Spiritualität

Steve und Rosemary Weissman sind die einzigen verheirateten Meditationslehrer des Theravada-Buddhismus, die weltweit immer gemeinsam unterrichten. Obwohl sie einen klaren, traditionellen Stil in ihren Retreats vermitteln, betonen sie die Wichtigkeit mitfühlenden und engagierten Handelns im täglichen Leben.

Steve und Rosemary WeissmanWie lange lehrt ihr schon? Und gebt ihr eure Retreats immer gemeinsam?
Rosemary: Wir lehren seit 23 Jahren und immer gemeinsam.

Warum lehrt ihr nur zusammen?
Rosemary: Wir haben beide den Übenden etwas Eigenes zu geben. Als Mann und Frau verfügen wir über verschiedene Perspektiven und das ist oft hilfreich für die Übenden, besonders in privaten Interviews, wo sie eine Sache von verschiedenen Standpunkten aus betrachten können.

Rosemary, was hat dich auf den buddhistischen Weg gebracht?
Rosemary: Wir hatten schon verschiedene Wege probiert wie etwa Yoga, doch wir bemerkten dieses grundlegend Unzufriedenstellende im Leben. Wir verstanden, dass ein großer Teil davon aus uns selbst kam. Die Übungen, die wir praktizierten, zeigten uns keinen Weg, der da herausführte. Als wir die ‚Vier edlen Wahrheiten' zum ersten Mal hörten, war es wie ein Offenbarung: „Hier ist es." Der Buddha als Vorbild war großartig, und von da an wussten wir, was unser Weg ist.

Was sind die besonderen Elemente eurer Lehrvermittlung, warum kommen so viele Schüler zu euch?
Steve: Der Titel eines unserer Bücher sagt es: Mitfühlendes Verständnis. Mitgefühl ist die rechte Absicht, die Gedanken zu formen, Verständnis heißt, rechte Ansicht und Einstellung zu praktizieren. Wenn zu viel Mitgefühl entsteht, kann dies zu Hoffnungslosigkeit führen. Deshalb betonen wir die Balance zwischen den beiden. Die Menschen haben alle ihre eigenen Probleme und Leiden und wir geben ihnen exakte Methoden, um diese mit Weisheit und Mitgefühl zu lösen. Sie überwinden ihre Hindernisse und merken, dass sie etwas Großartiges und Außergewöhnliches erhalten haben und deshalb kommen sie zu uns.

Ihr unterrichtet Achtsamkeit auf den Atem und Körper, was hat das mit Mitgefühl zu tun?
Steve: Um auf eine tiefere Weise zu verstehen, woher die Probleme kommen, muss man den Geist schärfen und genau hinschauen. Wir lehren, die Zeichen des Körpers und den Geist zu verstehen. Wenn eine Person ärgerlich wird, dann verspannt sich der Körper, der Atem wird schneller. Wenn jemand diese körperlichen Signale bewusst wahrnimmt, dann kann er erkennen, was los ist, und sehen, was entstanden ist. Achtsamkeit in einem weiteren Sinne zu entwickeln heißt, fähig zu werden, die eigenen Handlungen und ihre Folgen zu sehen. Man sieht zum Beispiel, was Leiden verursacht, und aus Mitgefühl für sich selbst versucht man, das zu ändern. Achtsamkeit und Mitgefühl sind sehr eng miteinander verbunden.

Manche LehrerInnen betonen die Entwicklung von Konzentration und das Erreichen bestimmter Erfahrungen, die man Jhanas (Vertiefungen) nennt. Legt ihr auch Wert darauf und wie geht ihr mit solchen Erfahrungen um?
Steve: Wir glauben, dass die Menschen von heute oft nicht die Grundlagen haben, um mit den Jhanas angemessen zu arbeiten. So wie ich es verstehe, hatten die Menschen zu Buddhas Zeiten eine viel höhere Moral und Ethik. Wenn man den ‚Achtfachen Pfad' betrachtet, sieht man, dass Ethik eine Grundlage des ganzen Weges ist.

Rosemary: Man muss verstehen, dass so viele Menschen in dieser hektischen Welt des Westens nicht die Bedingungen für tiefe Konzentration haben. Es ist besser, ihnen eine Praxis zu geben, die sie in ihrem täglichen Leben anwenden können und durch die sie Vertrauen für den Weg entfalten.

Steve: Wir legen Wert auf die Entwicklung von Achtsamkeit im alltäglichen Leben wie beim Waschen, Anziehen, Frühstücken und beim Reinigen des Hauses. Also Achtsamkeit, die im normalen Leben anwendbar ist und nicht nur auf dem Meditationskissen.

Rosemary: Wir haben verschiedene Techniken entwickelt, um mit Lebensproblemen umzugehen. Wir denken, es ist möglich, Probleme auf emotionaler Ebene mit der Lehre des Buddha anzugehen und zu lösen.

