Spiritualität

Wenn die spirituelle Praxis einfach das Leben selbst ist: Die Sozialethikerin Cornelia Muth gibt einen tiefen Einblick in die jüdische Spiritualität.

In einer der vielen Perspektiven, die auf jüdische Spiritualität möglich sind, beruft sich dieser Text auf den modernen Überlieferer des Judentums, auf den Dialogphilosophen Martin Buber. Als gläubiger Jude geht er davon aus, dass das Judentum eine Einheit aus Volk und Glaube bildet. Aus dieser Einheit heraus entsteht eine spezifische religiöse Wirklichkeit. Sie zeigt sich in Form eines Sprachgeschehens von Anrede und Antwort. So ist das Folgende auch keine Aussage über das ‚offizielle Judentum’, sondern, wie der deutsche jüdische Journalist Robert Welsch die Bewegung, der Martin Buber angehört, beschreibt, über ‚den ununterbrochenen Strom des unterirdischen Judentums, der Ketzer, Mystiker und Gottsucher, die nichts Fertiges und Erstarrtes übernehmen wollen, sondern besorgt sind, den Geist ins Leben zu bringen’.

Unermüdlich diskutierte Buber seit Anfang des 20. Jahrhunderts, welche Aufgaben dem Judentum zukommen. Seine Fragen und Antworten waren vom Religiösen nicht losgelöst. Im Gegenteil, er geht davon aus, dass Gott in keinem Sonderbezirk und deswegen an diversen Orten nicht, sondern überall ist. Infolgedessen ist ein Kennzeichen jüdischer Spiritualität das Gebet beziehungsweise das Gespräch mit Gott. So wird Abrahams geistiges Ringen um den Einen Gott als Beginn des jüdischen Glaubensgespräches gesehen. Der Prozess dieses Ringens zeigt sich in der einzigartigen Lebenspraxis eines jüdischen Gläubigen: Er oder sie soll selbst eine Thora, ein Gesetz werden. Der Mensch soll seine unmittelbare Ethik als Mitgenosse des israelischen Volkes selbst entwickeln und dabei dienen die Rabbiner und Rabbinerinnen als Vorbild eines ‚organic, geistige way of life’. Geist bedeutet laut Buber auch Dialog und diesen gilt es zu vergegenwärtigen und in der dadurch gefundenen geistigen Ethik das eigene Leben zu offenbaren:

„Liebe IHN, deinen Gott, mit all deinem Herzen, mit all deiner Seele, mit all deiner Macht.
Erkunde, was du mit all deiner Seele tun kannst!
Was du mit all deiner Seele tun kannst, so dass aus keinem Urgrund deiner Seele, in keinem Augenblick letzter Besinnung deinem Vorhaben ein Widerspruch begegnet – was du mit all deiner Macht tun kannst, so dass all dein Wesen ganz und einig ist in deinem Tun, das ist die Wahrheit. Worin wir ganz und einig werden können, das sollen wir tun. Wenn wir es tun, werden wir zu lieben beginnen. Einen Unbekannten erst. Aber dann werden wir erkennen, wen wir lieben.“
Wird einerseits das Beten, das zuweilen dem Üben von Mantras entspricht, in der Synagoge gelernt und darin an Gott erinnert, ist jedoch andererseits die Verwirklichung von Gottes Wort dem Gespräch mit den Mitmenschen vorgeordnet. Nach Martin Buber kann der Mensch erst Gott begegnen, wenn man seinem Nächsten wirklich begegnet ist. Dabei kommt es nicht darauf an, was der Mensch tut, sondern darauf, wie er es tut. Jede Handlung ist heilig, wenn sie auf das Heil gerichtet ist, meint der Sozialphilosoph. Hiermit weist er auf die jüdisch-chassidische Schöpfungsgeschichte hin. Sie besteht im Glauben an sogenannte heilige Funken, die als zerbrochene Reste der ersten missglückten Welterschaffung in den Dingen und den Menschen wohnen. Diese Funken zu bergen, so der Chassidismus, eine jüdische mystische Bewegung des 18. Jahrhunderts, wirkt heilend auf den Menschen.


