Spiritualität

Innerhalb der plastischen Buddha-Ikonografie begegnet uns eine breite Palette an Darstellungsvarianten. Wie kam es zu dieser Vielfalt und welche Bedeutungen stecken dahinter?

Vor vielen Jahren brachte mir mein Großvater von einer Weltreise eine kleine, glatzköpfige, grün schimmernde und auffallend bauchige Figur mit, die mir bis heute als Glücksbringer dient. Dieser ‚lachende Buddha’ aus China scheint ganz offensichtlich jegliche Form leidhaften Daseins überwunden zu haben. Und seine Leibesfülle lässt in mir die Fantasie aufsteigen, er habe sich aus Mitgefühl dazu entschieden, all das Leid auf dieser Welt zu schlucken, um den Menschen dadurch den größtmöglichen Dienst zu erweisen. Was es wirklich mit diesem Souvenir auf sich hat, erfuhr ich jedoch erst unlängst im Verlauf der Recherche für diesen Artikel. Aber dazu später mehr.Burma. Ein aus Elfenbein und Gold gefertigter Buddha

Buddha-Darstellungen in ihrer stilistischen Vielfalt mögen in uns ganz unterschiedliche Assoziationen wecken. Sie faszinieren und geben gleichzeitig Rätsel auf. Die figürliche Darstellung des Buddha erfolgte grundsätzlich in unterschiedlichen Regionen und Ländern entsprechend der dort dominierenden Kunststile. Zudem unterlag sie dem Wechsel der Zeit. Dennoch setzten sich einige markante Darstellungsweisen bis heute durch. Verständnis ist in diesen Fällen sicherlich nur dann möglich, wenn man die Bedeutung der Darstellungen, den Sinn der Gestik und Mimik sowie die Funktion der Attribute innerhalb des religiösen Kontextes zu erfassen vermag. Und das ist zweifelsohne nicht immer einfach.

Bekanntlich sind Buddhas schon lange nicht mehr ausschließlich in vom Buddhismus beeinflussten Ländern im Fernen Osten anzutreffen. Mit der zunehmenden Präsenz und Etablierung des Buddhismus in Europa und den USA kam es auch dort in den letzten Jahrzehnten zur weitflächigen Verbreitung von Buddha-Figuren. Sitzenden, stehenden, schreitenden und liegenden Buddhas können wir begegnen. Und manchmal handelt es sich auch nur um den Kopf einer Buddha-Statue, wobei es sich in diesem Fall nicht um eine traditionelle Darstellungsform handelt.

Als unendlich reproduzierbares Element der Popkultur, jeglicher sakralen Bedeutung beraubt, fungieren Buddha-Figuren jedoch ebenso als angesagte Mode- und Lifestyle-Produkte. In Kaufhausauslagen, Wohnzimmerschränken und Blumengärten begegnen wir einem der Logik des Konsums unterworfenen Erleuchteten. Mal mehr, mal weniger kitschig angefertigt, ermöglicht er auf Anbieterseite Umsatzsteigerungen. Für den Käufer dient er zumeist der ästhetischen Betrachtungsweise, schlichtweg, um das Auge zu erfreuen. Dem Umfeld kann so auch mitunter eine spirituelle, weltoffene und friedfertige Gesinnung vermittelt werden.Thailand. Prinz Siddhartha in strenger Askese.

Die religiöse Kunst des Buddhismus an sich ist primär eine ganz spezifische Symbolkunst. Es wäre naiv anzunehmen, ein Buddha würde von Buddhisten in erster Linie als dekoratives Kunstwerk geschaffen. Die dahintersteckende Intention besteht vielmehr darin, den religiösen Betrachter an seine dreifache Zufluchtnahme zum Buddha, zu dessen Lehre sowie zur buddhistischen Gemeinschaft zu erinnern. Die Darstellung soll zudem der Belehrung dienen. Im allerbesten Fall vermag der Betrachter sogar durch sie ein Erleuchtungserlebnis zu erfahren.

Grundsätzlich gilt, dass die gesamte buddhistische Kunst Asiens, sofern der historische Buddha (563-483 vor Christus) dargestellt wird, auf Motiven aus den überlieferten Texten des Pali-Kanons basiert. Es sollten jedoch rund 300 Jahre nach Buddhas Ableben vergehen, bis die indischen Künstler ihre religiöse Scheu abgelegt hatten und den Stifter ihrer Religion erstmals abzubilden wagten. Dabei galt es zu entscheiden: Wie jemanden darstellen, der ins Nirvana eingegangen ist? Es kam schließlich zu einem markanten Übergang von der präikonischen zur ikonischen Kunstperiode, ausgelöst durch das Auftreten des Mahayana-Buddhismus.

 Unter Kaiser Asoka (Regierungszeit: 272-232 vor Christus) wurde erstmals Stein als Material verwendet. Es entstanden im Rahmen der Mathura-Kunst noch relativ wenig ausdifferenzierte, archaisch anmutende Buddha-Bilder. Dank guter Handelsbeziehungen zum griechisch-römischen Mittelmeerraum wurden die eleganter und detailreicher angefertigten Buddha-Figuren der Gandhara-Kunst geschaffen, die auffallend stark vom hellenistischen Stil beeinflusst sind. Später kam es in Indien zu einer Vermischung dieser beiden Darstellungsformen. Der Buddhismus verschwand zwar im 13. nachchristlichen Jahrhundert aus Indien, konnte sich jedoch in anderen Ländern nachhaltig etablieren.UW83SCHW-Buddhas bunte3

Die Folge ist eine deutliche Erweiterung der Darstellungsvielfalt. So fallen beispielsweise Buddhas aus Thailand oder Kambodscha häufig dadurch auf, dass sie in Anspielung auf eine Legende unter einer Schlangenhaube dargestellt werden. Folgendes soll sich zugetragen haben: Während der Buddha sieben Tage unter einem Baum die Wonnen der Erlösung genoss, kam zunehmend schlechtes Wetter auf. Um den Erleuchteten vor Wind und Wasser zu schützen, umwand ihn der dort lebende Schlangenkönig siebenmal mit seinem Körper und spannte zudem seine Kobrahaube als Regenschutz über ihm auf. Als das Unwetter vorbei war, löste der Schlangenkönig seine Umklammerung, verwandelte sich in einen Jüngling und verneigte sich vor dem Buddha.