Aber in einem klassischen Retreat, so wie ihr es macht, geht es doch ganz anders zu als im täglichen Leben. Bei euch sitzt man vorwiegend und dazwischen macht man Gehmeditation, den ganzen Tag nur sitzen und langsam gehen und alles ist sehr reduziert. Warum wählt ihr solch einen Stil, wenn ihr die Praxis des täglichen Lebens so betont?
Rosemary: Nehmen wir an, jemand will Klavier spielen lernen. Und zwar so, dass er oder sie in einem sehr belebten Restaurant spielen kann. Um das zu lernen, geht dieser Mensch zunächst an einen ruhigen Platz, um zu üben und zu lernen. Und erst wenn die Technik gut und sicher ist, dann kann er auch im Restaurant spielen. So ist es auch im Retreat. Wir lehren tieferes Verstehen und Einsicht in unsere Prozesse, wir lehren, wie man Mitgefühl für sich selbst entfaltet, wir beobachten, wie wir reagieren und welche Folgen das hat. Dann erst können wir das im Leben anwenden.

Steve: Sitzen und gehen sind Teil eines Retreats. Wir lehren allerdings auch Meditation im Stehen und viele Elemente des täglichen Lebens. Es gibt auch Retreats, in denen nichts gelehrt wird, was über das Sitzen auf dem Kissen hinausgeht. Das ist sehr eng. Wir bieten da einen sehr weiten Rahmen.

Seit vielen Jahren organisiert das Waldhaus eure Retreats in Europa und viele Schüler kommen immer wieder. Könnt ihr mir sagen, was euer Geheimnis ist?
Rosemary: Wir versuchen, mit viel Mitgefühl zu lehren und mit viel persönlichem Kontakt durch Einzelgespräche. Sie finden Vertrauen zu uns. Wir geben ihnen Methoden, die ihnen im Retreat helfen und auch in ihrem täglichen Leben. Manche sagen, dass wir ihnen ein Beispiel geben. Wir versuchen die ganze Zeit, unser eigenes Mitgefühl und Verständnis zu vertiefen und zu leben. Sie fühlen sich sicher mit uns und wir entwickeln eine Beziehung zu ihnen über viele Jahre. Es entsteht eine Art Dharma-Familie.

 

Rosemary Weissman, Steve Weissman, Paul KöpplerWenn man meditiert und dann die Erfahrungen im Leben umsetzen möchte, was kann man dabei falsch verstehen? Was sind die größten Gefahren der Meditation?
Steve: Oft verstehen die Übenden die praktischen Ziele der Meditation nicht. Wir sind hier, um unseren Ärger zu reduzieren, um unsere Ängste zu vermindern, um auf einer menschlichen Ebene mehr Mitgefühl und Versöhnung zu ermöglichen. Manche suchen in der Meditation etwas wirklich Aufregendes, den großen Knall. Wenn man durch Konzentration etwas Außergewöhnliches erfährt, kann das manchmal eine große Gefahr sein, weil man dann vielleicht denkt, man sei erleuchtet. So bleibt man da stecken. Es gibt auch die Gefahr, dass man Gleichmut mit Gleichgültigkeit verwechselt.

Rosemary: Eine andere Gefahr besteht darin, dass die Übenden sich selbst nur in Bezug auf ihre Achtsamkeit und Konzentration bewerten. Im gewöhnlichen Leben wird die im Retreat aufgebaute Fähigkeit nachlassen. Wenn man das bewertet, dann verliert man das Vertrauen und Zweifel tauchen auf. Doch wenn man versteht, dass das ein langsamer Prozess ist und es in erster Linie um das Wachstum von Mitgefühl und Weisheit geht, kann man mehr Vertrauen entwickeln. Man sieht, was Leiden ist, was die Ursachen sind und wie es reduziert und beendet werden kann.

Wenn Übende merken, dass sie trotz gewisser Fortschritte in alte Muster zurückfallen und beispielsweise ärgerlich werden, dann sind sie oft enttäuscht über sich selbst und denken, dass sie nicht gut genug sind und nichts erreicht hätten.
Rosemary: Wir nennen das Idealismus. Wir errichten ein hohes Ideal, dem wir dann nicht entsprechen. Dabei sehen wir nicht jeden Moment als eine neue Gelegenheit, um diese Hindernisse zu verstehen.

Steve: Ich möchte hinzufügen, dass wir bei unseren alten Schülern die Verwirklichung der zehn Tugenden (paramis) betonen. Interessant ist, dass Achtsamkeit und Konzentration gar nicht dazugehören. Sie sind nur Hilfsmittel, um die paramis zu entfalten. Die Tugenden sind die wirklich tiefe Seite der Praxis.

Welche Rolle spielen Freude und Glück auf dem buddhistischen Weg?
Steve: Sie sind äußerst wichtig. Freude ist ein Faktor der Erleuchtung. Wenn jemand keine Freude auf dem Weg erfährt, dann wird er aufgeben. Manchmal suchen die Menschen am Anfang des Weges eine außergewöhnliche Freude. Was jedoch zählt, sind die kleinen Freuden auf dem Weg. Ein Beispiel: Du bist in einem Retreat und stellst dich für das Essen an. Es gibt Früchte, die du gerne magst. Wenn du näher kommst, dann siehst du, dass jemand vor dir sich auf einmal vier Stück davon nimmt, obwohl nicht so viele für alle da sind. Du merkst den Ärger, der hochsteigt, und wenn es kein Retreat wäre, würdest du deine Meinung sagen. Durch unsere Praxis kannst du jedoch deinen Ärger merken und sehen, dass du ihn selbst erzeugst. Dann kannst du vielleicht deine Ansicht ändern und denken: „Diese Person ist gierig hier in diesem Retreat, wo alle versuchen, nett und achtsam zu sein. Sie muss eine Menge Probleme haben." So kann Mitgefühl entstehen.

