Wohlfühlen

Der buddhistische Mönch Bhante Seelawansa spricht im Interview mit Ursache\Wirkung über Karma, Wiedergeburt und was im Buddhismus wirklich wichtig ist.

Wie kann man sich den Begriff Wiedergeburt vorstellen?

Für mich gibt es ein Leben nach dem Tod, Wiedergeburt jedoch nicht. Das Wort Wiedergeburt kommt aus den indischen Sprachen. Der Begriff existiert im Buddhismus nicht. Buddha verwendet stattdessen das Wort ‚Wiederwerden’. Die Wiedergeburtslehre besteht in Verbindung mit einer Person und einer Seele. Beides gibt es nicht. Manchmal glaube und spüre ich, dass ich schon oft auf dieser Welt gewesen bin. Buddha spricht ausschließlich vom Wiederwerden, aber wir können ruhig das gebräuchlichere Wort Wiedergeburt verwenden. Sie findet so statt: Der Mensch ist immer aktiv und dafür hat er Verbindung mit drei Kanälen. Der erste ist das Denken, der zweite der Körper und der dritte die Sprache. Der Mensch selber ist ein Produkt aus Energie. Jedes Mal, wenn er etwas tut, findet eine Veränderung der Lebensenergie statt. Das bedeutet, unsere Aktivitäten formen Energien, die sich ständig ändern. Wenn jemand etwas Gutes oder Schlechtes tut, so ändert sich dementsprechend auch seine Energie. Durch bestimmte Aktivitäten kann im Wiederdasein ein göttliches, ein menschliches, ein tierisches oder ein Geistwesen entstehen. Durch die Handlungen bilden sich in uns Energieformationen aus. Energie geht nie verloren, auch im Tod nicht. Wenn jemand stirbt, bleibt die Körperlichkeit, bleiben die vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Licht auf der Erde und die Energieprozesse gehen weiter. Durch Handlungen im Leben entstehen Energieformationen, die in einen neuen Mutterleib gehen. So wie die Energie ist, so wird auch das neue Leben. Hat jemand heilsame Dinge getan, entsteht eine heilsame Energieformation und eine heilsame Wiedergeburt, bei unheilsamen Dingen eine unheilsame Wiedergeburt. Unsere Handlungen in diesem Leben entscheiden das Wiederdasein.

 

In einem buddhistischen Text habe ich gelesen, dass wir bei Unangenehmem, etwa einem Unfall, oder bei Angenehmem wie einem Lottogewinn von Pech oder glücklichem Zufall sprechen. In Wirklichkeit seien in beiden Fällen karmische Wirkungen aus einem früheren Leben zur Frucht gereift. Verläuft das so linear?

Nein, nicht alles ist Karma, es gibt auch andere Ursachen. Nehmen wir an, jemand hat gutes Karma und er kauft kein Lotterielos. Kann er gewinnen? Nein. Gutes Karma allein ist also nicht genug. Ich muss aktiv werden – ich muss ein Los kaufen. Ständig kommen Bedingungen und Konditionen zusammen und immer entsteht daraus etwas anderes – aber nicht nur eine einzige Sache. Jemand meint vielleicht, er sei aufgrund von schlechtem Karma krank geworden. Im Buddhismus ist nicht alles Karma. Karma ist dabei, aber das allein ist nicht die Ursache. Das Wetter und der Lebensstil können auch Gründe sein. Es gibt tausend Gründe, Konditionen und Ursachen, die ein Leben beeinflussen, nicht nur Karma. Man muss auch aktiv werden. Wenn jemand gutes Karma hat und schlechte Dinge tut, Menschen umbringt, der wird ins Gefängnis kommen.

 

So gesehen ist die buddhistische Vorstellung der Wiedergeburt gar kein buddhistischer Glaube, sondern ein Universalgesetz? Und gilt für alle Menschen?

Ja, der Buddha lehrt: „Das Karmagesetz bleibt immer gleich, unabhängig davon, ob ich es erkläre oder nicht.“ Es ist ein universelles Gesetz und daher nicht buddhistisch.

 

Also man kann nicht sagen, ‚ich’ werde wiedergeboren, aber es gibt Wiedergeburt – es geht etwas weiter?

