Wohlfühlen

Der Atem ist das, was uns am tiefsten mit dem Leben verbindet: Wer atmet, der lebt.

Unser Leben auf dieser Erde beginnt in der Ausatmung, indem jemand auf unseren Rücken klopft, wodurch Platz gemacht wird für eine nachfolgende Einatmung und mit diesem Atem geben wir unseren ersten Schrei auf Erden ab. Unser Leben endet auf dieser Erde mit einer Ausatmung, indem wir unseren letzten Atem loslassen, fließen lassen, das Leben gehen lassen mit dem letzten Atemzug. Alle Kulturen der Welt erkennen den Atem als ‚den Sitz des Lebens’ und die Beschäftigung damit als etwas Spirituelles. Der Atem, dessen Loslassen, dessen Kontrolle, ist ein Teil jeglicher Meditationsübung, ein ‚frei fließender Atem’ die Voraussetzung, um in eine höhere Versenkung des Geistes zu gelangen. In der indischen Kultur, sei es im Ayurveda oder Yoga, gibt es den Sanskrit-Begriff des Prana; wörtlich übersetzt bedeutet Pra-Na (oder Pra-Ana) ‚perfekt führen’. Gemeint ist, dass Prana, der Atem, der perfekte Leiter von Energie im Körper ist. Prana führt im Körper alles aus; alle Funktionen des Körpers werden von der gleichen Energie ausgeführt; alles in mir ist eine Einheit. Prana ist in mir, Teil von mir, aber auch verbunden mit dem großen Prana des Kosmos. Prana, der große Atem, ist überall. Durch Prana bin ich mit dem großen Kosmos verbunden. Wenn mein irdisches Leben beginnt, erhalte ich Prana vom großen Kosmos, wenn es endet, gebe ich mein Prana an den Kosmos zurück. Immer bleibe ich eins mit dem Kosmos.
In der chinesischen Tradition sprechen wir von Qi, der ‚Lebensenergie’. Ähnlich wie das kosmische Prana überall ist, ist Qi überall. Alles ist Qi. Vor und nach unserem Leben existiert Qi als Einheit. Durch die Geburt wird Qi in Yin-Qi und Yang-Qi gespalten, quasi in Materie und Energie. Mit dem Tod verschwindet diese Dualität, das Qi wird neuerlich das ‚Ungetrennte’ und verbindet sich mit dem Qi des Kosmos. Das chinesische Symbol für ‚Qi’ setzt sich aus den Symbolen für ‚Wind’ und ‚Reis’ zusammen: Wind steht für die Energie, Reis für die Materie. In dem Wort Qi ist also beides enthalten. Qi ist die Einheit, aber auch die Trennung (vergleichbar unserer Vorstellung in der Quantenphysik, dass Licht, je nach Betrachtung, sowohl Energie als auch Teilchen ist). Und jetzt sind wir wieder tief in der Chinesischen Medizin angekommen: Erinnern Sie sich an meine Ausführungen in einer der vorangegangenen U&W-Ausgaben: „Das wichtigste Organ in der TCM ist die Milz. Die Milz ist unsere Mitte. Die Milz steht abstrakt für unseren gesamten Verdauungsapparat.“ Wir essen und wir ATMEN und die Milz macht daraus Qi und Blut. Qi ist die Energie (oder in unserer genaueren Erklärung der energetische Teil des ‚Gesamt-Qi’), die im Körper gleichmäßig fließen soll, Blut ist die Substanz (oder in unserer genaueren Erklärung der materielle Teil des ‚Gesamt-Qi’), die in unserem Körper gleichmäßig fließen soll. Wir haben also zwei grundsätzliche Möglichkeiten, unsere Mitte, unsere Milz, zu stärken und positiv zu beeinflussen: über das Essen (und Trinken) und über den Atem. Und um Ihnen die Bedeutung des Atems noch deutlicher vor Augen zu führen, stelle ich Ihnen eine Frage: Wozu atmen wir eigentlich aus westlicher Sicht? Wir atmen, damit Sauerstoff über die Atemluft und unsere Lungen in den Blutkreislauf gelangt. Das Blut (besser gesagt das Eisen im Hämoglobin, dem roten Blutfarbstoff in den roten Blutkörperchen) transportiert diesen Sauerstoff zu jeder einzelnen Zelle in unserem Körper und jede einzelne Zelle