Wohlfühlen

Egal, ob wir uns anstehende Lebensveränderungen herbeigesehnt haben oder sie uns ganz unvorbereitet treffen: stets befördern sie uns aus den bekannten, vertrauten Bahnen auf eher unbekanntes, fremdes Terrain – mit der Folge, dass wir uns vorübergehend nicht mehr richtig auskennen und schnell über unsere Gefühle stolpern.

Übergänge bringen immer ein gewisses Maß an Verunsicherung. Wenn sich in unserem Leben etwas spürbar verändert, kann es passieren, dass wir uns vorübergehend sogar selbst etwas fremd werden. Wer sich von einem Partner trennt oder sich auf eine neue Partnerschaft einlässt, lernt auch sich selbst in dieser Zeit neu kennen. Nicht viel anders ist es bei einem Umzug in eine andere Stadt – man fühlt sich anders als in der alten, vertrauten Wohnung. Die neue Umgebung wirkt sich auf subtile Weise aus auf unsere Identität, unser Ich-Gefühl, so dass man sich selbst nicht mehr genauso ‚anfühlt‘ wie bisher. Das kann irritieren. Die neue Umgebung und die veränderten Wege und Abläufe erfordern, dass wir uns anpassen. Und genau hier liegt auch einer der wichtigsten Gründe, warum wir Lebensveränderungen oft als anstrengend empfinden: Sie werfen Fragen auf, die unser Gefühl von Sicherheit und Identität betreffen. Fragen wie: Wer bin ich? Was wird aus mir? Worauf kann ich vertrauen, mich verlassen?

Chance oder Gefahr?
Sich auf etwas Neues einzulassen, kann sehr reizvoll sein, Hoffnungen beflügeln und einen regelrechten Energieschub freisetzen. Sich für etwas Neues öffnen zu müssen, kann aber auch Ängste und Befürchtungen auslösen, weil man instinktiv eine Gefahr vermutet. Diese Verknüpfung beruht auf einem archaischen Reaktionsmuster, das uns befähigt, innerhalb weniger Bruchteile von Sekunden Gefahren wahrzunehmen und abzuwehren. Bereits der Gedanke an eine mögliche Gefahr kann schon eine Kampf-oder-Flucht-Reaktion auslösen.
Auch wenn uns dieses Muster nicht immer bewusst ist, erkennen wir es doch häufig an den Emotionen, die hervortreten: Wut, Angst oder Erschrecken machen sich in den unterschiedlichsten Varianten bemerkbar:

  • Wut: Man wird reizbar und wird schon bei Kleinigkeiten, die einem in die Quere kommen, aggressiv.
  • Angst: Sie ist oft daran zu erkennen, dass man sich schlecht konzentrieren kann und sich immer wieder in Ablenkungen flüchtet.
  • Schreck: Er löst eine gewisse Erstarrung aus. Nicht wenige Menschen fühlen sich vor anstehenden Veränderungen wie gelähmt und antriebslos.

In allen drei Fällen kann sich das Gefühl ausbreiten, einfach keinen Anfang zu finden, oder man sieht sich nicht in der Lage, die anstehenden Dinge in die Wege zu leiten. Stattdessen werden diese lieber auf die lange Bank geschoben, und man kreist sorgenvoll um Gedanken wie: Was wird aus mir, wenn ich mich darauf einlasse? Kriege ich das hin? Bin ich noch sicher, wenn ich dort hingehe? Werde ich glücklich sein oder unglücklich? Werde ich einsam sein, wenn ich mein vertrautes Leben hinter mir lasse und etwas Neues beginne? Werde ich meine Entscheidung später notfalls noch rückgängig machen können?

Unruhe
Wenn ein Berg ins Rollen kommt und wir nicht wissen, was uns erwartet, macht das Angst. Wir geraten unter spürbare Anspannung, sobald wir uns in einem wichtigen Lebensbereich aus den Angeln gehoben fühlen: Stehen der Arbeitsplatz oder die Wohnung plötzlich in Frage, die Partnerschaft oder die Gesundheit, dann sind existenzielle Themen berührt. In diesen Lebensbereichen ist ein wichtiger Teil unseres Vertrauens verankert. Solange alles in überschaubaren Bahnen ist, fühlen wir uns einigermaßen sicher. Kommt das Lebensgefüge allerdings durch die anstehenden Veränderungen so durcheinander, dass es schwer zu beeinflussen oder zu kontrollieren ist, fühlen wir uns erschüttert und ähnlich entwurzelt wie eine Pflanze, die man aus dem Boden gehoben, aber noch nicht wieder eingepflanzt hat.
Am liebsten möchten wir in dieser Situation darauf vertrauen können, dass wir es schaffen und sich alles findet. Doch dann kommt aus irgendeiner Ecke des Denkens die Frage: „Und was ist, wenn es schiefgeht?“ Kein guter Startpunkt für Gelassenheit. Wir brauchen also einen anderen Weg, um wieder Ruhe einkehren zu lassen.

