Spiritualität

Bereits um seine Geburt ranken sich Legenden. So sollen seiner Mutter in der Schwangerschaft die fünf Planeten in Gestalt von Greisen in Begleitung eines Qilin – eines einhörnigen Fabelwesens – erschienen sein. Dieses prophezeite, dass ihr Kind thronlos bleiben, aber dennoch ein König sein würde.

Kong Qiu, mit dem literarischen Beinamen Zhong-ni, den seine Jünger Kong-fu-zi, das heißt Meister Kong, nannten, was im 17. Jahrhundert Jesuiten in Confucius (Konfuzius) latinisiert haben, ist 551 vor Christus im Staat Lu (im heutigen Shandong) geboren. Er war Abkömmling einer verarmten Adelsfamilie. Sein Vater, so heißt es, habe sich im Alter von 70 Jahren eine neue, sehr junge Frau genommen, in der Hoffnung, sie werde ihm einen Sohn zur Welt bringen. Seine bisherige Frau hatte ihm nur Töchter geschenkt. Der Wunsch ging in Erfüllung und sie bekamen einen Sohn. Konfuzius wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Sein Vater starb, als er zwei Jahre alt war. Sein Leben fiel in die Zhou-Zeit, die vom 11. Jahrhundert bis 221 vor Christus dauerte und damit die längste Dynastie der chinesischen Geschichte ist. Der Niedergang der Dynastie hatte bereits eingesetzt. Immer mehr Lehnsherren rebellierten politisch aggressiv gegen die Zentralgewalt der Zhou und strebten nach Unabhängigkeit. Auch gewann in dieser Zeit die Geldwirtschaft mehr und mehr an Bedeutung und forderte gesellschaftliche Veränderungen. Es war eine unruhige Zeit, aber philosophisch sehr fruchtbar: Lao-zi (Laotse, ‚der alte Meister‘) lebte damals. Dieser wird von den Daoisten als der Begründer ihrer Lehre angesehen. Mit 19 Jahren trat Kong Qiu in den Staatsdienst ein und bekleidete kleinere Verwaltungsposten. So soll er einen Getreidespeicher beaufsichtigt, danach öffentliche Weiden bewacht haben und später durch seine Vertrautheit mit der traditionellen Kultur, mit Riten und Zeremonien als Lehrer tätig gewesen sein. Enttäuscht von den politischen Verhältnissen und dem Verfall der Sitten verließ er den Staat Lu. Er gründete eine eigene Schule, ordnete alte Schriften und zog mit seinen Schülern als eine Art Wanderphilosoph durchs Land. Jeder war ihm willkommen, ob arm oder reich. Er musste lediglich den Willen zu selbstständiger geistiger Arbeit mitbringen. Immer wieder bekleidete Kong Qiu kleinere politische Ämter und begab sich vergeblich auf die Suche nach einem Herrscher, der bereit gewesen wäre, die Vorstellungen des Konfuzius in der Politik zu verwirklichen. Aufgrund seiner Unbestechlichkeit und Tadellosigkeit fiel er immer wieder in Ungnade. Selbst das einfache Volk verspottete ihn wegen seines schlichten Auftretens. Konfuzius fühlte sich gescheitert, erfolglos und zog sich schließlich für die letzten Jahre seines Lebens wieder in seine Heimat Lu zurück, wo er im Jahre 479 vor Christus gestorben ist. Kurz vor seinem Tod soll sich wieder das erwähnte einhörnige Qilin gezeigt haben. Bereits ein Jahr nach Kong Qius Tod errichtete der Herzog von Lu an der Stelle des Wohnhauses der Familie einen Tempel, der im Laufe der Jahrhunderte immer wieder erneuert und erweitert wurde, bis er im 18. Jahrhundert seine heutige Gestalt erhielt.

