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Wir werden immer wieder aufgefordert, unsere Unterscheidungskraft einzusetzen. Doch bewerten sollen wir nicht. Eine knifflige Angelegenheit! Aber manchmal ist die Lösung einfacher als gedacht.

Mit geschlossenen Augen lag er am Strand und spürte die Sonne auf seinem Gesicht. Wohlig dehnte er sich, endlich waren die ersehnten Urlaubstage gekommen. Im Hintergrund rauschte leise das Meer. Ab und an hörte man den Schrei eines Vogels. Da drang ein Kichern und Wispern an seine Ohren. Neugierig öffnete er die Augen. Halb geblendet durch die Sonne sah er sie, aus dem Meer kommend, auf ihn zuschreiten. Drei schlanke Gestalten in schillernden, durchscheinenden Gewändern. Ihre Gesichter hielten sie leicht verborgen, aber sie ließen große Schönheit vermuten. Er hatte sich aufgesetzt und beobachtete verwundert, dass sie sich ihm gegenüber im Sande niederließen. „Du sollst entscheiden, welche von uns dir die Liebste ist“, sprach die Erste. Vor Staunen blieb ihm der Mund offen. „Aber ich kenne euch nicht. Wer seid ihr denn? Wo kommt ihr her?“, rief er verwirrt. Die Erste lachte: „Mit mir hast du deine schönste Zeit verbracht. Als du noch jung warst, kraftvoll, stolz und voller Leidenschaft. Der Liebe bautest du ein großes Haus! Bin ich nicht die Liebste für dich, wenn auch lange vergangen?“ Er betrachtete sie genauer und bemerkte, dass ihr Gewand leicht abgetragen war und dennoch viele bunte Farben und Muster aufwies. „Ja, ich erinnere mich an diese Tage. Schön waren sie, aber es gab auch Bitterkeit und schwere Zeiten“, sagte er nachdenklich. „Die hast du heute doch längst überwunden“, wandte sich ihm die Zweite zu. Ihr Kleid war schlichter als das der anderen beiden und sie erschien ihm vertraut. „Heute führst du ein gutes Leben, bist gesund, dich drücken keine Sorgen. Sicher bin ich dir die Liebste, bin doch Tag und Nacht bei dir, wohin du auch gehst, immer gegenwärtig.“ „Ja“, sagte er. „Du hast recht, es geht mir gut. Ich kann zufrieden sein. Aber etwas Neues dürfte schon noch in mein Leben kommen.“ Da meldete sich die Dritte begeistert zu Wort: „Ich beflügele deine Fantasie. Mit mir zusammen kannst du neue Pläne schmieden und weit reisen. Bin ich dir nicht die Liebste?“ Er sah, dass sie das schillerndste Kleid von allen trug. „Ich nehme dich in meine Arme und wenn du Zukünftiges nicht als Schrecken ansiehst, fliege ich mit dir, wohin du willst“, lockte sie. „Aber“, riefen die beide anderen, „wir kommen mit!“ „Warum musst du überhaupt fortfliegen?“, fragte die Zweite. „Ich habe ein solides Haus, in dem du immer wohnen kannst, dein Leben lang.“ Bittend sprach die Erste: „Mich könntest du aber auch ab und an einmal besuchen. Wir haben so viele gemeinsame Erinnerungen. Weißt du noch, damals als …“ Sie wurde von der Dritten unterbrochen, die ihren schönen Traum vom Höhenflug nicht so schnell aufgeben wollte. „Wir beide werden es noch weit bringen, du wirst schon sehen, vertrau mir!“ „Wer von uns ist dir nun die Liebste?“, riefen alle drei und zogen ihn auf die Füße. Sie wirbelten um ihn herum, dass ihm der Kopf schwirrte. Welcher sollte er den Vorzug geben? Sie drehten sich nun so schnell, dass er sie kaum noch auseinanderhalten konnte! Ein starker Schwindel überfiel ihn, zog ihn hinab. Doch wie durch ein Wunder wurde er von allen dreien aufgefangen und gehalten und er erkannte, dass sie zusammengehörten.

 
So kam es dann, dass die vier gemeinsam im soliden Haus der Gegenwart lebten, manchmal einen Spaziergang in die Vergangenheit unternahmen und hin und wieder einen Wunschflug in die Zukunft. Er brauchte sich nie wieder zu entscheiden, wer ihm die Liebste war, denn sie blieben von nun an unzertrennlich.

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