Spiritualität

Karl-Heinz Brodbeck geht der Frage nach, was unser Bewusstsein überhaupt ist. Existiert es, ist es real? Was sagt die Wissenschaft dazu? Das Bewusstsein ist kein gewöhnliches Ding.

 

Wenn man es objektiv, also wissenschaftlich untersuchen möchte, steht man vor einer Schwierigkeit: Das, was zum Untersuchungsobjekt gemacht werden soll – das Bewusstsein –, ist als Beobachtungssubjekt immer schon vorausgesetzt. Es kann keine objektive Wissenschaft vom Bewusstsein geben, ohne sich im Kreis zu drehen: Kein Objekt ohne Subjekt. Kein wissenschaftlicher Gegenstand, dem nicht das Bewusstsein schon gegenüberstehen würde. Wenn man buddhistische Meditation praktiziert und das erforscht, so ergibt sich etwas noch Überraschenderes: Das Bewusstsein ist gar nicht zu entdecken. Es ist nicht greifbar, bleibt flüchtig, besitzt keine Substanz und keinen Ich-Kern. Dennoch ist es kein Nichts. Der Buddhismus als Wissenschaft vom Bewusstsein gelangt zur Erkenntnis: Das Bewusstsein ist leer.

 

Das Bewusstsein ist gar nicht zu entdecken.


Auch im Westen gibt es eine Wissenschaft vom Bewusstsein. Sie findet sich traditionell in der Psychologie, in jüngerer Zeit stammen die Beiträge aber fast ausschließlich von Neurowissenschaftlern. Doch die Grundfragen sind viel älter, auch in der europäischen Tradition. Hier lassen sich holzschnittartig drei Theorien unterscheiden, die an die Gegenüberstellung von Körper und Bewusstsein anknüpfen. (1) Der Idealismus versucht, alle materiellen Formen aus geistigen abzuleiten. Diese Vorstellung wird ursprünglich theologisch begründet: Gott ist Geist; als Schöpfer aller Dinge müssen die Dinge deshalb einen geistigen Kern besitzen. Besonders die Philosophie des Deutschen Idealismus hat diesen Gedanken weiter entfaltet. (2) Die Gegenthese lautet, dass geistige Phänomene, dass das Bewusstsein letztlich ein Produkt der Materie ist. (3) Es gibt noch die von René Descartes formulierte Zwischenposition, die Geist und Materie als zwei Substanzen nebeneinander behauptet und deren Wechselwirkung zu erklären versucht. Die Wurzel für diese Auffassung findet sich schon in Platons Lehre von der Seele, die den Körper nur belebt, selbst aber unsterblich ist. Seele und Körper können sich trennen, bilden nebeneinander zwei getrennte Reiche, die jeweils unterschiedlich beschrieben werden. Descartes erklärt die Körperwelt rein mechanisch und vermutete, dass das Bewusstsein an einer bestimmten Stelle als abtrennbare Substanz im Körper eine Schnittstelle besitzt, sich aber davon lösen kann.

 

Das Bewusstsein ist leer.


