Spiritualität

Wir besitzen ein Wunder und dieses Wunder heißt ‚Körper'. Doch ohne unser Zutun funktionieren die komplexen Vorgänge in unserem Inneren auf Dauer nicht. Selbst der historische Buddha hat sich von der körperfeindlichen Askese als spiritueller Praxis abgewandt.

Unser Körper ist ein großartiges Zusammenspiel feinster Prozesse auf energetischer, neurologischer und biochemischer Ebene. Alles arbeitet Hand in Hand und ist darauf gepolt, das Gesamte bestmöglich am Leben zu erhalten.
Sich der eigenen Körperlichkeit bewusst zu sein, den Körper zu pflegen, zu nutzen und wertzuschätzen, kann in uns viel Heilung bewirken. Zu mir kommen viele Menschen mit Burn-out-Symptomen, die über die Jahre den Bezug zu ihrem Körper verloren haben. Viele spüren sich vom Hals abwärts nicht mehr. Nur Schmerz dringt noch durch. Sie haben verlernt, ihren Körper und seine Signale wahrzunehmen. Häufig erlebe ich diese Menschen als tief erschöpft und von Schmerz und Angst geplagt. In solch einer Situation ist es kaum vorstellbar, dass unser Körper eine Möglichkeit darstellen kann, um sich mit der Fülle und Lebendigkeit des Lebens, unserer Essenz und universalen Kraft wieder zu verbinden. Doch genau das kann er. Unser Körper ist einerseits eine Begrenzung, in die wir hineingeboren worden sind, und andererseits ist er ein unglaublich kostbares und wunderbares Werkzeug, das uns dazu befähigt, in dieser Welt Erfahrungen zu machen und zu wirken.

Sich der eigenen Körperlichkeit bewusst zu sein, den Körper zu pflegen, zu nutzen und wertzuschätzen, kann in uns viel Heilung bewirken.

 

Ihr Körper ist Ihr Gefährt durch Ihr Leben
Nur mit ihm sind Sie in der Lage, an diesem Leben hier auf der Erde teilzunehmen. Auch wenn er aktuell der Quell Ihrer Sorge, Befindlichkeitsstörungen und vielleicht sogar Schmerzen ist, so kann er Ihnen doch Lehrmeister und Stütze werden, mit den Herausforderungen und Rückschlägen auf eine heilsame, nährende und achtsame Art und Weise umzugehen.

Der mittlere Weg
Ich persönlich halte nichts davon, ein körperfeindliches Leben zu leben, in dem der Körper auf dem spirituellen Weg als minderwertig angesehen wird und überwunden werden muss. Selbst der historische Buddha hat sich von körperfeindlicher Askese als spiritueller Praxis abgewandt, da er für sich erkannte, dass die erhoffte Erleuchtung durch das Unterwerfen der körperlichen Bedürfnisse ausblieb. Er gab die Empfehlung, angemessen und maßvoll für die natürlichen körperlichen Bedürfnisse wie Essen, Trinken, Schlaf und Wärme (Kleidung/Unterkunft) zu sorgen, um die körperlichen und geistigen Voraussetzungen für eine fruchtbringende Dharma-Praxis zu schaffen. Er verstand, dass der Körper, wenn man heilsam mit ihm umgeht, also ihn weder über- noch unterbewertet, ein hilfreiches Werkzeug auf dem spirituellen Weg ist und uns darin unterstützen kann, den Weg bis zur Vollendung zu gehen.

Unser Körper ist ein Anker im Hier und Jetzt.

 

Den Körper als Anker im Hier und Jetzt begreifen
Über den Körper können wir Erfahrungen in dieser Welt machen und ihn als sinnlich wahrnehmbare Stütze in der flüchtigen Gegenwart nutzen. Unser Körper ist ein Anker im Hier und Jetzt. Nur über unsere körperlichen Sinne ist das Hier und Jetzt im wahrsten Sinne ‚begreifbar'. Springt beispielsweise unser Geist wie ein wild gewordener Affe von einem Thema zum nächsten, kann uns die willentliche Ausrichtung auf den körperlich wahrnehmbaren Vorgang unserer Atmung dabei helfen, uns wieder in den gegenwärtigen Moment zurückzubringen, statt den Gebilden unserer Fantasie zu folgen.

Aktive Dharma-Praxis
Den Körper zu pflegen und gesund zu halten – oder auch zu regenerieren – ist aktive Dharma-Praxis zum Wohle aller. Wir schaffen darüber nicht nur gute Bedingungen für einen wachen, klaren, gesammelten Geist, sondern können wesentlich leichter aktiv in dieser Welt wirken, auf dem Meditationskissen sowie im anpackenden täglichen Leben. Wie kann das gelingen? Es gibt viele mögliche Ansätze, hier möchte ich ein paar einfache Anregungen herausgreifen, die auch im Alltag ohne viel Aufwand praktiziert werden können:

Heilkraft der Meditation
Üben Sie sich täglich in Meditation, denn sie wirkt sich sehr heilsam und regenerierend auf den gesamten Organismus aus. Studien zeigen, dass sich durch regelmäßige Meditation die graue Substanz in den Hirnarealen, die für Konzentration, Aufmerksamkeit und Erinnerung wichtig sind, verdichtet. Störungen in diesen Bereichen bilden sich zurück. Die Stresshormonbelastung reduziert sich, bei vielen Probanden normalisiert sich ein erhöhter Blutdruck, das Immunsystem wird wieder aktiver und damit bessern sich häufig auch vorhandene Erkrankungen. Vermutlich schützt Meditation unser Gehirn langfristig auch vor Abbauprozessen.