Konfuzius wollte nie der Heilige sein, zu dem er später gemacht wurde. Im Gegenteil: Er wollte die Welt, in die er hineingeboren war, in Ordnung bringen. Er wollte nichts Neues erschaffen, sondern ordnete das alte Wissen, die alten Schriften neu und überlieferte seinen Schülern, was wirklich von Bedeutung war. Dabei war er sich bewusst, dass Worte alleine nichts verändern konnten. Für ein tiefes Verständnis muss man Wissen leben und praktizieren und so übte er mit seinen Schülern verschiedenste Riten und pflegte die Musik. Seine Hauptaufgabe sah er nicht darin, eine Lehre zu propagieren, sondern jeden einzelnen seiner Schüler zu unterstützen und zu fördern, ihnen ein moralisches, geistiges und seelisches Vorbild zu sein. Was ihn so einzigartig machte, war seine ruhige Besonnenheit, seine starke Unverzagtheit und seine tiefe innere Güte. Konfuzius hat keine einheitliche Lehre hinterlassen. Sein Werk ergibt sich aus seinen Gesprächen mit seinen Schülern. Berühmt sind die Lunyu, als ‚Gespräche‘ übersetzt. Lunyu ist eine Textsammlung bestehend aus zwanzig Kapiteln und insgesamt etwa 500 Lehrsätzen. Konfuzius sagt, dass Kultur eine schöpferische Tat ist. Nicht Institutionen sind entscheidend, sondern Persönlichkeiten. Institutionen ohne dahinterstehende richtige Persönlichkeiten sind tot und unwirksam. Kultur kann der machen, der über eine naturgegebene intuitive Erfassung der Gesetze des Kosmos und des Menschenlebens verfügt. Er braucht die Wahrheit nicht zu lernen, sondern hat sie von Natur aus. Dabei besitzt sein Wesen ‚magische Kräfte‘ (häufig fälschlich als ‚Tugend‘ übersetzt, was der ganzen Lehre des Konfuzius etwas Moralisierendes angeheftet hat). Die Kräfte muss er frei machen, indem er seine Persönlichkeit kultiviert, indem er sie zur zentralen Harmonie entwickelt, mit fester Lebensordnung, ohne äußere Vielgeschäftigkeit. Konfuzius sagt, dass die einen als heilige Kulturschöpfer geboren werden, aber viel wichtiger ist der zweite Weg. Er bezeichnete sich selber als einer von denen, die nicht von Geburt an eine herausragende Persönlichkeit haben, sondern diese erst, so wie die meisten, durch Lernen und Bilden entwickeln müssen. Damit stellt er sich als Meister selbst auf die Stufe eines Schülers, was für seine Schüler wohl auch einen Teil seiner Magie ausgemacht hat. Um Lernen und fortwährendes Üben – darum geht es. Niemals ist das Lernen auf materiellen Gewinn oder wissenschaftliche Forschung ausgerichtet.

Das Lernen dient allein der Charakterbildung des Edlen, dem Ideal des Lernenden. Diese Formulierung ist eine welthistorische Revolution. Zum ersten Mal ist damit nicht ein Fürstensohn (wörtliche Übersetzung des Begriffs) und damit ein Standesbegriff gemeint, sondern eine moralische Haltung. Der Edle ist man fortan nicht von Geburt. Zum Edlen wird man durch Lernen und Arbeit an der eigenen Persönlichkeit. Aus dem Geburtsadel wird ein Geistesadel, ein moralisches Geschlecht. Dieser Adel hat in China durch alle Jahrhunderte überlebt. Der Edle kultiviert seine Persönlichkeit im Denken, Reden und Handeln. Nur dadurch gewinnt er die Macht, sich in Familie, Staat und Welt zu behaupten. Die Eigenschaft, die der Edle vor allem pflegen muss, ist die Gütigkeit (auch übersetzt als das Gute, Menschlichkeit, Ren). „Die Gütigkeit ist es, die allem anderen erst Wert verleiht.“ Nicht nur das Wissen ohne Güte ist wertlos, sondern auch Musik und Sitten. Konfuzius sagt: „Sich selbst bezwingen und den guten Sitten entsprechen macht die Gütigkeit (das Gute) aus.“ Mit ‚guten Sitten‘ (Li, auch als Riten oder geheiligter Brauch übersetzt) ist ein förmlicher Anstand gemeint, durch dessen Befolgung sich der Mensch in das Wertesystem seiner Gesellschaft einzufügen vermag. Das Reden kultiviert der Edle durch die Klarheit seiner Worte, durch die Eindeutigkeit seiner Formulierung (Ming, ‚Klarstellung der Begriffe‘). Ein Fürst fragt Konfuzius nach dem Wesen einer guten Regierung. Konfuzius sagt (‚Der sittliche Staat‘, 11): „Der Fürst sei ein Fürst, der Untertan Untertan, der Vater Vater und der Sohn Sohn.“

