Spiritualität

Welche körperlichen und geistigen Dimensionen der Sex im Alter hat und warum Sex eine Quelle von Lust und Freude, aber auch eine lebenslange – spirituelle – Übung sein kann.

Will man im Alter guten Sex haben, muss man in der Jugend mit dessen Übung beginnen. Alles, was wir im Alter können wollen, können wir nur, wenn wir es gelernt haben, bevor wir alt waren. Im Alter kann man gut loslassen, weise werden und vieles mehr, doch zum Lernen von Neuem ist es wenig geeignet. Dazu gehören die Jugendjahre.

Muss man im Alter überhaupt (guten) Sex haben? Gehört Sex nicht zu den Dingen, die man besser beizeiten loslässt? Für manche Menschen mag das zutreffen. Dafür könnte sprechen, dass ihnen Sexualität mehr Frust und Ärger als Freude und Lust bereitet hat. Es kann aber auch sein, dass sie sexuelle Energie sublimieren und für anderes verwenden wollen. Das muss ja nicht bedeuten, dass sie gar keine körperlichen Berührungen oder keinen liebevollen körperlichen Umgang mit anderen Menschen pflegen – doch der folgende Artikel gilt dann nicht für sie. In ihm geht es explizit darum, sich auch im letzten Lebensabschnitt mit dem anderen Geschlecht vereinen zu können und zu wollen. Je nachdem, wie man das tut, wird das körperliche und geistig-seelische, also spirituelle Auswirkungen haben. Um die dritte Dimension der Sexualität, die Vermehrung, geht es nicht mehr. Sie fällt bei der Frau zwischen 40 und 50 weg, beim Mann dürfte sie bis in seine 80er Jahre erhalten bleiben. Aber auch vom alten jungen Vater soll hier nicht die Rede sein. Er scheint mir ohnehin kein großer Ausdruck für Reife zu sein.

 

Guter Sex im Alter beginnt mit der Übung in der Jugend.

 

Will man im Alter guten Sex haben, muss man in der Jugend mit der Übung dazu beginnen. Ist Sex also auch eine Übung? Meines Erachtens ja, vor allem guter Sex, doch was bedeutet schon gut? Bei beidem, sowohl der Übung als auch dem Wort ‚gut', gibt es große Missverständnisse. Pornografie nimmt enorm zu, im Internet und auch jenseits davon. Das, was dort gezeigt wird, gilt bei jungen Menschen oft schon als gut. Das zeugt wieder einmal von der Ahnungslosigkeit der Jungen. Manchmal ist es aber auch anders. Unlängst sah ich eine kurze pornografische Episode, in der eine junge Frau ekstatischen, lustvollen Sex und einen ebensolchen Orgasmus hatte. Danach schien sie gelöst und liebevoll. So etwas ist selten. Meistens geht Pornografie mit Gewalt und Erniedrigung einher, es geht rasch und oft zur Sache und diese wird mit ausdruckslosen, gelangweilten Gesichtern abgespult. Das hat, außer mit dem körperlichen Akt, gar nichts mit Sex zu tun – mit gutem erst recht nicht.

Für die Übung wird oft der Begriff Tantra gebraucht und Tantras gibt es viele. Nur in ganz wenigen geht es auch um Sex. Im tibetisch-tantrischen Buddhismus, aber auch im Hinduismus und in anderen spirituellen Traditionen, kann eine bestimmte Form der sexuellen Vereinigung als spirituelle Übung gelten. Es wird gelehrt, man könne diese nur nach speziellen Vorbereitungen praktizieren und geeignete Lehrer seien dafür Bedingung. Meine Erfahrung ist eine andere. Was wirklich dazugehört, ist der echte innere Wunsch, Sex nicht nur so zu haben, wie wir ihn ohnehin immer haben, also aus Lust, Freude, Langeweile, mehr oder weniger unbewusst, um miteinander zu ‚schlafen', sondern weil wir ihn zum ‚Erwachen' verwenden, zur eigenen Transformation hin zu einem reifen und freien Menschen. Man kann Sex auf allen Ebenen üben, auf der körperlichen ohnehin, aber auch auf einer geistigen, einer energetischen und einer spirituellen. Das gilt übrigens nicht nur für den Sex, sondern für alles im Leben. Sexualität ist lediglich besser dafür geeignet als Stricken oder Radfahren, fast so gut wie Meditieren.