verwendet den Sauerstoff, um die Nährstoffe aus unserer Nahrung zu verbrennen. Das Ziel der Atmung ist also die Verdauung unserer Nahrung! Nichts anderes sagen wir in der TCM. Wir atmen, um verdauen zu können. Atmung und Verdauung sind untrennbar miteinander verbunden. Wenn wir gut atmen, baut die Milz gut Qi und Blut auf und es wird gut im Körper fließen. Und nichts anderes sagt man in der indischen Tradition, in der Ayurvedischen Medizin, nur dass eben der Atem nicht erst, wie in der TCM, durch die Milz in Qi und Blut umgebaut werden muss, sondern als Prana gleich im Körper gut fließt, wenn wir gut atmen.
Wer atmet eigentlich aus westlicher Sicht? Die Lunge? Die Lunge wird geatmet. Die Lunge selbst atmet nicht. Die Skelettanteile um die Lunge herum (Knochen und Muskeln) entfalten die Lunge, so dass eine Art Sog in der Lunge entsteht, welcher die Luft in sie hineinzieht. Der Hauptatemmuskel ist das Zwerchfell, das Diaphragma. Wenn wir einatmen, senkt es sich und drückt den Bauchraum nach unten, so dass sich der Bauch hebt, was wir weitläufig als ‚Bauchatmung’ bezeichnen. Eine entspannte Atmung geht zum überwiegenden Teil über den Bauch. Ein weiterer Teil der Atmung wird vom Brustkorb bewerkstelligt, wobei die Muskulatur des Brustkorbes die Rippen so nach oben zieht, dass sich die Lunge in den oberen Abschnitten entfalten kann. Das gute Zusammenspiel von Bauch und Brust ist also notwendig, um eine gute Atembewegung auszuführen. Und genau da liegt unser Problem hier im Westen. Durch unsere ‚moderne’ Lebensführung, durch das viele Sitzen und die mangelnde Bewegung im Alltag atmen wir oft den ganzen Tag nicht richtig. Wir sitzen nach vorne gebeugt, die Arme zum Computer ausgerichtet, für Brustkorb und Bauch beengend, so dass eine gute Atembewegung gar nicht möglich ist. In der Ayurvedischen Medizin sagt man, dass ein schlechter Atem alle Krankheiten auslöst. In der Chinesischen Medizin sagen wir, dass wir durch schlechtes Atmen unsere Milz, unsere Mitte, schädigen, so dass sie nicht mehr gut arbeiten und damit verdauen kann. Wer schlecht atmet, verdaut schlecht! Seine Nahrung, sein Leben, seine Probleme, einfach alles! Die Folgewirkungen unseres Alltags sind unsere Erkrankungen: eine steigende Zahl an Magenbeschwerden (Sodbrennen, Magenentzündungen), an Darmbeschwerden (Verstopfung, Durchfall, der große Kreis des ‚Irritable Bowel Syndrome’, des Reizdarms), an psychischen Problemen (Depressionen, Angststörungen, Panikattacken), all die Schmerzzustände in unserem Bewegungsapparat, die durch mangelnde Bewegung hervorgerufen werden, all die Erkrankungen, die sekundär durch das ‚Nicht-Verdauen von Nahrung’ entstehen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Mellitus, erhöhte Blutfette und und und. Auch Stress beeinflusst unseren Atem. Oft unterdrücken wir unseren natürlichen Atemantrieb mit dem Effekt, dass Prana nicht frei fließt (‚indisch gesprochen’). Wenn wir das täglich machen, immer und immer wieder, entstehen Krankheiten. „Du kannst mit dem Atem alle Krankheiten auslösen, aber auch besiegen“ (Yoga-Weisheit).
Sie erkennen schon die große Bedeutung des Atems, des Atmens nicht nur für unsere Gesundheit, sondern für unsere gesamte Spiritualität. Chinesisch gesprochen ist ja das Gehirn ein Teil der Milz und wenn wir nicht gut atmen, werden die ‚höheren, nicht so lebenswichtigen Funktionen’ wie Denken und Kreativität ein bisschen ‚eingetrübt’ (über das ‚Eintrüben mit Feuchtigkeit’ werden wir zu einem späteren Zeitpunkt sprechen). Eine müde Milz denkt nicht!