Ja, das ist so. Im Westen, aber auch im Osten verstehen die Menschen unter Wiedergeburt zweierlei: Erstens fände sie nach dem Tod statt und zweitens würde ein Mensch wieder ein Mensch. So eine dunkle Erkenntnis haben die Menschen. In Wirklichkeit ist Wiedergeburt, Wiederdasein, nicht nach dem Tod. Wiedergeburt findet in jedem Moment statt. Wenn ein Mensch aus Ärger etwas tut, erlebt er in diesem Moment ein Dasein. Woher kommt der Ärger? Aus verschiedenen Bedingungen. Der aus verschiedenen Bedingungen entstandene Ärger erzeugt ein neues, ein ärgerliches Leben. Dann vergeht der Ärger und aus verschiedenen Bedingungen entsteht Liebe und dieser Mensch hat eine neue Wiedergeburt. So erlebt man von der Geburt bis zum Tod ständig Wiedergeburten. „Tod“, sagt der Buddha, „ist nur eine sichtbare Manifestation der Vergänglichkeit, sonst nichts.“ Das ständige Vergehen findet immer in uns statt, aber man sieht es nicht. Tod ist etwas Sichtbares. In jedem Moment und in jeder Sekunde wird man geboren und stirbt auch wieder. Fände dieser Prozess nicht statt, würde der Mensch nicht alt werden. Der Prozess muss stattfinden: Tod, Geborenwerden, Sterben, Tod, Geborenwerden – dies findet Milliarden Male in uns statt. Wenn eine Sekunde vergeht, erlebt der Mensch ein neues Leben.
„Die Dinge gehen vom Geist aus“, lehrt der Buddha und so hat jede Wiedergeburt immer eine Verbindung mit unserem Geist, unserem Bewusstsein. Ohne Geist findet keine Wiedergeburt statt. Wenn du denkst, etwas tust, wirst du. Den Prozess kann man so ausdrücken: ‚Denkt – Tut – Wird’ und wieder ‚Denkt – Tut – Wird’. Das ist unser Leben.

 

Buddha konnte sich an seine letzten Leben erinnern, wir können das nicht. Wie ist das zu verstehen?

In Wirklichkeit kann jeder Mensch sein letztes Leben sehen. Der Buddha lehrt: „Zur Zeit der Geburt ist das Bewusstsein rein. Aber der Geist verbindet sich dann ganz schnell mit der Außenwelt und blockiert alles. Dann wird das letzte Leben nicht mehr gesehen.“ Wenn wir unseren Geist wirklich reinigen, wenn er ohne Trübungen und Befleckungen ist, dann können wir sehen. Bei manchen Menschen ist der Geist derart verwirrt, dass sie sich nicht einmal daran erinnern, was sie in der Früh gegessen haben. Andere erinnern sich nach Tagen, Wochen und Monaten noch an alles. Wenn jemand wirklich die Reinheit des Geistes erreicht hat, sieht er, wie die Dinge wirklich sind. Wenn wir die Reinheit verlieren, dann sehen wir nicht. Der Buddha gibt ein Beispiel: Bei einem Topf mit reinem Wasser können wir den Boden unter drei Bedingungen nicht sehen. Wenn das Wasser kocht, das vergleicht er mit Hass und Ärger, wenn im Wasser Farbe ist, das wäre die Gier, und wenn die Oberfläche vermoost ist, das ist die Verwirrung. Wenn diese drei Dinge nicht eintreten, kann man den Boden sehen. Der Buddha sagt, dass er viele Leben, 100.000 Leben, bei seiner Erleuchtung sehen konnte. Aber weil wir denken, Wiedergeburt ist nach dem Tod, glauben wir das nicht. Er hat aber in diesem Leben 100.000 Leben erlebt und sie alle gesehen.

 

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Wenn Erinnern mit der Reinheit des Geistes zusammenhängt und wir energetische Wesen sind, kann eine Krankheit wie Alzheimer mit zu großem Energieverbrauch zu tun haben? Hätte dieser Mensch in jungen Jahren seinen Geist gereinigt, wäre Alzheimer vielleicht nicht aufgetreten?

Alzheimer entsteht auf zwei Ebenen: erstens auf der mentalen und zweitens auf der physikalischen Ebene. Der Geist hat ja eine Verbindung mit dem Gehirn. Natürlich kann die Krankheit auch mit Karma zu tun haben, sie ist aber auch physikalisch bedingt, durch das Zugrundegehen von Gehirnzellen.

 

Wenn jemand Christ ist, glaubt man, er kommt in den Himmel, ein Hinduist wird wiedergeboren, und im Buddhismus ist es nochmals anders. Müsste nicht für alle Menschen nach dem Tod das Gleiche gelten?

