Achtsamkeit

Rechte Rede (sammā-vācā) bedeutet eigentlich mitfühlendes Sprechen. Wer aus der grundlegenden Motivation des Mitgefühls spricht und handelt, verwirklicht auch die ‚Rechte Rede'. Lügen zu vermeiden, versteht sich dann von selbst. Doch wir leben nicht in einer von Mitgefühl geprägten Gesellschaft.

Das alltägliche Sprechen in Wirtschaft und Politik ist durchsetzt mit Halbwahrheiten, Lügen und bewusster Manipulation. Auch Bilder und vorgespielte Emotionen in den Medien können lügen.Das, was der Buddha im Edlen Achtfachen Pfad und in den fünf moralischen Regeln als Empfehlung zur freiwilligen Annahme gibt – Lügen zu vermeiden –, hat eine pragmatische und soziale Bedeutung. Sie lässt sich anhand von Kants ‚kategorischem Imperativ' auch aus der abendländischen Tradition begründen: Moralische Regeln haben den Sinn, den dauerhaften Bestand der menschlichen Gesellschaft in einer intakten Umwelt zu sichern. Die Regel „Du sollst lügen" wäre nicht verallgemeinerbar. Wenn man sich im Alltag, etwa bei der Arbeit, nicht darauf verlassen könnte, dass andere – wenigstens fast immer – die Wahrheit sagen, so würde jedes Gemeinwesen zugrunde gehen. Das, was wir konventionell als Wirklichkeit erfahren und denken, muss auch in der Sprache, die die Handlungen koordiniert, so erscheinen, wie wir es erleben.

Das alltägliche Sprechen in Wirtschaft und Politik ist durchsetzt mit Halbwahrheiten, Lügen und bewusster Manipulation.

Gleichwohl bedarf es einer etwas genaueren Überlegung, um Funktion und Ausmaß der Unwahrheiten wirklich zu verstehen. Denn wer nur aus Unkenntnis etwas Falsches sagt, der lügt noch nicht. Die Lüge ist also nicht einfach eine Aussage, die nicht mit den Tatsachen übereinstimmt. Dann wären wir alle Lügner, weil niemand alle Aspekte der Fakten bis ins kleinste Detail kennt. Eine Lüge liegt erst dann vor, wenn allgemein anerkannte Tatsachen wissentlich falsch dargestellt werden. Vor allem zur Beurteilung der Lügen in den Medien ist dieser Unterschied wichtig. Nietzsche, der in der Moderne viel zur Umwertung aller Werte beigetragen hat, findet für die Lüge eine glänzende Definition: „Der Lügner gebraucht die gültigen Bezeichnungen, die Worte, um das Unwirkliche als wirklich erscheinen zu machen." Die Lüge ist ein Missbrauch der Worte, das Vorgaukeln von Tatsachen oder Sachverhalten, die nicht bestehen. Wer belogen wird, vertraut auf den Wortsinn des Gesagten und wird eben dadurch – in der Regel zu seinem Nachteil – in die Irre geleitet. Nietzsches Definition enthält noch mehr, denn sie besagt, dass der Lügner das Unwirkliche als wirklich erscheinen lässt. Nun kennen wir alle den Anschein des Wirklichen – im Theater, im Kino, im Roman. Hier liegt keine Lüge vor, weil niemand erwartet, dass in Kunst und Unterhaltung Tatsachen wissenschaftlich korrekt wiedergegeben werden.

Doch die Grenzen zwischen dem Anschein der Wahrheit und dem wahren Sachverhalt verschwimmen in den Medien. Auch die Sprache ist ein Medium. Die Dinge erscheinen ja nicht selbst in den Wörtern. Die Wörter spielen beim Sprechen auf der Klaviatur der individuellen Erfahrungen. Doch diese Erfahrungen sind zumeist gemeinsame soziale Erfahrungen. Wenn Medien von Erfahrungen anderer berichten, dann wird die moralische Norm, die Wahrheit zu sagen, unabdingbar. Ich muss mich darauf verlassen können, dass eine Wegbeschreibung, die Erzählung eines Ereignisses, eine Zahl oder Ähnliches jeweils korrekt ist. Und das heißt: Auch ich, wäre ich zur entsprechenden Zeit am entsprechenden Ort gewesen, hätte das berichtete Ereignis sehen und hören können. Das Verbot der Lüge ist also ein unabdingbarer Bestandteil der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, damit aber Ausdruck unserer – in einem buddhistischen Begriff – gegenseitigen Abhängigkeit. Nun gehört es aber ebenso zu unserer Erfahrung, dass diese gegenseitige Abhängigkeit immer wieder missachtet wird; mehr noch, sie wird privat und egoistisch missbraucht. Weil andere erwarten, dass das, was ich sage, auch wahr ist, kann ich diese Erwartungshaltung systematisch ausnutzen und andere zu meinem Vorteil und ihrem Nachteil in die Irre führen.