Die Descartes nachfolgende Naturwissenschaft hat diese Dualität von Körper und Bewusstsein schrittweise aufgegeben. Sie vertritt in der Regel einen reinen Materialismus. Alle Phänomene, die wir einem Subjekt zuschreiben (Gefühle, Gedanken, Bedeutungen), seien ein Produkt der Materie. Genauer gesagt, ein Produkt des Gehirns. Ohne Gehirn kein Bewusstsein. Es wurde in den letzten Jahrzehnten der Versuch unternommen, die verschiedensten Bewusstseinsphänomene durch Gehirnprozesse zu erklären. Und die Neurowissenschaften traten sehr selbstbewusst mit dem Versprechen auf, diese Erklärungen auf alle subjektiven Phänomene ausweiten zu können. Eigentlich, so die zentrale These, gibt es so etwas wie Bewusstsein gar nicht. Es ist nur ein Aspekt der Gehirnprozesse (‚Epiphänomen'), die subjektiv und illusionär als Gedanke oder Gefühl erlebt werden. Ein wesentlicher Impuls für diese These ging von Experimenten aus, die Benjamin Libet durchgeführt hat. Darin ließ Libet Versuchspersonen einen rotierenden Pfeil beobachten (eine Art Sekundenzeiger). Sie sollten sich eine Position des Pfeils merken, an dem sie subjektiv den Entschluss fassten, die Hand zu bewegen. Nun kennt man schon längere Zeit das Gehirnmuster, das eine Bewegung der Hand begleitet oder einleitet (‚Bereitschaftspotenzial'). Man kann es durch das EEG messen. Libet fand nun, dass sich das Bereitschaftspotenzial bereits eine halbe Sekunde vor dem subjektiven Entschluss, die Hand zu bewegen, aufgebaut hatte. Folgerung: Das Gehirn denkt, nicht der bewusste Mensch. Was Libet freilich vergessen hat zu sagen: Die Aufforderung, den Zeiger zu beobachten und die Hand zu bewegen, wurde zunächst in seinem Bewusstsein formuliert. Er verkennt ganz offensichtlich: Das Bewusstsein ist kein rein individuelles, sondern ein soziales Phänomen. Zudem kann man durch bewusste Übung den Körper auch beeinflussen – das lässt sich gerade als Wirkung der Meditation auch messen. Es liegt also gar keine einfache Kausalität Gehirn -> Bewusstsein vor. Die Sache ist ein wenig komplexer, als Libet dachte.

 

Das Bewusstsein ist nicht ein spätes, illusionäres Zufallsprodukt, sondern eine Voraussetzung des Kosmos.


Die Natur des bewusstseins1Dennoch zog man weitgehende Folgerungen aus seinen Experimenten: Das Bewusstsein sei nur eine subjektive Illusion. Die Behauptungen der Religionen, dass das Bewusstsein vom Körper verschieden ist, dass es den Tod überleben kann, dass es sich von der letztlich in der Physik beschriebenen materiellen Wirklichkeit unterscheide, seien falsch. Indem man für viele subjektive Erfahrungen die ‚neurologischen Korrelate' entdeckt, könne man nachweisen, dass die Aussagen zum Bewusstsein letztlich rein subjektive Illusionen sind. Es gibt, so die These, nur eine Wissenschaft vom Bewusstsein, und das ist die Neurowissenschaft. Geist, Moral, Gefühle etwa sind nur ‚Epiphänomene', das heißt, nicht wirklich, sondern subjektive Illusionen, die durch das Gehirn hervorgerufen werden.
Auf den ersten Blick endet mit dieser Position der Dialog zwischen Buddhismus und Neurowissenschaft sehr abrupt: Alles, was in zweieinhalb Jahrtausenden gelehrt wurde, seien nur Varianten subjektiver Illusionen. Es gibt keinen Geist, keine Wiedergeburt. Die Reaktion vieler Buddhisten auf diese Behauptung ist hier eher defensiv und zaghaft: Meist stellt man den Neurowissenschaften Thesen aus der buddhistischen Tradition gegenüber, für die man dann aber nur noch Glaubensargumente vorbringen kann. Man verkennt das Potenzial, das aus der Kritik aller Denkformen erwächst, wie sie im Mādhyamaka formuliert wird. Hier lautet der zentrale Einwand: Alle Wissenschaften sind Bewusstseinsphänomene. Das wird niemand bestreiten. Auch nicht die Neurowissenschaftler. Also müssten dem eigenen Anspruch gemäß die Neurowissenschaften ihre eigene Existenz durch neurologische Korrelate erklären. Aber keine Wissenschaft kann sich selbst erklären. Buddhisten wie Nāgārjuna und auch der Mathematiker und Logiker Kurt Gödel haben das gezeigt. Folglich argumentiert die Hirnforschung in einem Zirkel. Das Bewusstsein ist eine unhintergehbare Voraussetzung.

 

Das Bewusstsein enthält viele Täuschungen; das sagen auch Buddhisten.


