Gesellschaft

Jack Kornfield zählt zu den wichtigsten buddhistischen Lehrern der Theravada-Tradition. Der 67-jährige Amerikaner verbrachte viele Jahre in asiatischen Klöstern und gründete schließlich das Spirit Rock Meditation Center in Kalifornien. Seit den 1960er Jahren arbeitet er erfolgreich daran, die Dharma-Lehre westlichen Menschen zugänglich zu machen.

Die Sitzbänke in den reformierten und katholischen Kirchen der westlichen Welt leeren sich. Kirchen werden umgewidmet und verkauft, es wird diskutiert, wie das Christentum erneuert und attraktiver vermittelt werden kann. Wie steht es demgegenüber um den Buddhismus? 

Das Interesse am Buddhismus wächst, sowohl in Europa, den USA, Kanada wie auch in Lateinamerika, wie ich höre. Ein Grund dafür ist sicher, dass der Buddhismus nicht nur eine Religion und damit auf den Glauben fokussiert ist. Die Dharma-Lehre enthält eine starke kontemplative Praxis, um Herz und Geist in Achtsamkeit, Mitgefühl und Vergebung zu schulen. Das ist sehr nützlich in unserer modernen, komplexen Welt. Und die Neurowissenschaften haben inzwischen klar gezeigt, dass diese Praktiken wirksam sind.

 

Ist der Buddhismus definitiv im Westen angekommen?

Ja, und zwar in erster Linie eben in einer Form, die ich die ‚Wissenschaft vom Geiste’ nenne. Die Aufgabe westlicher Lehrer meiner Generation war es, den Buddhismus aus dem kulturellen Kontext Asiens zu lösen und für ihn eine Form zu finden, die zur westlichen Kultur passt.

 

Was sind die wesentlichen Aspekte dieser Form?

Der Buddhismus, wie ich ihn in Thailand, Burma und Kambodscha kennenlernte, war oft in eine patriarchale, undemokratische Kultur eingebettet. Die heutige westliche Form ist demokratischer, weniger hierarchisch, auf nur einen Lehrer ausgerichtet. Und wir haben den Buddhismus weiblicher gemacht, könnte man sagen. Frauen sind beispielsweise als gleichberechtigte Lehrende und Praktizierende respektiert.Essenziell ist sicher auch, dass der Buddhismus im Westen nicht auf das Leben im Kloster ausgerichtet, sondern sehr mit dem Alltag der Menschen verbunden ist. Wir haben die Dharma-Lehre wie einen Schatz in den Westen mitgebracht und sie dem westlichen Leben des 20. Jahrhunderts angepasst.

 

In welche Richtung entwickelt sich der westliche Buddhismus des 21. Jahrhunderts?

Ein junger Praktizierender, der sich viel im Internet und in den neuen sozialen Medien bewegt, sagte mir kürzlich, die Form der Retreats scheine ihm altmodisch. Ich antwortete, vielleicht sei es jetzt die Aufgabe seiner Generation, die Dharma-Lehre ins 21. Jahrhundert zu bringen, also neue Formen zu suchen, wie der Buddhismus vermittelt werden kann.

 

Wie entwickelt sich der Buddhismus im Osten?

Die Situation hat sich ein bisschen umgedreht. Viele Menschen im Westen praktizieren heute Yoga, Meditation oder asiatische Kampfsportarten. In Asien hat das Interesse an Spiritualität abgenommen, während das Interesse am Materiellen gewachsen ist. Hochhäuser und Autobahnen werden gebaut – Bangkok und Shanghai sehen schon fast aus wie Los Angeles. Der Osten ist stark mit äußeren Entwicklungen beschäftigt, weil das jetzt anscheinend nötig ist. Es gibt Ausnahmen: In Burma etwa, ein Land, das lange abgeschottet war, ist das Interesse am Buddhismus noch groß.

 

Aber insgesamt wird weniger buddhistische Praxis ausgeübt als früher?