Doch die Grenzen zwischen dem Anschein der Wahrheit und dem wahren Sachverhalt verschwimmen in den Medien.

Dass dies auf einer lokalen und individuellen Ebene häufig geschieht, steht außer Frage. Ebenso ist unstrittig, dass damit anderen Leiden zugefügt werden. Einmal schmerzt es unmittelbar, belogen zu werden, zum anderen aber erschüttern Lügen das gegenseitige Vertrauen, schüren Hass oder Aggression und befördern so die drei Geistesgifte: Die Lüge vertieft unser Nichtwissen und den Egowahn, weckt die Gier, zum eigenen Vorteil die Unwahrheit zu sagen – oft augenzwinkernd als harmloses ‚Flunkern' abgetan –, reagiert auf Lügen anderer aber gleichwohl mit Aggression. Dass die Unwahrheit auch am Lügner nicht spurlos vorübergeht, zeigt sich am schlechten Gewissen, das mit der Lüge regelmäßig einhergeht. Doch was auf individueller Ebene in kleinen Gruppen seit alters her galt – sonst hätten nicht alle spirituellen Systeme die Lüge mit einem Bann versehen –, das hat sich in der Moderne auf einer gesellschaftlichen und politischen Ebene schier unendlich vervielfacht. Die Lüge tritt heute in tausendfacher Gestalt auf und die Differenz zwischen wahr und falsch wird dabei mehr und mehr unsichtbar. Selbst in den Wissenschaften hat sich die Lüge eingeschlichen, wie durchaus nicht seltene Berichte über gefälschte Daten oder erfundene Experimente belegen.

Ein erschreckendes Ausmaß hat die Lüge in der Politik und in den Medien angenommen. Hier wurde sie sogar zu einem systematisch entwickelten PR-Instrument. Edward Bernays, einflussreicher Berater von US-Firmen und US-Präsidenten, entwickelte eine Theorie der ‚Propaganda', wie der Titel seines Buches (New York 1928) lautet, später durch den Begriff Public Relations weichgespült. Bernays sagt, dass in modernen Demokratien die Menschen ohnehin unfähig seien, politische und ökonomische Prozesse zu verstehen. „Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element einer demokratischen Gesellschaft", schreibt Bernays im genannten Buch. Um die gewählten Regierungen nicht von den Launen der Massen abhängig zu machen, bedürfe es eines secret government, das durch geeignete Medieninstrumente die Menschen so lenke, wie dies den jeweiligen ökonomischen und politischen Interessen entspräche. Eine besondere Rolle spielen hierbei Bilder, weil sie Emotionen transportieren. Man erzählt also in den Medien emotional geladene ‚Stories', deren Ziel nicht eine Information über Sachverhalte, sondern die Lenkung der Gedanken und Gefühle ist. Hier wird die Lüge zum systematisch gehandhabten Instrument in Wirtschaft und Politik. Die politisch-ökonomische PR-Elite ist tatsächlich das secret government in modernen Demokratien. Dass Politiker vor den Wahlen Versprechungen machen, die nur darauf abzielen, dass sie gewählt, die Versprechen nicht aber eingehalten werden, ist zu einem zynischen Gemeinplatz geworden. Den Versprechen der Werbung, das weite Feld der wirtschaftlichen Propaganda, glaubt ohnehin bewusst niemand mehr.

Weshalb aber, obgleich die Lügen in der Öffentlichkeit durchschaut und an Stammtischen polternd besprochen werden, funktionieren diese Lügen dennoch? Weshalb nehmen sie sogar zu? Lobbyist, also ein in der Grauzone von Lüge und Wahrheit sich bewegender ‚Berater' der Politik, ist inzwischen ein sehr lukrativer Beruf, ganz zu schweigen von PR- und Werbefachleuten. Die Antwort liegt in dem, was Bernays und seine Nachfolger bemerkt haben: Menschen mögen bewusst kognitiv bestimmte Dinge durchschauen, ja vielleicht sogar als Lüge erkennen. Sie werden aber unbewusst gleichwohl durch begleitende Bilder und Emotionen gefesselt und schaffen so ein ‚Karma unbewusster Gewohnheiten'. Die Lüge ist kein Kavaliersdelikt mehr, sie ist eine psychologisch ausgefeilte Technik der Massenbeeinflussung geworden. Die jüngeren Entwicklungen, die sich die Hirnforschung zunutze machen (‚Neuromarketing'), vertiefen noch diese unbewusste Einflussnahme. Auf der Oberfläche einer wörtlich ohnehin nicht geglaubten Botschaft wird der Zweck der Lüge – die Manipulation anderer in einer sozialen Vertrauensbeziehung – durch direkte Botschaften an das Unbewusste realisiert.