Die Neurowissenschaften haben zudem ihr Versprechen, alle subjektiven Phänomene durch neurologische Korrelate erklären zu können, schlicht nicht eingelöst. 2004 publizierte eine Gruppe von Neurowissenschaftlern in der Zeitschrift ‚Spektrum der Wissenschaft' ein Manifest: ‚Was wissen und können Hirnforscher heute?', worin allerlei Versprechen gemacht wurden, was diese Wissenschaft in den folgenden Jahren alles erklären könne. Zehn Jahre später kommt eine andere Gruppe von Neurowissenschaftlern allerdings zu dem eher vernichtenden Urteil, dass die vollmundigen Versprechen schlicht nicht erfüllt wurden. Ferner: Die Neurowissenschaft beruht letztlich auf der Physik. Die ‚Königsdisziplin' der Physik ist aber die Quantenmechanik. Und hier setzt sich mehr und mehr der Gedanke durch, dass nichtmaterielle Formen (‚InFormationen') der Grundbaustein des Kosmos sind. Der Physiker James H. Jeans drückte diese Einsicht so aus: „Das Universum beginnt mehr wie ein großer Gedanke denn wie eine große Maschine auszusehen." Das Bewusstsein ist nicht ein spätes, illusionäres Zufallsprodukt, sondern eine Voraussetzung des Kosmos.

 

Weder existiert das Bewusstsein substanziell, noch ist es nichts.


Das Bewusstsein ist keine Substanz; es ist aber auch kein Nichts, bloße Täuschung: Das Bewusstsein enthält viele Täuschungen; das sagen auch Buddhisten. Beide Extreme, die hier sichtbar werden, sind zu vermeiden: Weder existiert das Bewusstsein substanziell, noch ist es nichts. Die Verwirrung im Denken bei der Untersuchung des Bewusstseins gründet in einer fundamentalen, im Buddhismus auch als praktische Meditationserfahrung herausgestellten Einsicht: Das Bewusstsein ist nicht identisch mit dem Ego. Vielmehr ist das Ich eine Illusion im Bewusstsein, die einer Analyse nicht standhält. Folglich ist das Bewusstsein auch keineswegs seiner Natur nach rein individuell. Damit ist es aber auch nicht auf ein einzelnes Gehirn beschränkt. Dass es zwar immer individuell erfahren wird, seiner Natur nach aber nicht darauf reduziert werden kann, erkennt man unter anderem an der menschlichen Sprache – einem charakteristischen Bewusstseinsphänomen, das nur für viele, für eine Gruppe von Menschen Sinn macht. Die Sprache können Hirnforscher auch nicht aus neurologischen Korrelaten ableiten, weil der Bezug auf ein Einzelgehirn gerade nicht intersubjektive Beziehungen erklärt.

 

Das Bewusstsein ist nicht identisch mit dem Ego.


Mehr noch. Das Gehirn ist, wie der menschliche Körper überhaupt, das Produkt einer Evolution. Also passt sich das Gehirn an eine Umgebung an, setzt diese voraus. Das Sprechzentrum des Gehirns ist eine Anpassung an die soziale Tatsache des Sprechens, nicht umgekehrt. Ferner wurden im Gehirn in den Spiegelneuronen unmittelbar (mitfühlende) Beziehungen zu anderen Menschen entdeckt. Auch hier geht die Gemeinschaft offenbar dem Einzelgehirn voraus. Und obgleich etwa Farben physikalisch betrachtet nur mit einer bestimmten Lichtfrequenz korrespondieren, haben sie doch als Signale eine kognitive, das heißt, auf ein Bewusstsein bezogene Funktion. Folglich setzen in der Natur Anpassungen an Farbmuster die Bedeutung von Farben und damit einen kognitiven Wert voraus. Das Bewusstsein ist seiner Natur nach nicht aus ‚neurowissenschaftlichen Korrelaten' als dessen Ursprung ableitbar. Eine Analogie: Ohne Radiogerät erklingt zwar keine Musik aus dem Lautsprecher. Aber man kann nicht sagen, dass dieses Gerät die Ursache oder der Grund für ‚Musik' ist. Ebenso ist das Gehirn eine funktionale Anpassung an kognitive Formen, nicht deren Ursprung.

 

Das Bewusstsein erscheint zwar immer zuerst individuell; es hat aber keinen Ich-Kern.