Beim Sex kann man versuchen, den Egoismus aufzugeben, man kann erfahren, dass Selbstbezogenheit, Eigennutz, Begehren, Dominanz einen selbst nicht wirklich glücklich machen – und den Partner schon gar nicht, auch wenn das bei bestimmten Spielen manchmal so aussieht. Beim Sex kann man lernen, im Kopf frei zu werden, gedankenlos, Vorstellungen und Vorurteile aufzugeben, gezielt Freude zu haben, bewusst Energie herzustellen, Großzügigkeit, Selbstbewusstheit, Liebesfähigkeit zu üben, gezielt Ekstase herzustellen, mit einem anderen Menschen zu verschmelzen. Auf die Großzügigkeit möchte ich ganz besonders hinweisen. Man kann großzügig beim Sex das tun, was der/die andere möchte, hin und wieder ist es sogar großzügig, darauf zu verzichten. Man kann beim Sex die Einheit von allem, Leerheit und grenzenlose Freiheit erfahren. Das allerdings sind schon die höheren Weihen.

Tantras sind seit Jahrhunderten, nach manchen, allerdings historisch nicht gesicherten Schriften, seit Jahrtausenden bekannt. Für sie gibt es zahlreiche und ausführliche Anleitungen. Eine der am häufigsten geforderten Übungen ist jene, dass der Mann keinen Orgasmus haben soll, die Frau schon. Auch der Dalai Lama hat bei seiner Einführung in das Kalachakra-Ritual in Graz 2002 darauf hingewiesen. Für die Orgasmuskontrolle gibt es viele gute Gründe. Dazu gehört u.a., die Energie bei sich halten und die Erektion (zur Übung) länger aufrechterhalten zu können, aber das allein ist es nicht. Man kann in diesem Fall sehr viel mehr üben und lernen: Achtsamkeit, Willenskraft bzw. Anstrengung, Begeisterung bzw. Verzückung, Untersuchung, Gelassenheit, Konzentration (Sammlung) und Gleichmut. Betrachtet man diese Fähigkeiten genauer und hat auch schon etwas in den buddhistischen Schriften gestöbert, wird man bemerken, dass ich hier die sieben sogenannten Erleuchtungsfaktoren aufgezählt habe. Es sind Fähigkeiten, die man lernen soll und kann, will man ein reifer und freier Mensch werden.

Die Orgasmuskontrolle ist auch schon deshalb nicht per se, sondern nur als Übung wichtig, weil nur beim Spitzenorgasmus, also jenem, bei dem man sich in der sexuellen Vereinigung zu einem fulminanten Höhepunkt steigert, Energie verloren geht. Bei der zweiten Form, dem sogenannten Talorgasmus, kann man lernen, den gesamten sexuellen Akt als einen einzigen orgastischen Zustand zu erleben, bei dem dann der eigentliche Orgasmus keinen Höhepunkt, sondern ein Fortschreiten des gleichen Zustandes davor darstellt. Ihn zu haben oder wegzulassen, macht keinen Unterschied mehr. Er, der Talorgasmus, kann im Alter leichter erreicht werden, aber vermutlich nur, wenn man ihn schon vorher geübt hat. Dazu gehören vor allem Bewusstheit und Achtsamkeit. So können diese beiden Resultat und Voraussetzung für eine gute, also befriedigende und liebevolle Sexualität sein.

Daneben gibt es zahllose und gute andere Übungen. Bewusste Tabubrüche, also ‚über gesellschaftliche Grenzen gehen', können ebenso dazugehören wie Partnerrituale. Man kann sich vis-à-vis setzen, die Augen offen, sich gegenseitig rituell und sexuell berühren und stimulieren, man kann dabei die verschiedensten geistigen Übungen ausführen, sich vorstellen, man sei ein anderer, die Partnerin sei eine andere, man kann sich konzentrieren, bewusst und gezielt atmen, es gibt eine große Anzahl von Anleitungen und sie sind alle wertvoll.

 

Treue ist heilsamer und einfacher als Untreue, Liebe ist heilsamer als Begehren.

 