Wenn Christen sagen, sie glauben nicht an die Wiedergeburt, sondern sie werden in den Himmel kommen, freue ich mich. Wenn sie das schaffen können, bin ich nicht neidisch, ich sage, bitte, wenn sie mit diesem Glauben wirklich das Himmelreich erreichen können, ist es okay, und wenn Hinduisten sagen, dass sie viele Leben durchmachen müssen, dann können sie das auch tun.
Mein Problem ist, was machen wir mit Menschen, die Höllenwesen werden. Wie können wir mit diesen Menschen arbeiten? Wie können wir sie retten?

 

Gibt es Höllenwesen in diesem Leben? Kann man diese psychologisch erklären und nicht als Fabelwesen in der Hölle?

Ja, ebenso wie ‚hungrige Geister’. Sind sie unsichtbar, können wir sie nicht beschreiben. Ich sehe sie aber auch in dieser Welt. Wenn jemand viel besitzt und trotzdem nicht zufrieden ist, hungrig nach Sexualität, nach materiellen Dingen und Geld – das sind hungrige Geister. Auch Menschen, die andere umbringen und Kriege führen, sind auf der psychologischen Ebene hungrige Geister.

 

Können Menschen da herauskommen?

Ja, jeder Mensch hat in sich ein Erleuchtungspotenzial. Er kann es finden. Und wenn er das nicht kann, lehrt Buddha: „Um sein Erleuchtungspotenzial zu finden, benötigt es edle Freunde.“ Das Problem ist, dass solche Menschen karmisch bedingt wieder zu Menschen gehen, die ihnen gleichen. Wenn jemand Alkohol trinkt, kommt er nicht zu Mönchen, sondern zu anderen, die Alkohol trinken. Das ist die Anziehungskraft des Karmas.

 

Muss man all diese Dinge wissen und verstehen?

Nein, das muss man nicht. Natürlich ist es interessant, sich über Karma und Wiedergeburt Gedanken zu machen, aber es ist nicht wesentlich. Wichtiger ist, was man denkt: Dass man genug zu essen hat, genug Kleidung, ein Dach über dem Kopf und gute Eltern und Freunde, in die Schule gehen kann, dafür muss man dankbar sein und lernen, mit diesen Dingen richtig umzugehen. Dafür braucht man keine Religion. Man braucht keine Religion, um erleuchtet zu werden. Man braucht sie, um ins Leben Ordnung zu bringen, Einfachheit und Genügsamkeit zu lernen.
Wenn man das kann, ist man zufriedener und glücklicher. Wenn man mit Verlangen und Ablehnung lebt, kann man das nicht erreichen. Man muss sich nicht mit Wiedergeburt und Karma beschäftigen, sondern soll das gegenwärtige Leben genau betrachten, sich freuen, dass man genug zu essen hat, und dafür dankbar sein.

 

Und wenn Menschen nicht dankbar sind, nicht dankbar sein können?

Das ist dann meine Aufgabe. Ich möchte keine Religion verbreiten. Ich möchte Menschen zeigen, wie man ein glückliches Leben in gegenseitiger Achtung, mit Vertrauen, Mitgefühl und Liebe führen kann. Gegenseitige Achtung ist eine äußerst wichtige Übung. Sie ist nicht buddhistisch, sondern allgemeinmenschlich. Ohne gegenseitige Achtung gibt es kein Vertrauen. Für Buddha ist Vertrauen der kostbarste Besitz der Menschen. Wenn man es nicht hat, lehrt der Buddha, kann man nicht glücklich werden. Wie kann man Vertrauen gewinnen? Man muss sich selbst und andere achten und anerkennen. Das bedeutet zu erkennen, dass der Mensch kein erleuchtetes Wesen ist, sondern Fehler macht. Viele Menschen denken über andere, die etwas falsch gemacht haben, ewig negativ. Fehler sind vergänglich und wer Vergänglichkeit erkennt, der kann vergeben. Vergehen und Vergeben gehören zusammen.

 

Und wenn mir niemand begegnet, der mir vergibt, wenn ich mich immer in unheilsamer Umgebung aufhalte? Gibt es da noch einen Weg hinaus?

