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Ich habe eine neue Liebe. Die eigentlich eine alte ist. Na ja, vielleicht 25 Jahre alt. Nein, nein – nicht die Person, sondern die Liebe. Und sie wird wahrscheinlich ein Leben lang halten.

 

Als ich vor geschätzten 25 Jahren das erste Mal Syrien besucht, tat ich das vor allem, weil mein Onkel mit seiner Familie dort wohnte. Und diese beinhaltete damals seit kurzem ein knopfäugiges, dunkelhaariges Wesen, das nicht sehr viel sprach, weil das Sprachengewirr in seinem Umfeld etwas zu viel für das junge Köpfchen waren. Doch dieses Geschöpf wusste auch ohne Worte, was es wollte: mich. Begeisterung wollte damals bei mir nicht recht aufkommen, denn was sollte ich mit Kindern anfangen? Ich hatte gerade einen neuen Job und war frisch verliebt. Ich hatte eine neue Wohnung bezogen und war gerade ziemlich zufrieden mit allem. Kinder kamen in diesem Konzept nicht vor, weil laut, anstrengend, unerzogen. Und obwohl ich keinen Schritt mehr als verwandtschaftlich angemessen tat, mochte mich meine kleine Kusine.

Ein paar Jahre später – wir hatten wenig Kontakt – wiederholten wir dieses Treffen, und an ihrem Ehrgeiz, Teil meines Lebens zu sein, hatte sich nichts geändert. Ich begann, das zu akzeptieren; auch weil ich – wieder – verliebt und dieser Mann Vater von drei Kindern war. Die Beschäftigung mit diesem Thema würde also nicht ausbleiben, vermutete ich damals. Was sich als zutreffend herausstellte. Bald hatte ich also vier Kinder in meinem Leben, die mir eine völlig neue Welt eröffneten. Eine Welt, die mir verschüttet schien bei dem langen Prozess des Erwachsenwerdens. Hier ein Schäuflein, dort einen Spaten voll, und schon war das innere Kind, die Kreativität auf diesem Weg wieder ein Stück weit unter die Erde gerutscht. Und zugeteert worden, denn wer einen Beruf ausübt, hat natürlich seinen Mann oder seine Frau zu stellen. Wer redet da schon vom inneren Kind?

ICH begann davon zu reden. Denn meine vier führten mir dringlich vor Augen, dass man als Erwachsener auch nicht alles weiß. Oder vergessen hat. Oder noch nie darüber nachgedacht hat. Abgesehen davon, dass ich mich in Berge von Literatur über Kindererziehung einlas, hatte ich grundsätzlich furchtbare Angst vor diesen kleinen Wesen. Was, wenn sie mich nicht leiden konnten? Oder mich sogar ablehnten? Und aufsässig werden würden? Der Kindesvater riet mir dann, mich einfach auf sie einzulassen. Und das rüttelte mir mein Kopfkino wieder ein wenig gerade. Ich, die nie mit Kindern zu tun gehabt hatte, konnte unmöglich erahnen, wie die drei mit mir umgehen würden. Eigentlich logisch.

To make a long story short: Es wurde die große Liebe. Mit jedem einzelnen der vier eine andere, aber eine große. Und ich begriff im Laufe der Jahre, dass es nicht nur eine zu ihnen, sondern zu allen Kindern ist. Denn überall, wo ich auf sie treffe, kommen sie auf mich zu. Schenken mir ein Lächeln, klettern auf meinen Schoß, lassen sich von mir tragen. Und erzählen mir ihre Sicht der Welt. Das finde ich inzwischen meist viel interessanter als Geschichten meiner Altersgruppe, die vielfach aus „Mein Haus, mein Pferd, mein Segelboot“ bestehen. Natürlich hat das auch einen Wert – keine Frage. Doch Entwicklung ist für mich nicht Besitz, sondern Erkenntnis. Und diese Erkenntnis schenken mir sehr häufig junge Menschen.

Der jüngste Mensch, der mein Leben bevölkert, ist gerade zwei Jahre geworden. Er nennt mich „Gallio“, und ich bin zuversichtlich, dass daraus bald ein „Claudia“ wird. Denn g'scheit ist er über die Maßen. Er erklärt mir mit einem Fingerzeig, dass es höchst unappetitlich ist, einen vollen Aschenbecher auf der Gartenbank stehen zu lassen. Er nimmt eine Doppelhacke und marschiert auf dem Rasen von einem gefallenen Apfel zum nächsten, um ihn aufzupicken und zu sammeln. Er strahlt über das ganze Gesicht, wenn er mich sieht und startet in seinem Zuhause in Richtung Haustüre, weil er „Gallio“ und die Katze „Jaja“ besuchen will.

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Das scheinen ganz einfache Situationen zu sein, die wahrscheinlich jedes Kind tut. Doch mich lehren sie, dass es in diesem Moment nichts Wichtigeres gibt. Wie will man einem solchen Sonnenschein Kopfkino erklären? Was soll er mit Ängsten, Sorgen oder Zweifeln anfangen? Gerade mal gar nichts. Er braucht Bestärkung, Zuversicht und Wertschätzung. Und während man es dem Kind schenkt, schenkt man es auch sich selbst. Und das tut gut. Beiden. Doch vor allem jungen Menschen, die in einer Welt aufwachsen, die scheinbar schrecklich, furchteinflößend und restriktiv ist. Was sie nicht ist, wenn wir genau hinschauen. Und dieses Hinschauen lehren mich Kinder.

Und sie haben mich gelehrt, mein inneres Kind wertzuschätzen. Denn meiner Erfahrung nach ist diese interne Verbindung essentiell dafür, um zu unserem Wesen vordringen zu können. Natürlich hilft auch Meditation, ein Spaziergang oder Tanzen. Doch in ein lachendes Kindergesicht zu schauen und sich darauf einzulassen, ist durch nichts zu überbieten. Und aktuell strahlt niemand so wonnig wie mein kleiner Nachbar. Möge die Schönwetterperiode lange anhalten!

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