Spiritualität

Schriftsteller und Filmemacher Bruno Baumann, die tibetische Buddhistin Andrea Husnik, Kommunikationsberater Edi Keck, ‚Save-Tibet’-Aktivistin Gerda Königsberger und U&W-Herausgeber Peter Riedl im Gespräch über die Faszination Dalai Lama, den tibetischen Buddhismus und den Mythos Tibet.

Baatz: S.H. Dalai Lama gehört im Westen zu den allerwichtigsten spirituellen und politischen Gestalten. Was ist die Faszination des Dalai Lama?

Königsberger: Ich traf den Dalai Lama das erste Mal 1997 bei einer öffentlichen Audienz in Dharamsala. Diese Begegnung hat mich tief beeindruckt. Ich besuchte 1994 Tibet und nach meiner Rückkehr habe ich begonnen, mich für dieses Land zu engagieren. Ich wurde Mitglied des Vereins ‚Save Tibet’ und im Rahmen dieser Tätigkeit hatte ich das Glück, mehrere Privataudienzen mit dem Dalai Lama miterleben zu dürfen. Es gibt keine Mauer zwischen ihm und einem selbst, er spricht mit einem, als ob man sich schon ewig kennen würde. Mein Eindruck war, dass er aus Humor, Güte und Wahrhaftigkeit besteht. Das ist für mich der Dalai Lama.

Baatz: Herr Riedl, warum sind so viele Menschen begeistert vom Dalai Lama?

Riedl: Das kann ich gar nicht beantworten. Ich selbst habe begonnen, mich in einer tibetischen Gruppe zu üben, die Tibeter haben ein gewisses Flair und einen gewissen Nimbus, was mir imponiert hat. Ich habe den Dalai Lama dann mehrmals getroffen und ihn als sehr authentische und reife Persönlichkeit kennengelernt. Ich schätze ihn als jemanden, der trotz seiner verantwortungsvollen Position stets menschlich reagiert.

Baatz: Herr Keck, Sie schauen ein wenig skeptisch.

Keck: Grundsätzlich stimmt das. Meine Frau und ich hatten zu meinem 40. Geburtstag eine Privataudienz mit dem Dalai Lama in Dharamsala. Ich kann diese Eigenschaften alle bestätigen: sympathisch, freundlich, warm. Er hat eine halbe Stunde die Hand meiner Frau gehalten – sie schwebte dann aus diesem Raum. Als religiöser Führer ist er also großartig. Der Dalai Lama ist aber Staatsführer und religiöser Führer zugleich. In meinem Verständnis geht das nicht. Seit 2011 gibt es nun endlich einen Premierminister. Der Dalai Lama ist ein PR-Genie, in Sachen tibetischer Buddhismus ist er aber ein völlig versagender Politiker. Er wird in der Politik auch nicht wahrgenommen und Autonomie hat er keine erreicht.

Baatz: Frau Husnik, Sie bezeichnen den Dalai Lama als Ihren persönlichen Lehrer. Warum hat er diesen moralischen Stellenwert im Westen?

Husnik:
Für mich ist er eine spirituelle Autorität, ein Vorbild. Das Authentische liegt für mich darin, dass er umsetzt, was er lehrt. Je mehr ich über den tibetischen Buddhismus studiere, desto mehr bekomme ich eine Ahnung davon, was für ein unglaubliches Wissen in diesem Menschen liegt. Das konnte ich am Anfang noch gar nicht erahnen. Außerdem ist er wahrhaftig, man hat einen persönlichen Zugang zu ihm und fühlt sich einzigartig. Er begegnet jedem Menschen gleich – ob Staatsoberhaupt oder Hotelportier, es ist die gleiche Wertschätzung und Wichtigkeit. Für mich ist er eine Vorbildperson.

Baumann: Ich habe ihn mehrere Male getroffen und einmal habe ich ihn über einen Monat lang begleitet. Für mich ist er authentisch, er lebt, was er lehrt, das ist es, was Menschen anzieht. Er hat eine einzigartige Biografie, so einen Dalai Lama wird es nie wieder geben – einer, der im alten Tibet wurzelt, als Bauernsohn geboren, mit nichts flüchten musste und dann zu dieser moralischen Institution aufgestiegen ist!

Baatz: Sie waren schon in den 80er Jahren in Tibet, als es noch mehr Freiheiten gab als heute. Wie haben Sie Tibet damals gesehen?

Baumann: Meine erste Erfahrung mit Tibetern war, als ich als ‚Backpacker’ durch China reiste und dort vor einer kalten menschlichen Mauer stand. Dann bin ich in tibetische Siedlungsgebiete gereist und bin dort offenen Menschen begegnet, die keine Maske tragen und ihre Gefühle zeigen – das war ein Schlüsselerlebnis. Aber wenn man den Mythos Tibet anspricht, dann reicht dies ja sehr weit zurück, zu der Projektionsfläche aus früheren Zeiten, als es ein verbotenes Land war, in das man nur sehr schwierig gekommen ist.

Baatz: Herr Riedl, welche Bilder verbinden Sie mit dem Mythos Tibet?

Riedl: Mir ist der Mythos eigentlich unklar. Auch was hier hervorgehoben wird. Dass der Dalai Lama zum Portier freundlich ist – das ist doch eine Selbstverständlichkeit. Ich kenne kaum einen Schauspieler oder Politiker, der nicht auch zu einem Portier freundlich ist. Und er kann ja auch sehr unfreundlich werden, wie man weiß. Ich habe einmal gewagt, ihn bei einem Interview zu unterbrechen, und da wurde er sehr unfreundlich. Er ist also spontan und ehrlich, das finde ich gut.

Baatz: Herr Keck, Sie sind Marketingfachmann, Tibet lebt von einer Mythenbildung. Wie kommt dies aus werbetechnischer Sicht zustande?

Keck: Der Hauptgrund für den Mythenstatus Tibets – ob bei den Nazis, in den 68er Jahren oder in der Gegenwart – ist, dass das Land ein unbeschriebenes Blatt ist, in das alles hineinprojiziert werden kann. In Tibet hat der Westen eine Projektionsfläche gefunden.

Riedl: Die Menschen wollen sich diesen Mythos nicht nehmen lassen. Der Dalai Lama hat früher darüber gesprochen, wie es weitergehen könnte, dass er möglicherweise der letzte Dalai Lama sei und dass der nächste anders ausgewählt werden und sogar eine Frau sein könnte. In den letzten Jahren spricht er nicht mehr über solche Themen, weil die Menschen dies gar nicht hören wollen. Sie wollen keine differenzierte Auseinandersetzung. Tibet hat ein Wunderland zu sein.

Baatz: Haben Sie das Gefühl, dass Tibet diesem Mythos entspricht? Es ist ja ein aufregendes Land, sehr fremdartig.

Baumann: Ich persönlich habe wegen der bestehenden Sehnsuchts-Literatur Tibet-Reisen unternommen und schnell gemerkt, dass Tibeter kein Monopol auf Erleuchtung haben und dass nicht jeder Tibeter der Dalai Lama ist. Die Sympathien, die Tibet im Westen hat, werden zum Teil von diesem Mythos genährt.

Baatz: Wie sehen Sie als praktizierende tibetische Buddhistin die Wundergeschichten über Tibet?

Husnik: Ich war nach der Uni darauf trainiert, nur Dinge zu sehen, die ich auch nachprüfen kann. Dann hatte ich Erlebnisse, die nicht in mein naturwissenschaftliches Konzept passen. Ich habe kein Problem zu glauben, dass ein Mensch Hitze entwickeln kann, so dass er ein nasses Tuch in Sekunden trocknen kann. Das habe ich zwar selbst nie gesehen, aber ich kann mir vorstellen, dass es möglich ist.

Baatz: Herr Riedl, Sie sind Universitätsprofessor. Was sagen Sie dazu? Gibt es so etwas?

Riedl: So etwas gibt es scheinbar. Wenn ich hier sitze, strahle ich ja auch Wärme aus. Dass ich in der spirituellen Übung Energien lenken und mit diesen anders umgehen kann, ist keine Frage. Das sind keine Wunder, sondern Phänomene, die man meistens erklären kann.

Baatz: Fakt ist, dass die tibetischen Buddhisten den größten Zulauf aller buddhistischen Richtungen haben. Können Sie sich das erklären?

