Spiritualität

Darf ich, soll ich, muss ich, will ich überhaupt dazu was sagen? Wozu? Zum rechten, zum richtigen Weg.

Zu Buddhas Weg kann ich nichts sagen, ich bin ihm nie begegnet, soviel ich weiß. Was weiß ich schon, was? Nichts, absolut nichts. Ich war mein Leben lang Lehrerin und – sofern ich den Reinkarnationserfahrungen glauben darf – unendlich viele Inkarnationen davor auch Lehrerin. Ich münze jede Erfahrung sofort in einen Lehrsatz um. Während jeder Übung, die ich selbst mache, überlege ich, was ich daraus lernen kann und wie ich es weitergeben könnte. Mühsam. Erleuchtet war ich meines Wissens auch noch nie, wenigstens nicht vollkommen, denn dann würde ich keine Kolumnen mehr schreiben. Ich würde nicht mehr in diesem Wurmbeet herumkriechen und langsam all den Küchenabfall zu Komposterde verdauen müssen. Hoffentlich lebe ich noch lang genug, damit ich den ganzen Haufen schaffe.

Vielleicht lebe ich deswegen gesund, ayurvedisch, sitze seit Jahren in hoffnungsfrohem Kampf mit meinen ‚Gedanken‘. Völlig erschöpft bete ich dann mein „Vatermutterunser, die du bist im Himmel und auf Erden, in mir, um mich und durch mich, gib uns unsere Freude, Liebe, Hingabe und Zuversicht und erlöse uns von dem Übel, Amen“. Das beruhigt mich für eine Weile.

Ich bewege mich, ich arbeite, im Garten, am Computer, im Haus, in der Küche und wo sonst noch Not an frau ist, ich putze und ich turne, ‚mache Yoga‘, bekomme jede Woche eine wohltuende Ayurveda-Massage. Mein Körper ist satt und mein Herz ist froh, wenn ich mit meiner vierjährigen Enkeltochter wirklich wichtige, gescheite Stunden verbringen darf.
Ich lese seit Jahrzehnten die heiligen Schriften, ja, ich weiß, lesen allein bringt’s nicht. Immer die gleichen Fragen und die gleichen Antworten. Ich kenne sie alle.

Hier wie dort immer die gleichen Schlussfolgerungen: Ja, ich weiß eh, aber ... Loslassen! Ja, das müssen wir früher oder später sowieso alle, der Tod rückt immer näher, die Zeit wird jetzt zum ersten Mal auch für mich eindeutig als begrenzt erkennbar und dieses Wissen kriecht mir unter die Haut, sie ist schon ganz schön ‚krumpelig‘ davon – wie meine Enkelin zu sagen pflegt.

Doch hier und jetzt, in diesem Leben, zur Freiheit kommen, zur Erlösung, wie geht das? Loslassen. Ja, aber loslassen kann ich nur, was ich in meinen Händen habe. Loslassen im Hirn, die Gedanken, das Ego, das Ich, das Identifizieren mit meinem Körper, meiner Persönlichkeit, meinen Wünschen, Erwartungen, ja, und aufhören zu hoffen. Zu hoffen, dass irgendetwas anders, besser, besserer wird. Ich bin keine Heilige. Dann wäre ich endlich besonders besser, ganz anders, dann könnte mich nichts mehr berühren, dann wäre ich vollkommen glücklich, weil vollkommen bedürfnislos. „Ja“, sagt das Hendl, mein Ego, das neben mir sitzt und fortwährend gackert, „das könnte dir so passen, dich aus dem Staub machen, in den Spiritus flüchten, du grab nur schön weiter, da auf deinem Würmerhaufen, so wie die anderen auch.“ Die Pfauen protzen mit ihren Federrädern, wenn niemand hinschaut, scharren sie nur herum, nicht viel dahinter, Hühnervögel, lauter aufgeplusterte Egos ... „Hör auf!“, pfauche ich mein Hendl an. „Gib Ruh, endlich Ruh, sei still!“ Ich will positiv, liebevoll, friedvoll sein. Ich bin Lehrerin, da muss ich Vorbild sein, muss doch wissen, wie der rechte Weg geht. Ich bemühe mich schon so lange, ach, ich bin müde ... weitergraben, weiterscharren, jeden Tag aufs Neue verdauen, transformieren, aus übelriechendem Abfall duftende Komposterde schaffen, auf der es dann fruchtbar werden kann, auf der es dann blüht und gedeiht und – Heureka – da und dort sprießen sie schon, die Sommerblumen, auf der Seite leuchtet es gelb, dort blau und rot ...

Und ja, der Kompost muss verteilt werden, sonst verkommen die schwachen Pflänzchen.
„Und, was soll ich machen?“, schreit mein Hendl. „Du kannst drüben im Stall Eier legen“, ich streichle über sein struppiges Federkleid und flüstere ihm zu: „Ich liebe dich!“

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren