Spiritualität

Robert Pakleppa über die heilende Wirkung von Singen und Circle Songs.

Was ist ein Circle Song?

Der Circle Song ist eine spezielle, sehr alte Art zu singen. Singen ist ja eine Grundform der menschlichen Kommunikation, es ist vorsprachlich und gehört zu den Dingen, die unabhängig von Ländern kulturell übergreifend in der ganzen Welt entstanden sind. Menschen trafen sich in Gruppen, wie zum Beispiel in Dorfgemeinschaften, immer dann, wenn sie wichtige Riten oder Feiern, aber auch Probleme zu lösen hatten. Die Dorfbewohner haben dann entweder miteinander gesungen, getrommelt oder geschwiegen. Der Circle Song baut auf dieser Urform des Singens auf. Er verbindet aber noch etwas anderes, nämlich die Kreisform als Grundform des Miteinanderseins. Diese Art des Singens wurde vor ungefähr 25 bis 30 Jahren von Bobby McFerrin wiederentdeckt.

 

Bobby McFerrin hat Circle Songs also nicht entwickelt, sondern nur die alte Tradition wieder aufgenommen?

Genau, McFerrin hat diese Tradition wieder aufgenommen und daraus eine Kunstform gemacht. Er hat den Circle Song mit dem Jazz kombiniert und das freie Improvisieren ähnlich dem ‚Scat-Gesang‘ eingebaut. Anders als der ‚Scat-Gesang‘ im Jazz, wo Sänger über Jazz-Standardstücke hinaus frei improvisieren, hat der Circle Song jedoch keine Form im Sinne von einem fertigen Song, er entsteht eigentlich im Moment.

 

Verwenden Sie Circle Songs therapeutisch?

Nun ja, Circle Songs haben natürlich eine heilende Wirkung, so wie jedes intensive Miteinandersein eine heilende Wirkung hat. Singen ist etwas enorm Verbindendes, durch Singen werden auf sehr vielen unterschiedlichen Ebenen Dinge in Fluss gebracht.

 

Wie arbeiten Sie mit Circle Songs?

Ich habe über die Jahre meinen eigenen Stil entwickelt. Im Gegensatz zu vielen anderen arbeite ich auch mit nicht-professionellen Sängern zusammen. Dabei versuche ich, den Neueinsteigern mit meiner Gitarre Halt zu geben, indem ich ihnen Akkordpatterns vorspiele, auf deren Basis sie dann improvisieren. Die textliche Variante von Circle Songs ist eigentlich nur für fortgeschrittene Circle-Sänger, weil der Text sofort in den Kopf zurückführt. Wir arbeiten bei Circle Songs ganz viel mit Intuitionen und es geht mir darum, dass die Sänger im intuitiven Erleben bleiben. Wenn man regelmäßig Circle Songs singt, ist es dann auch ein Geschenk, ein paar textaffine Menschen dabeizuhaben. Es wird dann quasi ‚poetry geslammt‘. Es entstehen dabei etwa Improvisationen, die hoch lyrisch sind und in mehreren Sprachen parallel ablaufen.

 

"Der Circle Song ist eine Art zu singen, eine sehr alte Art zu singen."

 

Ein Circle bedeutet normalerweise einen längeren Zeitraum?

Ein Circle ist einfach der Zeitraum, in dem die Menschen sich treffen und singen. Es kann bei ganz kleinen Sequenzen starten, spielerisch und improvisiert, bis hin zu großen Circles. Das kann eine Sequenz von fünf Minuten sein oder bis zu 24 Stunden dauern. Es gibt Ritual-Circles, die bis zu 24 Stunden dauern, da wechseln sich mehrere Leiter ab. Es wechselt sich natürlich auch die Belegschaft, die da mitsingt, ab. Mal singen vier Leute, mal singen hundert.

 

Wird immer miteinander gesungen oder auch hintereinander?

Es gibt eine Fülle von Zugängen. In kleinen Gruppen gibt es ganz verschiedene Formen, dies zu tun, zum Beispiel, einer improvisiert nach dem anderen. Es gibt Formate, in denen man eine Band inszeniert. Es sind Hinführungsformen, damit sich alle in der Gruppe finden und dann gemeinsam singen. Der Circle ist ein Angebot, mit dir und deiner Stimme eins zu werden. Die vielfältige Anlage deiner Stimme zu nutzen, denn wir haben nicht nur eine, sondern wir haben eine Million Stimmmöglichkeiten. Es geht darum, eine dünne Gratwanderung zu schaffen: Ich bin hier wichtig und sichtbar, aber ohne den anderen wäre ich nichts. Und das ist quasi schon ein innerpsychisches Wechselspiel. Die ganzen Spiele und Übungen dienen der differenzierten Wahrnehmung. Wann bin ich ganz bei mir und wann bin ich ganz in der Gruppe? Wann ist mein Raum, wann muss ich auf die Gruppe achtsam sein? Kann ich jetzt ein Solo machen, weil die anderen tragen gerade gut, oder da kommt eine andere Solo-Idee, und ich gehe zurück und trage jetzt diese Idee. Je besser sich die Gruppe kennt, desto fantastischer greift es ineinander. Wenn man jetzt ‚WeBe 3‘ auf der Bühne erlebt, ist alles improvisierter Gesang. Die bringen das zu einer Hochkunstform. Die können einen ganzen Konzertabend so gestalten.