Riedl: Auch ich war anfangs vom tibetischen Buddhismus fasziniert, auch ich kam mit vielen Fragen, für mich war dann aber zu viel Glaube. Der Dalai Lama sagte selbst einmal, dass es zwei Formen des Buddhismus gäbe: eine ohne Glauben und eine mit Glauben. Ich hänge der ersten Richtung an, für mich ist Buddhismus ein Erkenntnisweg.

Husnik: Definitiv. Für mich ist er eine Philosophie, die sehr schlüssig ist und die, je mehr ich mich damit beschäftige, immer schlüssiger wird. Ich hatte nie einen Moment, in dem ich dachte, ich würde nun etwas glauben. Meine Lehrer haben mich ganz konkret dahin geleitet zu überprüfen. Das habe ich von meinen Lehrern gelernt und so gebe ich das auch weiter.

Baumann: Ich sehe den tibetischen Buddhismus aus der Gesamtsicht der buddhistischen Bewegung. Es ist auch bekannt, dass der Buddhismus als Erfolgsschlüssel Dialogfähigkeit hat. Heute ist er in den Dialog mit dem Westen eingetreten. Diese Dialogfähigkeit hat dazu geführt, dass der Buddhismus, wo immer er sich verbreitete, die vorbuddhistischen Götter integriert hat. Der Dalai Lama unterscheidet auch zwischen Volksglauben und der buddhistischen Philosophie, die nachprüfbar ist.

Baatz: Gerade im tibetischen Buddhismus gibt es auch Rituale. Es handelt sich also nicht nur um eine Philosophie.

Keck: Ich möchte noch etwas zum Thema Buddhismus als Erkenntnisweg oder als Glaube sagen. Für die, die ein Problem damit haben, Erkenntnis durch Denken zu finden, für die gibt es Wunder und Rituale. Bei manchen frage ich mich, wie ernst sie zu nehmen sind. Ich war in Tibet beim Kailash: Da gehen die Anhänger der Bön-Religion gegen den Uhrzeigersinn um den Berg und die Tibeter im Uhrzeigersinn. Ein anderes Thema sind die westlichen Projektionen, die dort laufen. In Dharamsala verkleiden sich Menschen aus dem Westen als Mönche, mit Gebetsketten um die Handgelenke, schneiden all ihre Wurzeln ab, weil sie kahlgeschoren Tibeter sein wollen. Auf der anderen Seite sitzen junge Tibeter in ihren Wohnzimmern und schauen sich Filme mit Arnold Schwarzenegger an. Ich glaube, dass die Tibeter etwas ganz anderes wollen, als die Europäer dort hineinprojizieren.

Riedl: Nach dem Motto ‚The Empire Strikes Back’. Jahre oder Jahrhunderte lang hat man jeden Weißen, der nach Asien kam, für einen Arzt gehalten. Heute glaubt man, dass jeder Tibeter, der zu uns kommt, ein Heiliger oder ein Lama ist. Als der Dalai Lama hier im buddhistischen Zentrum war und die Räumlichkeiten einer österreichischen tibetischen Gruppe besichtigte, brach er in schallendes Lachen aus, es sah aus wie in Tibet. Das fand er sehr komisch.

Baatz: Die gegenwärtige Situation der Tibeter ist eine sehr schwierige. Im Westen gibt es einen sich entwickelnden tibetischen Buddhismus. Es ist nicht einfach, eine Tradition über so lange Zeit aufrechtzuerhalten. Das ist eine heikle Situation, die Position des Dalai Lama eine schwierige. Wie sehen Sie diese Position, Frau Königsberger?

Königsberger: Sehr schwierig und sehr furchtbar. Die tibetische Kultur wird nur im Westen überleben. In Tibet selber hatte ich das Gefühl, dass die Tibeter langsam, aber sicher ausgerottet werden.

Baatz: Es gibt immer wieder Fälle von Mönchen außerhalb des autonomen Gebiets, die sich aus Verzweiflung selbst anzünden.