Das richtige Atmen kann trainiert werden, so wie ein Muskel trainiert werden kann. Bei uns im Westen gibt es die ‚Atemschule’ für Menschen, die Probleme mit der Lunge haben, zum Beispiel Asthma bronchiale oder COPD (eine chronische Verengung der Bronchien). Wir sehen aber nicht den Zusammenhang von Atmung und Verdauung und all den anderen Folgeerkrankungen. Richtig atmen sollte jeder, der gesund sein oder werden möchte. Mit TCM assoziiert man eine gesunde Ernährung, die sogenannte ‚Fünf-Elemente Ernährung’. Genauso wichtig wie die gesunde Ernährung ist der gesunde Atem. In Indien hat sich im Rahmen der sechs philosophischen Schulen die Tradition des Yoga entwickelt. Ein wichtiger Teil der Yoga-Tradition und -Praxis (und die ist wahrscheinlich viel älter als die TCM) ist PRANAYAMA, ein Training für das Prana, den Atem. Dabei geht es zunächst einmal um ein achtsames Wahrnehmen des eigenen Atems und dann langsam um eine gezielte Atemführung, wobei die Verlängerung des Ausatmens im Vordergrund steht. Wie anfänglich erwähnt ist die Ausatmung das Tor, durch welches wir diese Welt betreten und wieder verlassen. Ausatmen bedeutet, ‚das Alte loslassen’, die verbrauchte (von Sauerstoff reduzierte und mit Kohlendioxid angereicherte) Luft herauslassen, damit ‚Neues entstehen kann’, damit die unverbrauchte Luft, das Prana, das kosmische Qi (wie wir ‚chinesisch sagen’) unseren Körper betreten kann. Durch eine vollständige Ausatmung wird auch der Bauchraum ‚gereinigt und durchgeputzt’, so dass die Verdauung angeregt und Platz geschaffen wird für neue Verdauungsprozesse. Und durch die gleichmäßige Atmung wird im Körper das Prana gleichmäßig bewegt, auf Chinesisch heißt das, dass ‚Qi und Blut gleichmäßig fließen’. Und der gleichmäßige Fluss ‚aller Dinge’ (vor allem von Qi und Blut) ist die Voraussetzung für unsere Gesundheit! Pranayama ist die hohe Schule des Atems und jedem zu empfehlen, der meint, verlernt zu haben, wie man richtig atmet. Wir können uns im Alltag helfen, wenn wir ein paar Veränderungen vornehmen. Singen ist zum Beispiel ein großartiges Training für unseren Atem. Regelmäßiges Singen, etwa in einem Chor, erspart Ihnen die rein technische Beschäftigung mit dem Atem und bringt Lebensfreude in Ihren Alltag. Auch das Spielen eines Blasinstruments verlängert die Ausatmung und trainiert Ihren ‚Atemmuskel’. Jede Bewegung, Gehen, Laufen, Nordic Walken oder Schwimmen, trainiert indirekt die Atmung, sofern sie nicht unter Spannung und ohne Stress ausgeführt wird. Rudern empfinde ich ebenfalls als großartiges Atemtraining, da Sie beim Rudern den Brustkorb weiten und aus Ihrer starren, nach vorne gebeugten Alltagshaltung ausbrechen können. Rudern geht ganz leicht mit einem Thera-Band, einem Gummiband (in jedem Sportfachgeschäft erhältlich), das Sie in der Mitte um eine Türschnalle wickeln, sich davor setzen oder stellen und die Enden zu sich ziehen. Sie rudern mit dem Gummiband. Setzen Sie sich abstandmäßig so hin, dass Sie mindestens 50 Wiederholungen schaffen. Und wenn Sie das Thera-Band mahnend an die Schnalle einer Tür hängen, durch die Sie mehrmals täglich gehen müssen, wird es Ihnen nicht schwerfallen, auch mehrmals täglich ein bisschen zu rudern.
Es schadet nicht, wenn Sie während der Arbeit immer wieder kurz aufstehen, sich strecken, Ihre verkrümmte Arbeitshaltung aufbrechen, sich ein bisschen bewegen und bewusst und tief ein- und ausatmen. Die Ein- und Ausatmung können Sie durch eine Vorbeuge oder andere Bewegungen unterstützen. Dadurch lockern Sie nicht nur Ihre starre Körperhaltung auf, sondern bauen zugleich ein wenig Stress und Spannung ab.
Sie können auch einzelne Töne singen und lange halten, um gut und lange auszuatmen, um gut den Müll des Tages aus Ihrem Körper zu transportieren.
Die Hausaufgabe für dieses Mal ist Ihnen wahrscheinlich schon klar: ATMEN SIE! Lernen Sie, richtig zu atmen. Bauen Sie einfache Übungen in Ihren Alltag ein oder bewegen Sie sich mehr und bewusster und legen Sie dabei den Schwerpunkt auf eine ruhige, fließende Atmung. Und wie bei allem im Leben, das einem wichtig ist, gilt auch hier: Widmen Sie Ihrem Atem genügend Zeit. Gönnen Sie sich eine tägliche Praxis.
Atmen bedeutet Leben, vom ersten bis zum letzten Atemzug!

Ihr
Kräuterdoktor Weidinger

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