Wohlfühlen

Gelassen wie ein Yogi in den Tag starten - manchmal erweist es sich als gar nicht so einfach.


Jeden Dienstag könnte ich um fünf Uhr morgens aufstehen. Ich könnte mir meinen gekochten Getreidebrei zubereiten und – während er so vor sich hin köchelt – derweilen duschen. Nach dem Anziehen könnte ich in würdevoller Stille und Achtsamkeit meinen Brei zu mir nehmen, dazu einen Tee trinken, um fünf Uhr dreißig ins Auto steigen, hinten die zwei Hunde Enda und Findus, und in Richtung Wiener Neustadt losfahren. Um fünf Uhr fünfzig (um diese Zeit muss man noch keinen Morgenverkehr berücksichtigen, vor allem nicht auf der Strecke von Forchtenstein über Wiesen und Bad Sauerbrunn nach Wiener Neustadt, sodass diese Angabe minutengenau getätigt werden kann) könnte ich dann vor meiner Praxis in der Hochburggasse in Wiener Neustadt ankommen, könnte die Hunde noch eine kurze Runde durch den der Giltschwertgasse vorgestellten Park führen und dann die Praxis betreten, noch kurz alles für den bevorstehenden Arbeitsbeginn um sieben Uhr überprüfen und danach die verbleibenden fünfzig Minuten dazu verwenden, zunächst eine halbe Stunde Yoga mit Übungen und Atemführung zu machen, um dann noch zwanzig Minuten zu meditieren. Dies wäre die perfekte Vorbereitung für den Yoga-Unterricht, den ich um siebzehn Uhr dreißig in unserer Praxis halte. Ich könnte mir in der Mittagspause noch in aller Ruhe mein Asana- und Pranayama-Programm ansehen, das ich in Ruhe das Wochenende davor vorbereitet habe und das einem genauen Plan folgt, wie ich meine Schüler in die Welt des Yoga einführen möchte. Um siebzehn Uhr könnte ich den letzten Patienten verabschieden und mich selbst noch in Ruhe und Achtsamkeit eine halbe Stunde lang auf meine Yoga-Stunde einstimmen und meinen Körper vorbereitend aufwärmen. Das alles könnte ich so machen; könnte ich! Dann wäre die Vorbereitung perfekt und ich würde mich ein bisschen mehr wie ein richtiger Yogi fühlen, zumindest an den Dienstagen. Wenn ich ganz ehrlich bin, schaffe ich es auch sogar manchmal, zumindest einzelne Punkte obiger Auflistung ...