Bleiben wir bei diesem Beispiel. Denkst du, es ist möglich, sich mit dieser Person, die sich zu viel genommen hat, zu freuen, dass sie nun so viele Früchte essen kann? (Lachen)
Steve: Ich würde mich freuen, wenn diese Person zur Einsicht kommt, zurückgeht und drei Früchte wieder zurücklegt.

Rosemary: Die wirklich mitfühlende Freude besteht darin, sich über die guten Qualitäten anderer Menschen zu freuen.

Und nicht, wenn andere Menschen gierig sind.
Rosemary: Ja, weil wir ja nicht möchten, dass diese Menschen sich weiterhin so verhalten. Es ist nicht gut für sie und andere. Wir ziehen es vor, dass sie zur Einsicht kommen.

Ihr betont die Übung im täglichen Leben und ebenso die Entwicklung von ethischem Verhalten. Ist das auch ein Weg zum sogenannten engagierten Buddhismus? Glassman Roshi sagt, Erleuchtung zeigt sich im Handeln für andere Menschen. Wie seht ihr das?
Steve: Der Titel meines letzten Vortrages in unserem 20-Tages-Retreat lautet ‚Mach mehr'. Wir verabschieden sie und sagen: „Macht mehr!" Was sie in ihrer Gesellschaft dann machen, das wissen wir nicht. Aber wir ermutigen sie, in allen möglichen Bereichen mehr zu machen. Wir hatten etwa einen Manager in einem Kurs, der ziemlich fertig war, das Retreat hatte ihn jedoch sehr verändert. Nach drei Jahren trafen wir ihn wieder und wir fragten, was er macht. Er sagte: „Ich bin ein Schmuggler geworden." Wir waren erschrocken, aber er lachte: „Ich schmuggle Essen und nützliche Dinge nach Burma." Wunderbar. Das war jemand, der mehr getan hatte, inspiriert durch uns.

Rosemary: Weil wir Mitgefühl und Weisheit so sehr betonen, führt das bei vielen Menschen zu entsprechenden Handlungen. Viele verändern ihr Leben, andere helfen mehr. Wenn wir mehr Mitgefühl für uns selbst und unser Leiden aufbringen, dann bemerken wir erst, dass auch andere Menschen leiden, und ganz natürlich kommt der Wunsch, auch ihnen zu helfen.

Letzte Frage: Was ist Erleuchtung?
Steve: Einfach gesagt: kein Ärger mehr, keine Gier, kein Egoismus, keine Angst, kein Neid. Stattdessen Mitgefühl, liebende Güte, Versöhnung, Weisheit und Achtsamkeit, innerer Frieden, kein Leiden mehr.

Dazu muss ich fragen: Gibt es heute in unserer Gesellschaft erleuchtete Menschen?
Steve: Es wäre schön, wenn sie mit einem Heiligenschein herumgingen. (Lachen) Wir können das nicht mir Sicherheit beurteilen. Aber eine Sache ist wichtig. Für die persönliche Entwicklung von Übenden muss ein erleuchteter Mensch nicht unbedingt der richtige oder der beste Lehrer sein. Es kommt mehr darauf an, ob jemand in seiner oder ihrer Art zu dem Schüler passt und etwas wirklich Hilfreiches vermitteln kann. Auch wenn Lehrer nicht erleuchtet sind, können sie doch eine große Hilfe für das Wachstum anderer sein.

 

Rosemary (geb. in Australien) und Steve (geb. in den USA) Weissman praktizieren seit 1972 Meditation. Sie fanden eine tiefe Verbindung zu den Lehren des Buddha, wie sie in der Tradition des Theravada gelehrt werden und die im Einklang standen mit ihrer tiefen Verbindung zur Natur und zu alternativen Lebensweisen. Sie haben mit führenden Lehrern des Buddhismus in Thailand, Burma, Sri Lanka, Indien, Australien, England und den USA geübt. 1986 beschlossen sie, ihr Leben ganz den Lehren des Buddha zu widmen. 1987 wurden sie eingeladen, in Wat Kow Tahm in Thailand zu lehren. Seitdem haben sie dort Tausenden von Schülern aus zirka 70 Ländern die Vipassana-Meditation nahegebracht. Sie haben ein Konzept entwickelt, in dem Wert auf die Entfaltung von mitfühlendem Verständnis und tiefer Einsicht, auf die Entwicklung der Paramis, die Arbeit mit Hindernissen und die Anwendbarkeit im täglichen Leben gelegt wird. Sie reisen auch regelmäßig in die USA, nach Australien, Singapur und Europa (Waldhaus am Laacher See).

 

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie hier.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren