hier immer zu begleiten ist ja auch viel Arbeit.

Manchmal sagen andere: Musst du das noch tun? Ich muss es nicht, doch ich muss. Weil ich eben an andere denke. Das ist eine natürliche Entwöhnung des Ichs. Das gibt mir viel Freude.

Hast du noch Wünsche?

Sobald ein Wunsch aufkommt, sehe ich mich lächeln. Er hat keine Wirkung, er geht nicht weiter. Es wird sofort erkannt, dass er zu nichts führt. Er kann mich nicht greifen. Selbst wenn ich manchmal Wünsche äußere. Innerlich bin ich nie unzufrieden, das gibt es bei mir nicht. 

Ruth Denison, geb. 1922 in Deutschland, ist eine der ersten Frauen im Westen, die die buddhistische Meditation lehrten. Sie praktizierte bei dem burmesischen Vipassana-Lehrer U Ba Khin, der sie auch autorisierte, die Lehre weiterzugeben. In den 70er Jahren begann sie, in den USA und in Europa zu unterrichten. In vielen Ländern war Denison die Erste, die die Vipassana-Meditation einführte. Sie lebte in Los Angeles und gründete das Meditationszentrum Dhamma Dena in Kalifornien, in der Nähe von Joshua Tree. Ihr Zentrum besteht aus mehreren verstreut liegenden Häusern in der Mojave-Wüste. Dort wohnt und lehrt sie heute noch. Mit ihr leben einige Übende, Mitarbeiter und Freunde. Es gibt verschiedene Kurse, doch man kann auch jederzeit zur eigenen Praxis kommen. Viele Jahre lang besuchte Ruth Denison auch regelmäßig Deutschland und übte großen Einfluss auf die Verbreitung der Methode der Achtsamkeit und die Entstehung des buddhistischen Zentrums Waldhaus am Laacher See aus.

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