Heilung bedeutet aus der Perspektive jüdischer Spiritualität Erneuerung der Vergangenheit auf die Zukunft bezogen. Deswegen kann in dieser Betrachtungsweise auch vom ‚jüdischen Prophetismus’ gesprochen werden. Er zeigt sich praktisch in der Zuversicht, dass Gott sich als der zeigen wird, der er ist. Mit anderen Worten: In der Hinwendung zum Gegenwartenden und in der Gegenwärtigkeit des gelebten Augenblicks offenbart sich die Liebe (Gottes), in der der Mensch wohnt. Dafür entwirft der politische Schriftsteller Gustav Landauer den Begriff vom ‚Geworden-Werdenden’ und beschreibt wie folgt: „Nur Geworden-Werdendes lebt, nur wer in seiner Gegenwart und Wirklichkeit Vergangenheit und Zukunft in eines begreift, nur wer sich selbst, wie er wahrhaft und ganz ist, mitnimmt auf die Reise nach seinem gelobten Land, in dem nur scheint mir das Judentum ein Gut zu sein.“ Mit dem gelobten Land ist einerseits Palästina gemeint, andererseits der konkrete Raum zwischen Ich und Du als zwischenmenschliche Wirklichkeit. Auf Letztere kommt es laut Martin Buber an, auf das wirkliche Leben, dem der Begegnung zwischen Ich und Du: „Beziehung kann bestehen, auch wenn der Mensch, zu dem ich Du sage, in seiner Erfahrung es nicht vernimmt. Denn Du ist mehr, als Es weiß. Du tut mehr, und ihm widerfährt mehr, als Es weiß. Hierher langt kein Trug: hier ist die Wiege des wirklichen Lebens. … Ich werde am Du: Ich werdend spreche ich Du. Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Erst aus dieser Begegnung kann sich laut Buber, wie eingangs schon gesagt, ein Dialog mit Gott, mit dem ewigen Du entwickeln.


Diese spirituellen Gesprächsweisen meint Buber auch im Buddhismus wahrzunehmen. Für ihn weiß Buddha um ‚das Dusagen zum Menschen’, insbesondere lebte Buddha es im ‚unmittelbaren Verkehr mit den Schülern’. Allerdings stellt Buber eine wesentliche Differenz zwischen Buddhismus und Judentum heraus: In der jüdischen Spiritualität verwirklicht sich der Geist zwischen den Menschen und zwischen Gott und den Menschen in der konkreten Welt und nicht wie im Buddhismus durch ‚zurückgebogenen menschlichen Geist’, von dem ausgegangen werde, ‚er geschehe im Menschen’. Aus der Sicht Bubers offenbart sich das Ich und Du ebendarum nicht durch die ‚Aufhebung der Welt’ und die ‚Entledigung von aller ichhaften Bedingtheit’. So geht es für Buber im Buddhismus darum, die Welt in meiner Seele zu bejahen oder zu verneinen. Aber für den Menschen jüdischen Glaubens geht es darum, eine ‚Seelenhaltung zur Welt zu leben, zu welteinwirkendem Leben’. Erst diese Haltung lässt uns Menschen ‚zu wirklichem Leben werden’. Demnach kann Gott von der Welt gerade nicht getrennt werden. Denn: „Gott umfasst das All, und ist es nicht; so aber auch umfasst Gott mein Selbst, und ist es nicht. Um dieses Unbesprechbaren willen kann ich in meiner Sprache, wie jegliches in seiner, Du sagen; um dieses willen gibt es Ich und Du, gibt es Zwiesprache, gibt es den Geist, dessen Urakt sie ist, gibt es in Ewigkeit das Wort.“
Abschließend in einem Satz zusammengefasst liegt die geistige Praxis jüdischer Spiritualität laut dem Religionsforscher darin, ‚… in jeder Stunde und in jeder Situation die Antwort zu suchen und selbst auf die göttliche Stimme zu lauschen’.

Martin Buber (1878-1965) war Sozialethiker und zählte zu den führenden Persönlichkeiten des Judentums im 20. Jahrhundert und des jüdisch-christlichen Dialogs. Nach dem 2. Weltkrieg war er einer der wenigen ehemals deutschen Juden, die in der Öffentlichkeit wieder eine Brücke zu Deutschland zu schlagen versuchten.

LESE-TIPP:
Martin Buber: Ich und Du, Gerlingen (Lambert Schneider) 1994
Cornelia Muth: Zum Hintergrund von Ich und Du, in: Gestaltkritik 2, 2004, www.gestalt.de/muth_buber.html.
Cornelia Muth: Heilung durch Hingabe und Demut: Martin Bubers chassidischer Hintergrund, in: Dies.: Heilende chassidische Geschichten, Wuppertal (Peter Hammer) 2007 Taschenbuchausgabe 2012, S. 15-21

 

MERKMALE DER JÜDISCHEN SPIRITUALITÄT

Jüdische Spiritualität lebt vom Dialog – mit Gott oder mit Mitmenschen – als geistiges Zwischen.
Sie verwirklicht sich als Hinwendung zum Gegenwartenden.
Jeder Mensch entwickelt daraus seine eigene Ethik.
Die geistige Praxis sucht in jeder Stunde, in jeder Situation die Antwort.

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