 

Doch bei aller Pflege, der Körper unterliegt der Vergänglichkeit – daran ändert auch unsere tägliche Praxis von Meditation, Yoga und gesunder Lebensführung nichts.

 

Heilkraft der Bewegung
Durch gezielt eingesetzte Bewegung können wir Einfluss auf unsere körperliche und geistige Befindlichkeit nehmen, sie regulieren und Kraft (körperlich wie geistig) aufbauen. Bewegen Sie Ihren Körper einmal pro Tag bei Tageslicht für mindestens eine halbe Stunde in einem moderaten Ausdauerbereich. Am besten in der Natur oder zumindest an der frischen Luft. Die Zellen werden mit frischem Sauerstoff versorgt, Stresshormone abgebaut und durch das Tageslicht wird die Produktion von Vitamin D (wichtig für Immunsystem und Knochenstabilität) und Serotonin (Stimmungsaufheller/Stabilisierer) angeregt. Achtsam ausgeführte Yoga-, Pilates-, Qigong-, Eutonie- oder auch Feldenkrais-Übungen regenerieren Körper und Geist und helfen, den eigenen Bewegungshorizont zu erforschen, zu erhalten und/oder behutsam zu erweitern.

Heilkraft Lebensrhythmus
Sie sind Teil der Natur. Unser Körper unterliegt auch in diesem digitalen Zeitalter immer noch den natürlichen Rhythmen. So kann es sich sehr heilsam auf uns auswirken, wenn wir unser Leben wieder an den natürlichen Rhythmen ausrichten. Schaffen Sie wieder eine Tagesstruktur mit regelmäßigen Essens-, Arbeits-/Aktivitäts-, Erholungs- und Schlafenszeiten. Nehmen Sie bewusst teil an den verschiedenen Qualitäten der Jahreszeiten.

 

Unser Körper unterliegt auch in diesem digitalen Zeitalter immer noch den natürlichen Rhythmen.

 

Heilkraft Nahrung
Eine regelmäßige, saisonale, unserem Typ und unserer Aktivität angepasste, nährstoffreiche, jedoch nicht übermäßige Ernährung kann den Körper und die Wachheit unseres Geistes sehr unterstützen. Dazu gehört auch, den Körper über den Tag verteilt mit ausreichend Wasser (etwa 1,5-2 Litern) zu versorgen. Die saisonale Vielfalt von frischem Obst (in Maßen), Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Nüssen und kaltgepressten hochwertigen Ölen versorgt den Körper nicht nur mit den Nährstoffen, die er wirklich braucht, sondern wirkt auch ausgleichend und normalisierend auf den Zuckerspiegel, hält die Zellen gesund, schützt das Gehirn und stabilisiert Konzentration und Stimmung.

Diese grundlegenden Anregungen und Empfehlungen wirken auf den ersten Blick recht gewöhnlich, doch sie haben es in sich. Sie können helfen, Körper und Geist möglichst lange gesund zu halten, Über- und Unterspannung (muskulär und nervlich) auszugleichen, Selbstheilungskräfte anzuregen und gute Bedingungen für eine möglichst lange vitale Dharma-Praxis zu schaffen. Diese Empfehlungen sind nicht neu, dennoch scheinen sie oft in der Dharma-Praxis und in unserem bewegten Alltag in Vergessenheit zu geraten. Was Sie davon umsetzen und in welchem Maße obliegt Ihnen. Prüfen und experimentieren Sie, finden Sie das Passende für sich heraus, denn nur Sie können für sich erkennen, was Ihre individuelle körperliche und geistige Gesundheit unterstützt. Doch bei aller Pflege, der Körper unterliegt der Vergänglichkeit – daran ändert auch unsere tägliche Praxis von Meditation, Yoga und gesunder Lebensführung nichts. Die Praxis schafft allerdings einen Rahmen, in dem wir lernen können, uns zu stabilisieren, Kraft zu schöpfen und uns darin zu üben, mit uns und anderen heilsamer umzugehen. Die Achtsamkeit ist meiner Erfahrung nach auf diesem Weg ein sehr hilfreiches Werkzeug und unser Körper ein wunderbarer Lehrmeister.

 

Maren Schneider, 43, praktiziert seit 1997 Achtsamkeitsmeditation und tibetischen Buddhismus. Als Heilpraktikerin für Psychotherapie, MBSR-/MBCT-Lehrerin und Buchautorin lebt und arbeitet sie in Düsseldorf.
 
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