Baumann: Die Entwicklung in den letzten 30 Jahren spiegelt generell die chinesische Politik wider. Die Angst, das Machtmonopol womöglich wegen Religion oder Zugeständnissen zu verlieren, trifft die Tibeter sehr hart, aber auch andere Minderheiten wie Uiguren oder die Mongolen. Die Position der Tibeter und das, was in Tibet passiert, hängen kausal mit den Entwicklungen in China zusammen. In China ist Buddhismus heute wieder hip. Man sieht Tausende junge Chinesen in Großstädten in die buddhistischen Klöster gehen. Aber die Politik ist knallhart, sie hat sich in den letzten Jahren extrem verschärft, was nun auch die aktuellen Selbstverbrennungen von Mönchen und Nonnen mit sich bringt.

Baatz: Ist die Politik der Gewaltlosigkeit gescheitert?

Husnik: Die Politik ist nicht gescheitert. Mit der Wertschätzung, die ich Seiner Heiligkeit gegenüber habe, denke ich auch, dass er sehr wohl gewusst hat, wie er was tut. Auch seine Funktion im Westen – er hat sich als Projektionsfläche zur Verfügung gestellt, die Anliegen Tibets finden bei den Menschen Gehör — war wohl bewusst. Auch sein Rücktritt war bewusst, großartig und weitsichtig. Tibet befindet sich in einer Zwickmühle. Wenn die Chinesen den Tibetern das geben, was ihnen eigentlich zusteht und was anfangs schon festgeschrieben war, wollen das die 53 anderen Minderheiten auch.

DISKUTANTEN:
Bruno Baumann
lebt als Schriftsteller und Filmemacher in München. Er gilt gegenwärtig als einer der besten Kenner Tibets und des Himalayaraumes.
Mag. Andrea Husnik
ist Buddhistin. Als Biologin arbeitet sie als Umweltberaterin in der Erwachsenenbildung. Den tibetischen Buddhismus bezeichnet sie als ihre spirituelle Heimat.
Edi Keck
ist Kommunikationsberater, Autor und Werbefachmann.
Gerda Königsberger
ist Aktivistin des Vereins ‚Save Tibet’ und Buddhistin.
Univ.-Prof. Dr. Peter Riedl,
Radiologe und Herausgeber der Zeitschrift ‚Ursache&Wirkung’, ist seit 30 Jahren Buddhist.

LEITUNG:
Dr. Ursula Baatz
, Philosophin und Religionslehrerin, Mitarbeit an diversen Forschungsprojekten, Lehraufträge am Institut für Philosophie (Buddhismus-Rezeption) und an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Wien.

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Kommentare   

# Samir 2017-11-29 14:24
Wer wird wohl der nächste Dalai Lama?
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# Markus keller 2017-11-29 14:25
Möglicherweise wird es ja eine Frau?
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# Uwe Meisenbacher 2017-12-09 12:22
Wer wird wohl der nächste Dalai Lama ?
Hoffentlich nicht eine durch Reinkarnationsglauben
bestimmte Person !

Mit freundlichen, aberglaubensbefreiten,
buddhistischen Grüßen.
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# Uwe Meisenbacher 2017-12-09 14:07
Die Vorstellung, dass ein Ich wiedergeboren wird, wurde von Buddha ausdrücklich abgelehnt
( SN XXII, 47 ). Das Ich ist eine vergängliche Illusion.
Zu sagen, „ich“ habe in früheren Leben dies oder das vollbracht, werde in künftigen Leben ( als Mensch,Tier, in Himmel oder Hölle ) dies oder das erleben, beruht auf dem grundlegenden Denkfehler von der Existenz eines „Ich“.
Es ist eine Illusion sagt der Buddha, dass ein Körper (rupa) von einem Geist (nama) bewohnt wird, der sich dann wieder vom Körper trennen kann.
Es ist also eine illusorische Verblendung des Menschen durch Wunschdenken und Realitätsverweigerung bedingt, sich vorzustellen, das er wiedergeboren wird.
Buddhismus ohne Reinkarnationsglaube ist ein gut zu praktizierender Weg.
Buddha sein Anliegen war, uns Menschen im Umgang mit dem alltäglichen Leiden zu helfen.
Darauf basiert Buddhas Pfad der Weisheit, "Mache das Heilsame, lasse das Unheilsame und ent-
wickle deinen Geist
Wenn dann dadurch mehr Ethik, Moral und Gemeinwohl praktiziert wird und die Menschen
weniger Leiden müssen, ist das doch auch schon mal was.

Mit freundlichen, aberglaubensfreien, buddhistischen Grüßen
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