 Wir müssen uns Siddhartha noch vor der Verwirklichung der Buddhaschaft als einen jungen Mann auf der Suche vorstellen, der sich mit unterschiedlichen spirituellen Denkrichtungen und Methoden beschäftigt hat. Neben der Yoga-Meditation und der Philosophie der Upanishaden unterwarf sich dieser Prinz auch in einer Einsiedelei der eisernen Askese. Aber auch der Versuch, die Erlösung durch Entsagung zu erfahren, sollte scheitern und so entschloss sich Siddhartha nach fast sechs Jahren erstmals wieder, feste Nahrung zu sich zu nehmen: „Ich dachte: ‚Nicht leicht ist es, jenen (meditativen) Wohlheitszustand zu erreichen mit einem ausgemergelten Körper. Wie wäre es, wenn ich handfeste Nahrung zu mir nähme – gekochten Reis mit Dickmilch?’“

Zuweilen dürfte der Buddha während seiner Lehrtätigkeit die rechte Hand gehoben und dabei Daumen und Zeigefinger zu einem Ring geschlossen haben. Jedenfalls werden Buddhas mit dieser Darlegungsgeste angefertigt. In westlichen Sammlungen findet sich wohl am häufigsten der Buddha als Wahrheitskünder mit der Geste der Erdberührung durch seine rechte Hand. Hält er eine Hand auf Brusthöhe mit der Innenfläche nach außen, so handelt es sich wiederum um die Ermutigungsgeste. Sie ist bei stehenden Buddhas am häufigsten anzutreffen, kommt aber auch bei schreitenden vor. Und eine liegende Figur erinnert an sein Lebensende, noch letzte Anweisungen gebend oder bereits verstorben, mit dem Kopf auf ein Kissen gebettet. UW83SCHW-Buddhas bunte4

Trotz all der Vielfalt gilt laut dem renommierten Indologen Hans Wolfgang Schumann, dass die buddhistische Kunst tendenziell ‚keine anatomische Genauigkeit’ anstrebe und den Buddha ‚weniger als Individuum denn als einen Typus’ darstelle. Und das am häufigsten in Form eines im Lotossitz meditierenden Buddhas. Die Unterschenkel können aber auch gegenläufig parallel liegen. Seine Hände liegen gewöhnlich mit den Handflächen nach oben im Schoß, manchmal mit einem Gefäß oder mit einem anderen Attribut angereichert.

Die buddhistische Kunst verfügt weiters über Darstellungen jenseitiger, transzendenter Buddhas. Da der Mensch Siddhartha zur Erleuchtung gelangte und somit zum Buddha wurde, stand ihm keine Wiedergeburt mehr bevor. Er avancierte so zu einer Kategorie für sich. Mehr noch, es verbreitete sich die Ansicht, dass er als jenseitig, transzendent verstanden werden müsse. Darunter fallen sämtliche Buddhas der Zeiten sowie die über die Weltquartiere verteilten Buddhas des Raums. Sein 80-jähriges Erdenleben habe er nur gewählt, um uns allen den Weg zur Erlösung zu weisen. Und da hierzu ein Buddha alleine nicht ausreichen könne, wurde eine Vielzahl angenommen. Typisch für die Porträts transzendenter Buddhas sind eine fünfblättrige Krone sowie reichlich Schmuck.

Bei all der Vielfalt an Buddhas verwundert es nicht allzu sehr, dass es in der Geschichte des Buddhismus wieder zu dem Versuch gekommen ist, sie alle auf einen Urbuddha zurückzuführen. Als Verkörperung des Absoluten taucht er im tantrischen Buddhismus auf und soll einen zentralen Buddha-Kult ermöglichen. Die einprägsamste Darstellungsvariante des Urbuddha besteht in dessen sexueller Vereinigung mit einer deutlich kleineren Partnerin. Beide sind sie nackt, sie auf seinem Schoß sitzend und ihn mit Beinen und Armen umklammernd. In der Verschmelzung miteinander überwinden sie ihre Individualität und finden das Absolute durch den Zustand der Ekstase.UW83SCHW-Buddhas bunte5

Abschließend sei noch davor gewarnt, jede aus einem buddhistischen Kontext stammende Figur als Buddha zu klassifizieren. Denn bei dem deutlich weniger erotisch anmutenden, schwer übergewichtigen ‚lachenden Buddha’ etwa, von dem bereits in der Einleitung die Rede war, handelt es sich gerade nicht um einen Buddha. Wir haben es vielmehr mit dem großen chinesischen Zen-Meister Poe-Tai Hoshang zu tun. Er erkannte seine innere Buddha-Natur und wanderte völlig unbekümmert und stets gut gelaunt durch sein Heimatland. Nicht selten umgab ihn eine Kinderschar. Seit seinem Tod wird er als Held und Glücksbringer verehrt. Und in figürlicher Darstellung ‚wanderte’ er sogar noch weit über die Staatsgrenzen Chinas hinaus, bis in mein damaliges Kinderzimmer.  

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