Diese Einführung in die konfuzianische Ethik macht eines klar: Konfuzius will nichts Unmögliches, will nichts Übernatürliches, Metaphysisches. Er sucht keinen Gott, er sucht nicht das abstrakt Gute, er sucht weder die Erlösung noch die Weltseele. Konfuzius will, dass wir kultivierte Wesen sind, und er will, dass wir an uns arbeiten, und er will, dass wir gut, freundlich, ehrlich, mit klaren Worten, besonnen und ohne Hintergedanken miteinander umgehen. Er will eine bessere menschliche Gesellschaft dadurch erreichen, dass jeder Einzelne an sich arbeitet und sich um innere Harmonie und Stabilität bemüht. Wir sollen die Schuld niemals bei den anderen suchen, sondern immer bei uns selbst anfangen und durch konsequentes Lernen dranbleiben. Richard Wilhelm, Missionar und Begründer der deutschen Sinologie, fasst die Lehre des Konfuzius in einem Satz zusammen: „Für jede Lebenslage gibt es ein Handeln, durch das das Innere des Menschen sich so ausdrückt, dass es in Harmonie mit dem Kosmos sich befindet.“ (Verzeihen Sie im Folgenden die fehlende beidgeschlechtliche Anrede des Meisters. Heute lebend hätte er es sicherlich für Frauen und Männer formuliert.)