Das ist dann karmisch bedingt. Man bleibt in dem Teufelskreis und auch Christus und Buddha können nicht helfen. Das kann sehr lange dauern und irgendwann, ganz plötzlich, begegnet einem ein Freund. Es braucht dann oft nicht viel, ein Blick, ein Wort oder eine Berührung können ausreichen, um den unheilsamen Kreis des Geistes zu befreien. Die Bewegung des Bewusstseins findet sehr schnell statt. Man kann einen Blick werfen und mit diesem kurzen Blick ändert sich das Bewusstsein und der Mensch wird ganz anders. Ich habe unlängst jemanden getroffen, der sehr verwirrt war. Ich war etwas hart zu ihm, er hat ständig von Erleuchtung gesprochen. Ich habe gesagt: „Ich kann dir nicht helfen. Ich bin kein Erleuchteter, du bist ein Erleuchteter, wie kann ich dir helfen?“ Der Nicht-Erleuchtete hat kein Problem und der Erleuchtete hat eines, das ist ein Widerspruch. Er hat sich dann etwas Gutes von mir gewünscht und ich habe seinen Kopf berührt. Und plötzlich war alles anders. Eine aus Mitgefühl entstandene Berührung kann sehr viel bewirken. Ein gieriger und anhaftender Geist schafft nichts, ein mitfühlender sehr viel. Das müssen wir erkennen. Wenn sich jemand für den Buddhismus interessiert, ist natürlich auch die Erleuchtung wichtig. Noch wichtiger ist etwas anderes. Manche denken, sie machen viele gute Sachen im Leben. Aber in Wirklichkeit bauen sie damit nur ihr Ego, also nichts auf. Denn das Ego ist nur eine Illusion. Wenn man nach so einem Leben stirbt, bleibt nichts. Mitgefühl, gegenseitige Achtung und anderen Menschen zu helfen ist wichtig. Wenn wir das nicht können, ist die ganze Lehre ohne Bedeutung.

 

Ven. Dr. Wijayarajapura Seelawansa Maha Thero ist spiritueller Leiter der Theravada Schule der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft und desDhamma Zentrum Nyanaponika in Wien.
 
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Kommentare   

# Susan Rohan 2016-04-26 09:28
Ein spannendes Interview! Vielen Dank dafür!!
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# Hil De Garde 2017-01-09 10:25
Buddhismus sprecht mich sehr an, eine Religion des Friedens und der Weisheit. die nicht so wie andere Religionen wie der Islam oder das Christentum, andere missioniert und dabei andere unterdrückt, Gewaltaten begeht, wie dies im Namen der Kirche in früheren Zeiten geschah.
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# Ines 2017-04-04 19:28
Eine herzliche Umarmung für den Beitrag des Mönchs, danke für die Lebenshilfe des buddhistischen Grundgedankens, jeder findet ihn, der danach sucht.
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# Uwe Meisenbacher 2018-01-13 18:44
Die Vorstellung, dass ein Ich wiedergeboren wird, wurde von Buddha ausdrücklich abgelehnt ( SN XXII, 47 ). Das Ich ist eine vergängliche Illusion.
Zu sagen, „ich“ habe in früheren Leben dies oder das vollbracht, werde in künftigen Leben ( als Mensch,Tier, in Himmel oder Hölle ) dies oder das erleben, beruht auf dem grundlegenden Denkfehler von der Existenz eines „Ich“.
Es ist eine Illusion sagt der Buddha, dass ein Körper (rupa) von einem Geist (nama) bewohnt wird, der sich dann wieder vom Körper trennen kann.
Es ist also eine illusorische Verblendung des Menschen durch Wunschdenken und Realitätsverweigerung bedingt, sich vorzustellen, das er wiedergeboren wird.
Buddhismus ohne Reinkarnationsglaube ist ein gut zu praktizierender Weg.
Buddha sein Anliegen war, uns Menschen im Umgang mit dem alltäglichen Leiden zu helfen.
Darauf basiert Buddhas Pfad der Weisheit, "Mache das Heilsame, lasse das Unheilsame und entwickle deinen Geist.
Wenn dann dadurch mehr Ethik, Moral und Gemeinwohl praktiziert wird und die Menschen weniger Leiden müssen, ist das doch auch schon mal was.

Schon der Buddha betonte, dass auch seine eigene Lehre (wie alle Dinge) dem Wandel unterliegt und stets in der Darstellungsform der jeweiligen Zuhörerschaft und ihrem spezifischen historisch-sozialen Kontext angepasst werden muss.

Mit freundlichen, aberglaubensfreien, heilsamen, buddhistischen Grüßen
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