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Neulich in der U-Bahn. Drei Frauen, an denen die Körpergröße das einzig Natürliche zu sein schien, schoben einen Kinderwagen mit einem kleinen Buben in den Waggon. Wenn man bedenkt, wo man Silikon heutzutage überall hinspritzen kann, beanspruchten die drei mehr Platz als das sperrige Gefährt. Aber gut, jedem das seine. Blöd war nur, dass ich es eilig hatte und sich der Kinderwagen zwischen mir und der Schiebetüre befand.

Menschen mit Pünktlichkeitsgefühl wissen, unter welchen Druck man sich selbst setzt, wenn man den Hauch einer Einschätzung bekommt, dass man sich verspäten könnte. Jetzt sind Smartphones in diesem Zusammenhang wirklich ein Segen, denn man kann von quasi überall aus die Verzögerung melden und hoffen, dass das Gegenüber für die Wartezeit einen konstruktiven Ersatz findet. Wenn man den letzten Zug erwischen will, wäre es natürlich wünschenswert, die Handynummer des Lokführers zu haben und ihn um den gewünschten Aufschub zu bitten. In diesem Fall gilt leider: Geht nicht, gibt’s doch. Das Leben ist eben kein Baumarkt.

Ich wusste, dass es knapp werden würde und stoppte vorsichtshalber die Zeit vom Bahnhof zu meinem Bestimmungsort, damit ich wusste, wie lange ich für den Rückweg einzuplanen hatte. Dass ich mich kurz verirrte und trotzdem gepuffert war, ließ mich einen entspannten Nachmittag im Rahmen meiner Lernwilligen verbringen. Dass mir danach ein U-Bahn-Zug vor der Nase davon fuhr, war nicht weiter schlimm, versetzte mich aber in erhöhtes Zeitbewusstsein. Viel durfte jetzt nicht mehr passieren. Und während ich mich selbst mit Musik im Ohr kalmierte, schoben sich besagte „Damen“ in das unterirdische Stoßzeit-Gedränge.

Irgendetwas oder -jemand schien sie verstimmt zu haben, denn die Lippen standen noch weiter nach vorne als (un-)natürlich, die Attitüde kam einem „Wer hat mir die Erbse unter die Matratze gelegt?“ sehr nahe. Ich finde es immer sehr spannend, solche Menschen zu beobachten, vor allem mit Knopf im Ohr und Sonnenbrille auf der Nase. Da kann ich unbeteiligt ganz gut schmunzeln. Doch das haben mir die drei Prinzessin samt Thronfolger gründlich vermasselt. Als ich nämlich – wie gesagt, ich war in Eile – über das Fußteil des Kinderwagens steigen wollte, um schnellstmöglich auf den Bahnsteig zu rasen, hielt mich die mimikarme Mutter zurück und meinte, sie käme zuerst. Ich darauf: „Nur die Ruhe.“ Die zweite mischte sich ein und meinte, mir sagen zu müssen, dass sie bei der Polizei sei und ich nicht frech werden solle. Ich darauf: „Nur die Ruhe.“ Was zur Folge hatte, dass sie noch aggressiver wurde und ich bei meinem dritten „Nur die Ruhe“ immer geschmeidiger zum Sprung ansetzte, aus dem Waggon hüpfte und meinen Zug erreichte.

Ich empfinde es als ungeheuren Segen, wenn ich emotional stabil bin. Das bedeutet jetzt in keinster Weise, dass ich labil wäre. Doch manchmal gerate ich in Situationen, zu denen ich keine eindeutige Einstellung, kein Verhaltensmuster parat habe. Oder aus einem Impuls heraus agieren möchte, von dem ich weiß, dass ich ihn bereuen werde. Das sind dann die N-Momente, wie ich sie nenne. N wie Nein. Und dieses Nein bezieht sich auf meine Reaktion. Wenn ich also während meiner emotionalen Berg- und Talfahrt dieses Nein spüre, tue ich – nichts. Zumindest in diesem Zusammenhang. Ich zupfe Unkraut. Ich koche. Ich schreibe. Das schon. Aber gleichzeitig warte ich so lange, bis mir meine emotionale Stabilität ein wohliges Mmmmmmmmmmh signalisiert. Und dann reagiere ich. Das hat den Vorteil, dass ich in vollem Bewusstsein und Herzen hinter meinem Verhalten stehen kann. Die Fehlerquote ist in solchen Fällen gleich Null. Das Mmmmmmmmmmmmh aus der U-Bahn brummt immer noch in mir.

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