 

"Es gibt keine Menschen mit Begabung oder Un-Begabung."

 

Sollen die Teilnehmer bei Circle Songs singen können oder eine musikalische Begabung haben?

Es gibt keine Menschen mit Begabung oder Un-Begabung. Es ist die völlige Freiheit zu sagen, wer atmen kann, kann singen, entdecke deine Stimme, entdecke die Vielfalt. Die Frage, ob schön oder nicht, stellt sich nicht, denn es wird immer schön.

 

Wie groß kann die Gruppe der Sänger sein?

Die Gruppengröße liegt zwischen 6 und 20 Personen, wenn ich intensiv mit Leuten arbeiten will. Rein gruppendynamisch kippt es an irgendeiner Stelle, dann wird diese Form von verlässlichem Feld, die gerade bei Menschen, die wenig Erfahrung haben, notwendig ist, nicht herstellbar. Bei erfahrenen Sängern, eher Meisterklassenschülern, die schon oft Circles gesungen haben, würden auch 25-30 Personen gehen, weil die auch eine hohe Achtsamkeit haben. Aber wenn es darum geht, Sicherheit mit der Stimme zu bekommen, sind 18 Teilnehmer eine tolle Gruppengröße.

 

Stimmt es, dass die Vielzahl der Teilnehmer weiblich ist?

Männer sind immer in der Minderzahl, wenn man neu beginnt. In Lindau habe ich regelmäßige, etablierte Circles und da habe ich ein Drittel Männer dabei. Wenn die Männer dann einmal am Start sind, ist es echt schön, die tiefen Töne.

 

Was für Leute singen Circles?

Jeder, der singen mag, der seine Stimme entdecken will. Jeder, der Spaß daran hat, eine künstlerische oder in sich angelegte Ausdrucksform zu nutzen, um auch an andere Themen heranzugehen. Es gibt den reinen Circle, den ich wirklich nur für professionelle Sängerinnen und Sänger mache, der eine rein musikalische Form ist. Mich interessieren persönliche Lebens- und Entwicklungsthemen von Menschen, und da bietet Singen Metaphern und Erfahrungen ohne Ende, um an Themen weiterzuarbeiten. Circle Songs werden auch von Chören angefragt, wo dann Chorleiter sagen, ich möchte genau dieses intuitive Auf-einander-achtsam-Sein, was für jedes klassische Stück genauso gebraucht wird.

 

Muss man Musiker sein oder musikalisch?

Musikalisch ist jeder, man muss kein Musiker sein. Aber es macht natürlich Sinn, wenn man ein musikalisches Grundverständnis hat. Ich kann mir Dinge vorstellen und habe Erfahrung mit Instrumenten. Ich habe eine Zeit lang Schlagzeug gespielt, ich spiele Klavier und Gitarre. Mein Zugang war eigentlich ein anderer. Ich wurde vor 18 Jahren, mehr durch Zufall, von einem Musiker gefragt, ob ich bei einem Chorkonzert in München mitmachen will. Ich hatte keine Ahnung davon, aber es gehört zu meiner Natur, es auszuprobieren. Diese Gruppe an Menschen hat dann einen Bob-Dylan-Song gesungen und ein Lied aus ‚Hair‘. Es waren alles Leute, die sagten, wir können nicht singen. Da begann meine Idee oder Neugierde zu wachsen: Wie bringt man Menschen zum Singen, die von sich behaupten, sie können nicht singen? Es geht ganz viel über Übungen, die mit Vertrauen zu tun haben, und eher darum, Klangräume herzustellen, als Songs zu singen. Einen Song mehr zu fühlen, als ihn exakt zu singen. Die Menschen, die das dann hören, sind so dankbar, weil die Musik, die sie da hören, nicht replizierbar ist. Es ist einmalig, es ist authentisch. Man nimmt jeden ‚Patzer‘ hin, weil er der Stimmung zugutekommt und von Herzen ist. Letztlich war das für mich wie ein Geschenk, die Begleitung von Chören, die intuitiv singen.