Die Lüge ist nicht mehr nur individuelles Fehlverhalten, sie ist eine soziale Institution geworden.

Mit Blick auf diese Entwicklung erscheint eine Diskussion um die moralische Regel „Du sollst nicht lügen" geradezu naiv. Was Nietzsche in seiner Abhandlung über ‚Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn' philosophisch vorbereitete, nämlich eine rein biologische Erklärung von menschlichen Erkenntnissen und ihrer sprachlichen Repräsentation, wird mit Hilfe der Neurowissenschaften und der Psychologie längst als wissenschaftlich erforschte Technik angewandt. Die Lüge ist nicht mehr nur individuelles Fehlverhalten, sie ist eine soziale Institution geworden. Das gilt übrigens, hier noch auf subtilere Weise, auch für die Wirtschaft. Menschen vertrauen dem Geld und erschaffen so kollektiv seinen Wert. Es gibt aber wenige, die dieses Vertrauen systematisch ausbeuten: Banken, die Werte von Papieren vorgaukeln; Zentralbanken, die durch die Hoheit über die Geldemission das Vertrauen der Menschen in seinen Wert systematisch durch die Druckerpresse missbrauchen; Staaten, die ‚sichere' Staatspapiere anbieten und die Wahrheit über ihren Schuldenstand verschweigen. Bereits der Zins ist ein systematischer Vertrauensmissbrauch, denn wer Geld nicht für Käufe und Verkäufe nutzt und so dessen Zweck folgt, sondern Geld benutzt, um mehr Geld zu erwerben, der täuscht. ‚Tausch' und ‚Täuschung', also ‚Lügen', haben nicht zufällig dieselbe Wortwurzel.

Wer also von der Allgegenwart der politischen, wirtschaftlichen und – immer noch – privaten Lüge abgestoßen wird und auf der Gültigkeit der Moralregel „Du sollst nicht lügen" beharrt, sieht sich heute genötigt, sehr viel tiefer nachzufragen. Es geht nicht länger einfach nur um eine Regel für die Gemeinschaft, die meist auch sehr rasch überprüft werden kann. Die medial inszenierten Lügen zeichnen sich dadurch aus, dass oftmals ein Referenzpunkt der Aussage gar nicht identifiziert werden kann. Das ist ein neues Phänomen. Was in Kino, Fernsehen oder Internet erscheint, ist nicht nur einfach die Abbildung einer vorausgesetzten Wirklichkeit, sondern die Erschaffung einer medialen Fiktion. Wir leben mehr und mehr in einer medial konstruierten Realität, in der Wahrheit und Lüge vielfach ununterscheidbar werden. Die ‚Rechte Rede' beinhaltet heute deshalb mehr und mehr auch die korrekte mediale Präsentation, denn auch manipulierte Bilder, Statistiken oder Grafiken können lügen. Die buddhistische Analyse der Täuschungen, die als Wirklichkeit vermeint werden, kann diesen Sachverhalt auf viel direktere Weise aufdecken als tradierte Medientheorien. Recht zu reden, das würde heute auch heißen, Institutionen zu schaffen, Medien zu fördern, die sich systematisch nicht nur der Wahrheit verpflichten, sondern auch bereit sind, all die Lügen aufzudecken, die in Politik und Wirtschaft so viel Leiden verursachen. Die Situation ist nicht hoffnungslos; wir leben nicht in ‚1984'. Es gibt eine neue Öffentlichkeit, etwa im Internet oder in den sozialen Netzwerken, die Manipulationen aufzudecken erlaubt. Global vernetzte NGOs wie Avaaz oder Finance Watch sind Beispiele dafür.

Die Buddhisten teilen mit der abendländischen Philosophie eine Skepsis gegenüber der Sprache. Allerdings wurde nur im Buddhismus eine systematische Theorie der Täuschung entwickelt, in der sprachliche Begriffe eine zentrale Rolle spielen und die ‚traumartige Natur der Sprache' (Dilgo Khyentse) erkannt wird. Daraus erwächst die ethische Verpflichtung, gegen den manipulativen Missbrauch die in der Sprache verwirklichte gegenseitige Abhängigkeit aller Menschen zu betonen, die im Mitgefühl ihren moralischen Ort findet. Es wäre ein falsch verstandenes Mitgefühl, die ‚Zurückhaltung im Reden' (12. Felsenedikt Ashokas) so aufzufassen, dass man institutionalisierten Lügen nicht widersprechen dürfe. Bezüglich der Medien und der Wirtschaft ist die buddhistische Ethik durchaus kritisch falschen oder lügenhaften Gedanken gegenüber und fördert gerade deshalb die ‚Rechte Rede, bei sich und bei anderen'. 

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