Tatsächlich aber stehe ich meist erst um fünf Uhr dreißig auf (und denke mir jedes Mal: Gott sei Dank muss ich nicht mehr täglich nach Wien reinfahren und kann ein bisschen länger schlafen ...), bereite mir auch nicht immer den Morgenbrei zu (ehrlicherweise geht es mir hier nicht anders als vielen meiner Patienten, denen ich diesen Brei sehr ans Herz lege: irgendwann kann ich ihn einfach nicht mehr sehen ...), sondern greife zu Brot (wenn ich noch einen gesundheitlichen Gedanken in mir habe) oder Striezel (wenn der letzte Funke eines gesundheitlichen Gedankens erloschen ist) mit Butter und Marmelade, das Duschen fällt auch öfters aus. Statt Tee trinke ich bevorzugt Kaffee in der Hoffnung, meine Bettschwere doch noch zu vertreiben. Zumindest der Geruch lässt schöne Kindheitserinnerungen an das Aufstehen in der Familie wachwerden. Und um meinen ‚Shen‘, mein Strahlen, für den Tag anzukurbeln, ersetze ich die würdevolle Stille und Achtsamkeit beim Essen durch Lesen: Derzeit ist es ‚Per Anhalter durch die Galaxis‘ von Douglas Adams, fünf Folgeromane, deren Stil man am besten beschreiben kann als Science Fiction mit Monty-Python-Humor (da ich im Internet einen gebrauchten Sammelband aller fünf Romane um zehn Euro ersteigert habe, werden mir die 1.100 Seiten noch länger den Morgen versüßen ...). So steige ich um kurz nach sechs Uhr ins Auto, beide Hunde hinten, und wir kommen kurz vor halb sieben in der Hochburggasse in Wiener Neustadt an. Enda zieht mich dann eine Runde durch den der Giltschwertgasse vorgestellten Park (die Münsterländer-Dame ist jetzt schon fünfzehn Jahre alt, hört nichts mehr, sieht fast nichts mehr, aber an der Leine ziehen tut sie noch immer wie eh und je. Findus, den Schäfermischling, kann ich einfach von der Leine lassen und er erledigt sein Morgenprogramm selbstständig). Wir betreten die Praxis, die Hunde suchen sich ihre Plätze im Wartebereich und schlafen weiter, ich richte noch schnell alles für den bevorstehenden Arbeitsbeginn um sieben Uhr her und dann nutze ich die verbleibende Viertelstunde, um mich, den Hunden gleich, nochmals kurz hinzulegen, nicht im Wartebereich, sondern auf der Behandlungsliege im Behandlungszimmer, und sammle meine Gedanken oder sinniere über Träume der letzten Nacht nach oder schmunzle über Ereignisse des ‚Anhalters durch die Galaxis‘. In der Mittagspause betrachte ich nochmals meinen Asana- und Pranayama-Plan für den abendlichen Yoga-Unterricht, was aber zumeist gar nicht geht, da ich ihn am Wochenende nicht vorbereitet habe. Trotzdem verfolge ich einen Plan, um meine Yoga-Schüler in die Welt des Yoga einzuführen, einen Plan, den ich zumeist erst fünf Minuten vor siebzehn Uhr dreißig, fünf Minuten, bevor die Yoga-Stunde beginnt, fünf Minuten, nachdem ich endlich den letzten Patienten verabschiedet habe, in meinem Kopf Revue passieren lasse. Was aber dann auf jeden Fall kommt, ist die Yoga-Stunde um siebzehn Uhr dreißig. Ich bin zwar unaufgewärmt, fühle mich ganz und gar nicht wie ein Yogi, hätte am liebsten zu Mittag noch die Yoga-Stunde abgesagt, um nach all den Patienten am Ende des Tages endlich und einfach nach Hause fahren zu können. Aber genau so geht es vielen meiner Schüler oder auch den Schülern anderer Yoga-Lehrer. Nach so einem langen Tag, nach so viel Arbeit und schon so einem großen Hunger würde man am liebsten einfach nach Hause fahren, den Kühlschrank plündern, im Sofa versinken, die Beine über die Horizontale strecken und sich vom Fernseher berieseln lassen. Aber nein, wir haben uns alle aufgerafft, sind noch in die Yoga-Stunde gegangen und der Preis dafür ist: Wir alle fühlen uns nach den eineinhalb Stunden wie neue Menschen, wie neugeboren, als hätte jemand bei uns einen Reset-Knopf gedrückt. Gott sei Dank habe ich die Yoga-Stunde doch gehalten, denke ich. Gott sei Dank bin ich doch gegangen, denken die anderen.
Meine Frau Gabriele und ich haben gemeinsam eine vierjährige Yoga-Lehrer-Ausbildung im Stile von Sri Tirumalai Krishnamacharya gemacht. Gelernt haben wir bei Dagmar Shorny und Ria Hodges, Schülerinnen von R. Sriram, welcher mehrere Jahre an Krishnamacharyas Yoga-Zentrum Krishnamacharya Yoga Mandiram in Madras unterrichtet hat. R. Sriram hat selbst ein paar Teile unserer Ausbildung übernommen. Sri T. Krishnamacharya war eine der beeindruckendsten Persönlichkeiten des Yoga unserer Zeit. Er lehrte viele Menschen bis zu seinem Ableben im Alter von 101 Jahren (1989): Maharadschas, Kinder, Frauen (als erster Yogi überhaupt unterrichtete er auch Frauen!), einfache Menschen mit Krankheiten, Europäer und vor allem viele der weltbekannten Yoga-Meister von heute wie Sri Pattabhi Jois, Sri B. K. S. Iyengar, Srimati Indira Devi, A. G. Mohan sowie seine Söhne Sri Sribhashyam und Sri T. K. V. Desikachar. Krishnamacharya besaß Doktortitel in allen sechs klassischen indischen Philosophie-Systemen, praktizierte als Ayurveda-Arzt und war in Indien vor allem als Heiler bekannt. Und er war ein liebevoller Heiler, der es schaffte, sich auf die jeweilige Lebenssituation eines Menschen einzustellen und ihm mit Yoga, Medizin oder Worten seine Gesundheit wiederzugeben. Ohne ihn würde die Yoga-Welt heute ganz anders aussehen. Krishnamacharya ging davon aus, dass jeder einen Zugang zu Yoga finden kann, aber nicht jeder den gleichen. Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit, seinen eigenen Körper, seine eigene Lebenseinstellung. Jeder Mensch macht aus den unterschiedlichsten Gründen Yoga: Egal, ob diese Gründe sportlicher, gesundheitlicher, spiritueller oder religiöser Natur waren, Krishnamacharya, selbst ein hochreligiöser Mensch, akzeptierte sie alle. Laut einer Erzählung soll er eine Meditation einmal folgendermaßen angeleitet haben: „Schließ die Augen und denke an Gott. Wenn nicht an Gott, dann an die Sonne. Wenn nicht an die Sonne, dann an deine Eltern.“