Das Bewusstsein erscheint zwar immer zuerst individuell; es hat aber keinen Ich-Kern. Das Ich und die darum herum gruppierten Gedanken setzen das Bewusstsein immer schon voraus. Auch der Gedanke „Ich denke mit dem Gehirn" ist nur ein Gedanke. Der Buddha sagte: „Rein ist das Bewusstsein; doch es wird verunreinigt von hinzukommenden Befleckungen. Rein ist das Bewusstsein; wenn es auch frei von hinzukommenden Befleckungen ist." (AN I,10) Wenn man über sein eigenes Bewusstsein gründlich meditiert, dann findet man hinter all den flüchtigen Inhalten keinen Ich-Kern, keine geistige Substanz. Dennoch sind wir gerade in diesem reinen Bewusstsein eben bewusst, können erkennen, haben Gefühle. Es ist also durchaus plausibel, dass das reine Bewusstsein nicht von dem Körper abhängt, an dem es verunreinigt (durch Gedanken, Emotionen) vereinzelt erscheint.

 

Dieses Wunder ist das Bewusstsein, dessen Natur im Loslassen des Begreifen-Wollens in der Meditation erkennbar wird.


Es gibt zudem eine Erkenntnisquelle, die von Neurowissenschaftlern bislang meist ‚wegerklärt' wird: Die Nahtoderfahrungen (NTE). Hier berichten viele davon, dass sie im Bewusstsein nicht mehr von anderen getrennt sind, dass das Bewusstsein nicht lokal ist – man kann erkennen, was im Nebenraum gesprochen wird, was andere denken. Wenn dies nur eine Illusion des Gehirns wäre, so dürften sich solche Berichte nicht von anderen bestätigen lassen. Doch gerade dafür gibt es inzwischen reichhaltiges Material. Das Bewusstsein ist wie ein leerer Raum, mit dem es oft verglichen wird. Durch unsere Verkörperung, die erlernte Sprache und Kultur, ‚füllen' wir diesen Raum mit vereinzelten Erfahrungen, vergessen dabei aber den Raum selbst. Zudem ‚ist' das Bewusstsein zugleich ein Raum, der erkennen kann – was man in der buddhistischen Tradition mit einem Spiegel vergleicht. Die Ich-Zentrierung, die Verkörperung ist eine vergängliche Illusion. Und alle Formen, die wir vom Körper her ursächlich als ‚greifbar' erklären, beruhen auf dieser vergänglichen Illusion. Einstein sagte einmal: „Die Welt unserer Sinneserlebnisse ist begreifbar, und dass sie es ist, ist ein Wunder." Dieses Wunder ist das Bewusstsein, dessen Natur im Loslassen des Begreifen-Wollens in der Meditation erkennbar wird. Es offenbart sich dann eine offene Weite, die sich im Leben als Liebe und Mitgefühl manifestiert.

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Kommentare   

# Josef Halmer 2016-01-24 15:15
Bei Maturan (Vom Sein zum Tun) kann man lesen:Naturwissenschaftler behaupten häufig, ihre Erklärungen würden durch Gesetze gestützt, die die Kohärenzen der Natur als einen objektiven Bereich von Prozessen widerspiegeln, der prinzipiell unabhängig ist von allem, was sie tun, und sie erkennen nicht, dass die Naturgesetze Abstraktionen der operativen Kohärenzen ihres eigenen Lebens sind.
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# Huemer, Marko 2016-09-27 17:12
Meiner Meinung nach, schlummert in jedem Menschen ein anderes Ich, es ist das Ego! Das Ego besteht aus deiner Vergangenheit, aus deinen Gedanken, es besteht aus Angst, aber vor allem aus dem Schmerz „nicht genug zu sein“. Diese Grundangst ist der Samen auf dem das "falsche Ich" gewachsen ist. Er ist ein "falsches Ich".

In dem Augenblick wo man erwacht, fällt dieses "falsche Ich" in ein tiefes schwarzes Loch und es kommt nie wieder zurück, denn es gibt nichts mehr, woran es sich festklammern könnte! Denn es hat nie wirklich existiert!

Es war nur ein Traum, eine Illusion!

Es gibt auch nur ein Bewusstsein: Gott! Wir sind sichtbar gemachter Gott!

Ich beschäftige mich nun seit langem mit dem Thema Bewusstseinserweiterung und habe dazu auch einen Kurs erstellt. Eventuell ist er auch etwas für dich: http://business.united.academy/kurs/bewusstseinserweiterung/inhalt

Liebe Grüße,
Marko Huemer
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# Thomasol 2018-02-19 20:50
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