 

Reduziert Singen Stress und wie können Circle Songs helfen, Stress abzubauen?


Das Singen in Gemeinschaft gehört aus gutem Grund zu den ältesten Ritualen, die sich in Kulturen rund um den Globus entwickelt haben: Sich in einer Gemeinschaft aufgehoben, integriert und aktiv beteiligt zu fühlen, reduziert sozialen Stress. Es schafft einen sehr einfachen Weg zu einer entspannten und vertieften Atmung, die, wie wir nicht zuletzt durch Thích Nhất Hạnh wissen, zentraler Zugang zu unseren friedlichen Energien ist, oder wissenschaftlicher ausgedrückt: Singen in Formen, in denen ich in den Klangraum der Gruppe eintauchen darf, den gemeinsamen Puls, den Beat spüren, mich in der Harmonie wiederfinden und meinen Teil beitragen darf, aktiviert unseren Parasympathikus. Und der reduziert auf natürliche Weise Disstress.

Darüber hinaus spricht der Circle Song durch die dichten atmosphärischen Klangbilder, das Herauskitzeln unserer improvisierenden und intuitiven Ideenwelten und seine Lautmalerei auf erfundenen Silben den Teil unseres Hirns positiv an, den wir das emotionale Erfahrungsgedächtnis nennen können (Maja Storch, ...), also die Hirnregionen, die für nicht Verstandesmäßiges, Wertfreies, nicht Sprachliches verantwortlich sind. Nicht denken zu müssen, nicht gewertet zu werden, sich ganz auf den Moment und die Gruppe, den Raum und das gemeinschaftliche Klangerlebnis verlassen zu dürfen, unterstützt das Loslassen von endlosen mäandernden Gedankenschleifen, die Vergangenes bewerten oder Zukünftiges planen und die sicherlich als eine der Quellen für den krankmachenden Teil des Stresses zu sehen sind. Der Circle Song führt zurück in den Moment und ermöglicht deshalb auch ein tiefes Berührtsein und Berühren – eine deshalb auf natürlichem Weg heilsame Begegnung im Klang mit sich selbst und anderen.

 

Warum verliert man seine Stimme, wenn man unter Stress steht?

Wir alle haben ganz unterschiedliche Körpersignale, die uns, wenn wir feinfühlig hinhorchen, wie Hinweisschilder leiten können, um auf dem Weg des Gesundseins zu gehen. Bisweilen löst Stress auch den Verlust der Stimme in Form von Heiserkeit aus, aber auch für Infektionen, die sich im Hals-Rachenraum festsetzen, ist der gestresste Mensch empfänglicher, oder es versagt mir die Stimme, weil ich im Stress atemlos bin, um nur drei von sicherlich vielen möglichen Erklärungen zu nennen. Die Frage kann für mich deshalb eigentlich nur individuell beantwortet werden: Warum verliere ich gerade meine Stimme? Was kann, darf oder soll nicht ‚raus‘, so dass es mir im wahrsten Sinne den Hals zuschnürt? Wer oder was will mir an den Kragen? Was raubt mir den Atem? Die Alltagsmetaphorik ist voll von Übersetzungsangeboten. Die Signale richtig zu deuten kann einen Zugang zum Verständnis, zur Integration, zur Transformation des Leidensursprungs in Heilung schaffen. Dann darf auch das Symptom wieder gehen und ich wieder eine volle Stimme zurückgewinnen. Die fehlende Stimme ist also in jedem Fall ein gesunder Hinweis, der uns führen will.

 

Sind Sie Musiker oder Therapeut?

Ich bin kein Therapeut. Ich bin ein ‚Menschen-Begleiter‘. Für mich ist Musik eine Sprache, Menschen zu begleiten in etwas Intuitiveres, Freieres oder auch in Zugänge zu sich selbst, wie sie selbst sich erleben können im Wirksamsein.

 

Robert Pakleppa lebt mit seiner Familie in Lindau am Bodensee (D) und leitet seit 1995 Chöre im intuitiven Singen. Als therapeutisch orientierter Sozialpädagoge und systemischer Einzel-, Familien- und Gruppencoach gründete er 1997 ein Sozialunternehmen und ist seit 2004 als Gründungsmitglied an einer freien Schule aktiv. Sein Debütalbum als Songwriter ‚Lind‘ erschien 2013. Den Circle Song singt und lehrt er seit 2011 im gesamten deutschsprachigen Raum und baut damit Brücken zwischen Vokalkunst und intuitivem Selbstmanagement. www.circlesong.de

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