UW93 Weidinger
Sein Sohn T. K. V. Desikachar führte in den 1960er Jahren erstmals den Begriff ‚Viniyoga‘ für den Stil seines Vaters ein. Lange Zeit war Viniyoga nicht sehr populär. Schön langsam wird es von der ‚Yoga-Szene‘ wiederentdeckt. Viniyoga ist ein Sanskritwort, dessen Übersetzung so viel wie ‚Anwendung‘ oder ‚Zuteilung‘, im weiteren Sinne auch ‚Anpassung‘ bedeutet. Der Begriff Viniyoga steht somit für die Anpassung all der Möglichkeiten, welche der Yoga bietet, an einen bestimmten Menschen in einer bestimmten Lebenssituation. Krishnamacharya hat gesagt, dass es so viele Asanas (das sind die Körperübungen im Yoga) gibt wie Sterne am Himmel. Eine Asana kann verwendet werden, um die Kraft im Körper aufzubauen, aber auch, um Stress abzubauen, um die Beweglichkeit zu erhöhen, die Wahrnehmung zu schulen, die Atmung zu kräftigen und auch, um die Psyche zu stärken. Sriram hat einmal zu einer seiner Schülerinnen gesagt, als sie allergiebedingt geniest hat: „Übst du dein Yoga-Programm nicht regelmäßig?“ Yoga sollte so an einen Menschen angepasst sein, dass er gesund wird und es auch bleibt. Die Grundvoraussetzung dafür – und das wollte ich Ihnen auch mit meiner persönlichen Geschichte am Anfang des Artikels verdeutlichen – ist, dass man Yoga praktiziert, und zwar so oft wie möglich, idealerweise täglich. Dass Viniyoga nur langsam populär wird, liegt wohl auch daran, dass man diesen individuellen Yoga nur im Einzelunterricht oder in kleinen Gruppen praktizieren kann. „Unterrichte, was in dir ist. Aber nicht, wie es für dich passt, sondern wie es für dein Gegenüber passt“, war das Unterrichtskonzept von Krishnamacharya. Nicht jede Asana, nicht jede Pranayama, nicht jede Meditation ist für jeden geeignet. Yoga ist keine olympische Disziplin. Es müssen keine Leistungen erbracht werden. Yoga schmiegt sich an den Menschen wie ein Maßanzug und macht ihn gesund. Ein großer Teil des Unterrichts besteht daher auch in der Beschäftigung mit der Yoga-Philosophie, die mit heutiger Psychotherapie leicht mithalten kann. Dann werden alle Körperübungen und Atemübungen und Meditationsübungen angepasst, vereinfacht oder intensiviert, damit jeder auf die für ihn geeignete Weise die Wirkung von Yoga erfahren darf. Die Lehrer, die in seiner Tradition unterrichten, tun das ebenfalls, so auch wir.
Yoga bedeutet, die Einheit zwischen Körper und Geist mittels der Atmung wiederherzustellen. Beim Üben macht man alle Körperübungen im Einklang mit der Atmung. Klassischerweise öffnet man bei der Einatmung und schließt bei der Ausatmung, kräftigt bei der Einatmung und entspannt bei der Ausatmung. Man kann alle Effekte auch umkehren, macht es dann aber bewusst. Die Atmung führt die Bewegung, nicht umgekehrt. Ohne Atem kein Yoga. All die Körperübungen dienen als Schablonen für die richtige Atmung. In Indien sagt man, dass die Zahl der Atemzüge, die man im Leben zur Verfügung hat, begrenzt ist. Möchte man also sehr alt werden, muss man sehr gut mit seinen Atemzügen haushalten. Ein Ziel im Yoga ist daher, weniger zu atmen. Das macht man dadurch, dass man länger und tiefer ausatmet. Dafür gibt es verschiedenste Übungen, die als Pranayama zusammengefasst werden. Der Schwerpunkt meiner Yoga-Stunde am Dienstag liegt bei der Atemführung, dem Atemtraining, dem Pranayama. Wir beginnen die Stunde immer mit einer der vielen Atemübungen. Dadurch kommen wir einmal gut im Körper an. Dann treibe ich meine kleine Gruppe durch ein paar Vinyasas (das sind Abfolgen von Asanas, Körperübungen). Jeder macht diese in seiner angepassten Form. Danach kehren wir über das Pranayama des Anfangs wieder in die Stille zurück und in dieser verweilen wir für eine Zeit meditierend. Wie immer ich diesen Tag vorher begonnen habe, wie viele Menschen auch immer an diesem Tag bei mir als Arzt waren, wie stressig es auch immer davor war, zu diesem Zeitpunkt lächle ich, fühle mich wieder in mir angekommen und voll motiviert, den nächsten Tag doch schon um fünf Uhr zu beginnen.
Jeden Dienstag sperre ich meine Praxis um neunzehn Uhr fünfzehn zu, mache mit den Hunden noch eine kleine Runde durch den der Giltschwertgasse vorgestellten Park, steige dann ins Auto, hinten die zwei Hunde Enda und Findus, und fahre über Bad Sauerbrunn und Wiesen zurück auf unseren kleinen Berg in Forchtenstein, um daheim kein Arzt, kein Yogi, sondern einfach nur ich sein zu können ...

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