Vertrauen stärken
Vertrauen ist das wärmende Elixier, das unser Wohlbefinden stabilisiert. Dabei ist schwer zu sagen, was Vertrauen eigentlich ist. Wonach genau suchen wir, wenn wir uns Vertrauen wünschen? Woran würden Sie es erkennen?
Ein Klient beschrieb nach wochenlanger Beobachtung seine persönliche Erfahrung einmal so: „Wenn ich Vertrauen empfinde, ist mein Lächeln entspannt und nicht so schief wie in angespannten, angstvollen Zeiten. Auch mein Bauch kann sich entspannen, und ich kann tief Luft holen, wenn ich es brauche.“ Auch beobachtete er, dass er seiner eigenen Wahrnehmung besser vertrauen konnte und Situationen realistischer einschätzte. Wenn er Zugang zu seinem Vertrauen hatte, war er insgesamt ruhiger, gelassener und zuversichtlicher und traute sich mehr zu. In seinen Gedanken malte er sich dann eher aus, dass die Dinge sich positiv entwickeln würden, und nicht, was und wie alles schiefgehen könnte. Seine konstruktiven Gedanken wurden also verstärkt, während er seltener mit pessimistischen Angstfantasien zu tun hatte. Schließlich entdeckte er, dass ihm an den Tagen, an denen er gut in seinem Vertrauen ruhte, auch andere mehr Vertrauen entgegenbrachten. Gerade die Erfahrung, dass er auch Vertrauen ausstrahlen konnte, beglückte ihn regelrecht, da er bis zu diesem Zeitpunkt immer auf der Suche nach Vertrauen gewesen war und gar nicht in Erwägung gezogen hatte, dass er auch etwas geben könnte.

Eine innere Atmosphäre von Freundschaft kultivieren
Viele Menschen haben starke Widerstände gegen eine Veränderung, weil sie die damit verbundene Angst als Bedrohung empfinden und ständig mit diesem Gefühl hadern. Andere haben erlebt, wie sie trotz einiger Turbulenzen in ihrem Leben dennoch zuversichtlich bleiben und mehr oder weniger in einem Zustand des Vertrauens ruhen konnten. Je stärker unser grundlegendes Vertrauen in engen Bindungen und einem Gefühl der Verbundenheit verankert ist, desto mehr können wir uns öffnen für Wandel und Veränderungen. Vertrauen lässt eine Atmosphäre entstehen, in der wir uns ausreichend sicher fühlen, um uns auf Neues und bisher Unbekanntes einzulassen.
Um als Erwachsene ein grundlegendes Vertrauen in uns zu stärken, beginnen wir bei der Beziehung mit uns selbst. Ein stabiles, freundschaftliches Verhältnis zu sich selbst zu kultivieren bedeutet, sich der eigenen Person auf eine freundschaftliche, respektvolle Weise zuzuwenden und vertraut zu werden mit den Empfindungen des Körpers, den Gedanken und Gefühlen, den Ängsten und Abneigungen, den Sehnsüchten und Bedürfnissen, die uns umtreiben. Man lauscht sich selbst aus der Perspektive eines guten Freundes.
Durch die innere Verbundenheit entspannen wir uns. Aus der freundschaftlichen Perspektive können wir das meiste, was wir von uns sehen und spüren, erst einmal so stehen lassen, wie es ist, bevor wir anfangen, behutsam damit zu arbeiten. So eröffnet sich ein innerer Raum für persönliche Weiterentwicklung, ohne dass wir uns dabei unter Druck setzen. Dies ist die Basis, auf der sich Vertrauen und Zuversicht stabilisieren können. Viele der Veränderungen und Herausforderungen, die in unserem Leben noch auf uns zukommen, können wir nicht vermeiden, aber mit einer stabilen inneren Basis können wir sie meistern und oft sogar mitgestalten.

Tipp zur Vertiefung:
Tineke Osterloh ‚Stark im Wandel – Lebensveränderungen annehmen und aktiv gestalten‘ GU Verlag 2017

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