Wohlfühlen

Die ‚rechte Anstrengung‘ ist eines der acht Glieder des sogenannten ‚Achtfachen Pfades‘ im Buddhismus. Die Welt wäre schön und einfach, könnten wir nur immer friedlich, freundlich und liebevoll zueinander sein, hätten wir nur keine bösen und aggressiven Gedanken.

Doch leider sind wir alle – mehr oder weniger – immer wieder voller Gier und Hass, voll von Missgunst, Machtstreben, Eifersucht, Neid und Egoismus. Manchen ist das zumindest gelegentlich bewusst, den meisten nicht einmal das.
Der Mechanismus läuft über unser Fühlen und unser Denken. Wir sind unseren negativen Gefühlen und Gedanken ausgeliefert. Wir können sie oft nicht steuern und haben sie nicht unter Kontrolle. Man kann das auch als die Tiernatur in uns bezeichnen, als das ‚Es‘, das wir nicht unter Kontrolle haben. Es scheint so, als ob das ‚Es‘ sich ärgern und schlecht über die anderen denken würde – und nicht das Ich, das Wir. Die Menschennatur, im Buddhismus auch als Buddha-Natur bezeichnet, möchte fröhlich und glücklich sein, und immer wieder behindern wir uns selber, führen Kriege, bringen uns gegenseitig um, bestehlen uns, lügen und bedrängen uns sexuell. Das tun alle. Niemand ist davon ausgenommen. Manchen ist das zumindest gelegentlich bewusst, den meisten nicht einmal das. Die Übung liegt daher auf der Hand: Wir müssen versuchen, bewusster und liebevoller zu werden. Wir müssen versuchen, unsere Gefühle und Gedanken unter Kontrolle zu bekommen, sodass nicht mehr unsere Gefühle und Gedanken uns im Griff haben, sondern wir unsere Gefühle und Gedanken.

 


Alle Religionen, Yoga-Übungen, die ganze Meditation und Achtsamkeit, aber auch die Psychotherapie haben zum Ziel, das Gute im Menschen zu fördern; in Wahrheit will niemand böse und schlecht sein – und doch sind wir es alle. Die Schwierigkeit ist nur, herauszufinden, wie wir die positiven Eigenschaften in uns hervorbringen und die negativen fallen lassen. Im Buddhismus gibt es daher eine uralte Übung, die auch die ‚Vier großen Anstrengungen‘ genannt wird und die man täglich üben kann. So wie ein Gebet. So wie sich religiöse Menschen an einen Gott im Außen wenden: „Lieber Gott, lass mich nicht sündigen“, so kann man sich in der buddhistischen Übung täglich an sich selber wenden und versuchen, ein besserer Mensch zu werden. Dafür muss man sich anstrengen. Täglich und immer wieder.
Die vier großen Anstrengungen sind – grundsätzlich – einfach, tatsächlich jedoch sehr schwer. Ich kenne niemanden, der sie vollständig beherrscht. Ich auch nicht, obwohl ich mich schon seit 30 Jahren in ihnen übe. Im Buddhismus kennt man ‚Heilsames‘ und ‚Unheilsames‘. Als heilsam gilt alles, was mit Liebe, Mitgefühl, Freude und Gleichmut, mit Großzügigkeit, Bewusstheit und mit Weisheit verbunden ist, als unheilsam gilt alles, was mit dem Gegenteil verbunden ist, mit Hass, Begehren und Egoismus, mit Neid, Missgunst und Gewalt. Als unheilsam gilt vor allem aber auch, diese Zusammenhänge nicht zu erkennen, unbewusst auf die eigenen Gedanken und Gefühle zu sein. Im Buddhismus wird das mit Illusion oder ‚Wahn‘ bezeichnet und entsprechend den alten Schriften (und meiner Erfahrung) hält sie, die Illusion beziehungsweise der Wahn, länger an als Begehren und Ablehnung, als Gier und Hass. Die Illusion des eigenen Egoismus ist nur schwer zu überwinden. Wäre es leicht, hätten die Griechen kein Problem mit den Deutschen und der sogenannte Islamische Staat würde seine Gegner nicht köpfen, wir würden die Flüchtlinge an Europas Grenzen aufnehmen und die Banker verwalteten unser Geld, um es zu vermehren, und nicht, um es einzustecken.


Die vier großen Anstrengungen des Buddha, die man täglich wie ein Gebet üben kann, lauten so:

  1. Unheilsame Gefühle und Gedanken, die in mir nicht vorhanden sind, gar nicht hervorkommen lassen.
  2. Unheilsame Gefühle und Gedanken, die in mir vorhanden sind, fallen lassen.
  3. Heilsame Gefühle und Gedanken, die in mir nicht vorhanden sind, erwecken.
  4. Heilsame Gefühle und Gedanken, die in mir vorhanden sind, erhalten.

Drückt man das Ganze etwas moderner aus, können die vier Anstrengungen auch so klingen: Täglich versuchen,

  1. Gier, Missgunst und Neid, Unbewusstheit und Egoismus in mir gar nicht hochkommen zu lassen.
  2. wenn sie hochgekommen sind, sie wieder fallen zu lassen.
  3. Liebe, Großzügigkeit, Bewusstheit und Klarheit, die ich gegenwärtig nicht habe, in mir entstehen zu lassen.
  4. wenn sie vorhanden sind, sie auch dauerhaft zu erhalten.

 

Das ist schwer. Buddha hat das erkannt und Jesus Christus. Ich erkenne es täglich in mir und wenn Sie ganz genau in sich hineinschauen, also wirklich achtsam und bewusst sind, können Sie es täglich auch in sich erkennen. Deshalb sollten wir uns täglich üben. Sagt der Buddha, sagt Jesus Christus und sage somit auch ich. Vielleicht sagen Sie jetzt: „Wieso vergleicht sich der mit Buddha und mit Jesus?“ Und ich sage: „Das sollten Sie auch tun.“ Buddha und Jesus haben uns dazu aufgefordert, so zu werden, wie sie sind, also dürfte es doch möglich sein – auch wenn es schwer ist. Wir sind es ja immer wieder, nämlich liebevoll, großzügig und gelassen, aber leider immer wieder auch nicht. Es immer zu sein, ist also das große Ziel. Vielleicht gelingt das irgendwann vor unserem Tod noch in diesem Leben. Vielleicht gelingt es auch nicht. Aber dann kann man sich im Augenblick des Todes zumindest sagen, man hätte es versucht.
Doch vielleicht wollen Sie das alles gar nicht. Dann üben Sie es eben nicht. Bleiben Sie unbewusst und egoistisch. Aber dann wird sich die Welt auch nicht ändern. Dann brauchen Sie sich allerdings nicht über den IS, die Griechen, Banker und Flüchtlinge aufzuregen. Dann sind Sie selber schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Dann wird die Welt weiterhin verloren bleiben.

Kommentare   

# Manuela 2016-12-15 08:22
Danke für diesen wertvollen Beitrag!
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# Uwe Meisenbacher 2017-06-13 16:33
Lieber Peter,
mach weiter so, Du bist auf einem zeitgemäßen, realistischen und praktizierbaren buddhistischen Weg mit heilsamer Wirkung.

Mit freundlichen, aberglaubensfreien, heilsamen, buddhistischen Grüßen
Uwe Meisenbacher
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