Konfuzius sprach: „... Erst wenn die Grundlagen feststehen, können Grundsätze entstehen. Ehrfürchtige Liebe zu den Eltern, brüderliche Liebe zu den Brüdern, das sind die Grundlagen der Sittlichkeit.“ „Glatte Worte und einschmeichelnde Mienen sind selten mit Sittlichkeit gepaart.“ „Dreifach prüfe ich mich jeden Tag, ob ich in meinen Bemühungen für andere etwa nicht treu war, ob ich im Verkehr mit meinen Freunden etwa nicht aufrichtig war, ob ich im Lernen nicht eifrig war.“ „Der Edle strebt beim Essen nicht danach, sich den Bauch vollzustopfen. In seiner Wohnung strebt er nicht nach weichlicher Bequemlichkeit. In seinen Taten ist er zuverlässig. In seinen Worten ist er bedacht. In seinem Umgang hält er auf Grundsätze und richtet sich streng nach ihnen. Von solch einem Mann kann man wahrhaftig sagen, dass er nach Bildung strebe.“ „Es betrübt mich nicht, wenn mich die anderen nicht erkennen, es betrübt mich nur, wenn ich die anderen nicht erkenne.“ „Schaue auf die Taten eines Mannes, erwäge seine Beweggründe und prüfe, woran er Befriedigung findet. Wie kann ein Mensch sein inneres Wesen verbergen?“ „Der Edle lässt sich nicht als Werkzeug missbrauchen.“ Als Tse-Kung fragte, was denn den Edlen ausmache, antwortete der Meister: „Zuerst handelt er nach seinen Worten, und dann spricht er, wie er handelt.“ „Lernen, ohne zu denken, ist verlorene Mühe. Denken, ohne etwas gelernt zu haben, ist gefährlich.“ „Zu wissen, was man weiß, und zu wissen, was man nicht weiß, das ist Wissen.“ „Wer Geistern opfert, die nicht seine Ahnen sind, ist nur ein übler Schmeichler. Wer das Rechte sieht und es nicht tut, ist nur ein übler Feigling.“ „Wer gegen den Himmel sündigt, hat niemand mehr, an den er sein Gebet richten kann.“ „Wer nicht gut ist, wird wohl nicht lange Zeit im Elende leben, doch seine Freude wird auch nicht lange währen. Wer gut ist, ist zufrieden, gut zu sein. Der Weise wird daher unablässig danach streben, gut zu sein.“ „Nur gute Menschen sind imstande, zu lieben und zu hassen.“ „Wer am Morgen den richtigen Weg erkannt hat, könnte am Abend ruhig sterben.“ „Der Edle steht der Welt ohne Vorliebe und ohne Vorurteil gegenüber. Er hält sich allein an das Rechte.“ „Der Edle denkt an Ideale, der kleine Mann denkt an Irdisches. Der Edle strebt nach Gerechtigkeit, der kleine Mann nach Gunst.“ „Der Edle versteht sich auf seine Pflicht, der kleine Mann versteht sich auf Gewinn.“ „Der Edle ist bedächtig in seinen Worten und vorsichtig in seinem Handeln.“ „Besser als die Wahrheit kennen ist: die Wahrheit lieben. Besser als die Wahrheit lieben ist: Freude an ihr zu haben.“ „Gut sein heißt in erster Linie seine Pflicht tun, sei sie auch noch so schwer, und in zweiter Linie an den Erfolg denken. Das könnte man Gutsein nennen.“ „Der Weise findet seine Freude am Wasser, der Gute findet seine Freude an den Bergen. Der Weise ist in ständiger Bewegung, der Gute ist ruhig. Der Weise ist fröhlich, der Gute lebt lange.“ „Wenn ich still der Erkenntnis nachgehe und unablässig lerne und unermüdlich andere lehre, was kann mir dann geschehen?“ Wenn der Meister beim Leichenmahl an der Seite des Leidtragenden saß, dann aß er sich nicht satt. An demselben Tage, an dem er geweint hatte, sang er nicht. „Mag das Gute auch noch so fern von mir sein, wenn ich ernsthaft danach strebe, kann ich es wohl erreichen.“ „Lerne, als könntest du es nie erreichen und als müsstest du fürchten, es wieder zu verlieren.“ „Wer die Erkenntnis hat, ist frei von Zweifel. Wer gut ist, ist frei von Kummer, so wie der Tapfere frei von Furcht ist.“ Als einst sein Stall abbrannte und der Meister vom Hofe zurückkam, sprach er: „Ist jemand verletzt?“ Nach den Pferden fragte er nicht. „Wer selbst korrekt ist, der setzt sich durch, auch ohne zu befehlen. Wer selbst nicht korrekt ist, dem wird nicht gehorcht, wenn er auch befiehlt.“ „Wer in seinen Worten maßlos ist, wird sie schwerlich in die Tat umsetzen können.“ „Wer viel von sich selbst und wenig von anderen verlangt, wird Kummer von sich fernhalten.“ „Der Edle stellt Ansprüche an sich selbst, der kleine Mann stellt Ansprüche an andere.“ „Der Edle ist seinen sittlichen Grundsätzen treu, aber niemandem blindlings ergeben.“ „Nur die Allerweisesten und die Allerdümmsten ändern sich niemals.“ „Geschraubte Worte und schmeichelnde Mienen sind wohl selten mit dem Guten gepaart.“ „Wenn das Volk in Wohlstand lebt, braucht der Fürst nicht zu darben. Wenn das Volk darbt, braucht der Fürst nicht in Wohlstand zu leben.“ (zitiert aus ‚Die Weisheit des Konfuzius‘, Insel Taschenbuch 2999, ©Insel Verlag, Frankfurt am Main 1964, 2004)

Ihr
Georg Weidinger

 

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