Ich selbst habe, das scheint mir fast schon karmisch bedingt, schon mit vier Jahren zu üben begonnen. Unser Nachbar, der etwa 14-jährige Sohn eines amerikanischen Besatzungssoldaten, hat mich ziemlich ungestüm auf meine sexuellen Möglichkeiten und Organe hingewiesen. Heute würde man wohl missbraucht sagen, aber ich empfand das nicht so. Da ich ziemlich allein gelassen war, nämlich fast gänzlich, hatte ich eine recht triste Jugend. Die Spiele des amerikanischen Buben waren daher meine einzige Freude. Meine Mutter, die zwar die meiste Zeit nicht da war, sah das, als sie einmal doch da war, etwas anders. Sie schlug mich im Alter von sechs mit einem Stock, bis dieser zerbrach. Im Sinne der damaligen Zeit dachte sie, es sei schädlich, was ich da mit mir selber tue. Bewirkt hat sie nichts, lediglich die Heimlichkeit wurde in mir gefördert. Da die Sache selbst schön war und Weihnachten am allerschönsten, habe ich das dann am Heiligen Abend, wenn die Bescherung vorbei und ich wieder ganz allein in meinem einsamen Zimmer war, zelebriert. Ich brachte mir selber schon sehr früh Techniken bei, um den Orgasmus bis über eine Stunde hinauszögern zu können. Ich dachte mir nichts dabei, heute erst sehe ich, dass ich schon ganz früh Achtsamkeit, Konzentration, Freude und Willenskraft praktizierte. Die negativen Seiten der Angelegenheit folgten aber auf dem Fuß. Ich wurde älter und merkte, man kann Sex nicht nur allein haben, sondern da gibt es auch andere, die das freut. Diese bezog ich in meine ‚Tätigkeit' ein. Hatte ich aber schon als Kind die Sache eher exzessiv betrieben, kamen mir jetzt noch die 68er Jahre mit all ihren Parolen entgegen: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment." Ich gehörte ganz offensichtlich nicht zum Establishment, aber auf Dauer kam das nicht gut an. Ich hatte viele Beziehungen und fast ebenso viele zerstört. Vögeln allein ist zu wenig. Die Entwicklung des Menschen, also der sogenannte spirituelle Weg, ist ein Weg voller Fallen. Hauptsächlich lernt man, wie es nicht geht. So war es auch mit meiner lebenslangen sexuellen Übung. Heute bin ich 72 Jahre alt und habe – unter Schmerzen und nur sehr allmählich – doch einiges begriffen: Treue ist heilsamer und einfacher als Untreue, Liebe ist heilsamer als Begehren, man kann beim Sex denken und auch nicht denken, Pornografie ist eine recht kümmerliche Sache, die einen von Ekstase, Aufgabe der Kontrolle, Verschmelzung und Liebe eher abhält, Sex kann für Mann und Frau eine Quelle der Lust und der Freude sein, Energie ist etwas, was man bewusst durch Aufgeben der Kontrolle herstellen kann und zusätzlich etwas, was man im Leben immer braucht. Alzheimer, Parkinson, Demenz, die großen Alterskrankheiten sind alle auch Energiemangelerkrankungen. Ich könnte mir vorstellen, dass regelmäßiger Sex bis ins hohe Alter eine gute Prävention sein könnte. Sicherheitshalber übe ich daher immer noch. Warum nicht?

Und noch etwas habe ich gelernt: Sex im Alter kann noch lustvoller und befriedigender als in der Jugend sein. Und vor allem aber: Die sexuelle Vereinigung kann auch eine spirituelle Übung sein, in der man Bewusstheit und Achtsamkeit, Großzügigkeit und Liebe, Gleichmut und Freude lernen kann.

 

Sexuelle Vereinigung als religiöse Praxis
Wenn man den religiösen Menschen als einen sieht, der an Gott glaubt und sich diesen als einen externen, persönlichen vorstellt, sind Sex und Religion naturgemäß zwei unterschiedliche Dinge und haben nichts miteinander zu tun. Die sogenannten persönlichen Götter in den monotheistischen Religionen, es scheint mehrere von ihnen zu geben, haben unterschiedliche Meinungen zur Sexualität. Zumindest kommt man zu diesem Eindruck, hört man auf die Vermittler dieser Religionen.
Ist der religiöse Mensch hingegen jener, der sich um Bewusstheit und Achtsamkeit bemüht, wie es der indische Philosoph Jiddu Krishnamurti postuliert und wie das auch in Teilen des Buddhismus, Hinduismus und Schamanismus gelehrt wird, kann alles, auch die sexuelle Vereinigung, als religiöse Praxis verstanden werden. Ihr kommt eine besondere Bedeutung zu, weil Sexualität eng mit unserer Lebensenergie und den Emotionen verbunden ist. In einigen spirituellen Schulen werden sexuelle Energie und Lebensenergie sogar als identisch angesehen.
Die Zugänge zu dieser Form religiöser Praxis sind so unterschiedlich wie das Leben und die Religionen selbst. Die Frage, ob sie lediglich als Vorwand für ein sinnliches Leben dient oder als ernsthafter, transformativer Weg in Freiheit und Selbstverantwortung praktiziert wird, kann jeder nur für sich selbst beantworten. Wenn der persönliche Gott ,tot' ist, gibt es nur noch zwei Richter: den vom Staat eingesetzten und den eigenen inneren, der darüber entscheidet, ob es einem gelingt, aus diesem Leben ein glückliches und erfülltes zu machen.



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