Es war schon immer so, dass in Asien nur ein sehr geringer Anteil der Bevölkerung Meditation praktiziert hat. Wichtiger ist in diesen Ländern der religiöse Aspekt des Buddhismus, etwa in der Form von Gebet, Andacht oder Wunschritualen. Auch in den Klöstern Asiens praktizieren nicht alle Mönche – Gebet und das Studium von Texten stehen bisweilen im Vordergrund. Aber es gibt natürlich Klöster, in denen umgekehrt die Praxis zentral ist und sehr tief praktiziert wird.

 

Hat Buddha die meditative Praxis nicht für alle empfohlen?

 Der Buddha hat sehr individuelle Anleitungen gegeben. Das zeigen die Lehrtexte, in denen er oft auf ganz persönliche Fragen hin Ratschläge erteilt. Gerade für Laien empfahl er nicht unbedingt Meditation, sondern betonte vielleicht, Großzügigkeit zu praktizieren, Mitgefühl zu empfinden oder sein Leben mehr nach von ihm formulierten ethischen Regeln (precepts) auszurichten. Insofern gibt es nicht nur eine, sondern viele Formen von Buddhismus.

 

Was würde Buddha wohl uns heutigen Menschen empfehlen?

Ich denke, einerseits würde er auch heute sehr individuelle Ratschläge erteilen. Andererseits würde er vermutlich angesichts unserer schnelllebigen und komplexen Zeit generell empfehlen, sich Zeit zu nehmen, um den Geist zu beruhigen, sich mit dem Atem und dem Moment zu verbinden, das Herz zu öffnen und sein Innenleben wahrzunehmen. Genau darum üben ja immer mehr Menschen im Westen eine buddhistische Praxis aus. Sie spüren eine Sehnsucht nach Ruhe und Raum, um wieder in eine innere Balance zu finden.

 

Ist die buddhistische Praxis für alle geeignet? 

Achtsamkeit und Mitgefühl zu üben kann nicht falsch sein. Aber es gibt verschiedene Wege, dies zu tun. Intensive Meditationsretreats sind nicht für alle Menschen oder zu jedem Zeitpunkt die richtige Form. Sie können auch überfordern, etwa, wenn jemand Traumata erlebt hat und psychisch nicht stabil ist. Aber eine solche Person kann auch außerhalb eines Retreats mit Gehmeditation wieder Boden finden, Visualisierungen praktizieren, die Ruhe bringen, oder sich in Mitgefühl üben. Der Buddha hat Hunderte von Praktiken gelehrt und diese wie gesagt sehr individuell empfohlen. Es sollte eine Praxis sein, die zu der jeweiligen Person passt.

 

Wie merkt man, welche die richtige Praxis für einen ist?

Wichtig ist, sich selber gegenüber sensibel zu sein. Wenn mich eine Praxis aufwühlt, mich ängstlich oder urteilender mir selber gegenüber macht, bin ich vermutlich auf dem falschen Weg. Meditation sollte auch nicht eine grimmige Pflicht sein, sondern aus Liebe kommen und das Wohlbefinden fördern. Ob dem so ist, muss jeder selber spüren.

 

Kann der Buddhismus als Praxis kombiniert werden mit einer anderen Religion, der man angehört?

 Absolut. Es ist nicht das Ziel, ein Buddhist zu werden, sondern ein Buddha. Liebende Güte und Achtsamkeit kann man praktizieren, ohne eine neue religiöse Identität annehmen zu müssen. Man kann das zwar tun, aber es ist nicht nötig. Der Buddha wollte, dass die Menschen frei werden, nicht dass sie Buddhisten werden.

 

Wissenschaftler in Ost und West arbeiten heute eng zusammen. Ist es denkbar, dass der neurowissenschaftliche Nachweis der Wirksamkeit von Meditation dazu beiträgt, dass in Asien das Interesse an der meditativen Praxis des Buddhismus zunimmt?

Ich würde es mir wünschen. Es ist durchaus denkbar, da die Wissenschaft weltweit große Anerkennung genießt. Wer weiß, vielleicht kann sie in diesem Sinne dem Dharma dienen.

 

Sie praktizieren seit mehr als 40 Jahren. Wie sieht die Wirkung bei Ihnen aus?

Es ist ein bisschen besser (lacht). Ich bin ein bisschen freundlicher, bewusster, weniger verhaftet, nehme Dinge weniger persönlich und fühle mich freier.

 

Haben Sie, brauchen Sie noch Lehrer?

Ich gehe ab und zu selber in Retreats. Aber ich bin nicht mehr so interessiert, Lehrer zu haben. Nicht, weil ich so erleuchtet wäre, sondern weil ich schon so viele Belehrungen hatte. Jetzt geht es einfach darum, es zu leben. Dabei ist der Dharma-Weg für mich auch weniger eine Religion als ein Weg, zu leben: der Versuch, mit Klarheit und Liebe aufzuwachen. Ich spreche daher gerne von liebendem Gewahrsein. Das finde ich noch passender als nur Achtsamkeit.

 

In Ihren Büchern betonen Sie, wie wichtig es ist, zuerst innere Ruhe zu finden, bevor man politisch aktiv wird. Sehen Sie diesbezüglich eine Veränderung?

Ja, ich erlebe beispielsweise die Occupy-Bewegung als sehr friedlich. Diese Menschen agieren mit Herz und Verstand, aber nicht aus einem Ärger heraus, wie das bei Demonstrationen vor 30 oder 40 Jahren oft der Fall war. Es hat eine starke Bewegung in die Richtung eines engagierten Buddhismus stattgefunden. Es scheint mir ganz natürlich zu sein, was jetzt im Buddhismus geschieht. Es ist wie einatmen und ausatmen. Man muss zuerst inneren Frieden finden, dann aber auch vom Meditationskissen aufstehen und das Ganze in die Gesellschaft tragen. Gerade junge Buddhistinnen und Buddhisten sorgen sich um die Umwelt und sehen auch, welch große Wirkung ihre Praxis in der Welt haben kann.

 

Wachsendes Interesse am Buddhismus und ein vermehrtes gesellschaftliches Engagement von Buddhistinnen und Buddhisten – das klingt nach einer verheißungsvollen Zukunft für die Dharma-Lehre.

Ich glaube, ja.Die Dharma-Lehre ist zeitlos. Die Wahrheiten vom Leiden, dessen Ursachen und Überwindung, die Wahrheit von Unbeständigkeit, Leere und dass Hass nur mit Liebe geheilt werden kann – dies alles ist zeitlos und wird der Menschheit immer dienen können. Und ich glaube, das Bewusstsein und Interesse dafür wächst.

 

Jack Kornfield, 67, ist Klinischer Psychologe, Psychotherapeut, buddhistischer Lehrer und Vermittler. Nach vielen Studienjahren in Thailand, Burma und Indien ist er in seinem Heimatland USA zu einem der bekanntesten international anerkannten buddhistischen Lehrern geworden. Er gründete die ‚Insight Meditation Society' und später das ‚Spirit Rock Meditation Center' in Kalifornien.

Adrian Ritter ist Soziologe und diplomierter Journalist (Medienausbildungszentrum/MAZ). Er lebt in Zürich und arbeitet als freischaffender Journalist und Redakteur von UZH News, dem Online-Magazin der Universität Zürich.

 

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Kommentare   

# Samana Johann 2015-11-29 05:56
Buddhist werden oder sein zu wollen ist dumm. Buddha werden oder sein zu wollen ist überheblich und anmaßend, jetzt wo man doch nicht mal im Stande ist, sich an einfache Tugenregeln eines Buddhisten zu halten.

Was alle diese Laienlehrer gemein haben, meist "Mönchsversager", ist daß sie keinen Respekt vor den drei Juwelen haben, und damit nichts anderes als Handel für ihren nicht sehr glücksverheißenden Lebensunterhalt betreiben. Und so vielen die Händler zusammen mit ihren Kunden, wie sie es schon für viele Existenzen taten und noch tun werden. Keine Sicht nach hinten und Aussichten nichts als Trug.
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# Uwe Meisenbacher 2016-03-01 21:00
Jack Kornfield gehört auch zu den heilsamen buddhistischen Aufklärern und Lehrern der Gegenwart.
Er ist auf dem richtigen, buddhistischen Pfad.
Dazu muß er nicht Mönch sein.
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