Leben

Im Jahr 1960 reichte Ian Stevenson, Mediziner und Leiter der psychiatrischen Abteilung der Universität von Virginia, einen Essay mit dem Titel ‚Beweis für das Überleben durch behauptete Erinnerungen an frühere Inkarnationen' bei der American Society for Psychical Research ein. Eine Gratwanderung zwischen Naturwissenschaft und Spiritualität.

Der Verein zur Erforschung parapsychologischer Phänomene berichtet von Kindern zwischen drei und sieben Jahren, die spontan – also ohne Hypnose – von ‚Erinnerungen' an eine frühere Existenz erzählen. Da die meisten dieser Geschichten nur auf Grundlage eines Schriftverkehrs mit Eltern und Behörden in asiatischen und südamerikanischen Ländern entstanden sind, erhielt er von interessierten Gönnern ausreichende finanzielle Mittel, um in Indien vor Ort zu recherchieren.
In der Folge entstanden in über vierzig Jahren 3.000 Fallstudien, die er in verschiedenen Journalen und in zwölf Büchern veröffentlichte.

Stevenson vertrat dabei die Theorie, dass bestimmte Phobien, ungewöhnliche Fähigkeiten und besondere Krankheiten weder durch Vererbung noch durch Umwelteinflüsse erklärt werden könnten. In seiner Vorstellung von Reinkarnation werden Emotionen, Erinnerungen und sogar physische Verletzungen von einem Leben auf ein anderes übertragen.
Zu den Gründen und genauen Vorgängen dieser Persönlichkeitsübertragung gab er jedoch nie eine Meinung ab.
Die einzelnen Berichte von Kindern mit Erzählungen über ein vorhergehendes Leben sind kurz gehalten und lesen sich so:

„Ein weiterer Fall ist jener von Chanai Choolalaiwong, einem Jungen aus Thailand. Als er drei Jahre alt wurde, begann er zu erzählen, dass er früher ein Lehrer namens Bua Kai war, der erschossen wurde, als er mit seinem Fahrrad zur Schule fuhr. Er bat darum, dass man ihn zu seinen Eltern – also Bua Kais Eltern – bringen sollte und nannte das Dorf, in dem sie leben würden. Schließlich nahmen er und seine Großmutter einen Bus, der in einem Ort nahe dem Dorf hielt. Seine Großmutter berichtete, dass Chanai, nachdem sie den Bus verlassen hatten, sie zu einem Haus führte, wo ein älteres Paar lebte. Chanai schien das Ehepaar zu kennen, welche die Eltern von Bua Kai Lawnak waren, jener Lehrer, der fünf Jahre vor Chanais Geburt erschossen wurde. Da es keinen Autopsiebericht gab, wurden Zeugen interviewt, die die Leiche gesehen hatten. Seine Witwe berichtete, dass der untersuchende Arzt festgestellt hatte, dass ihr Ehemann von hinten erschossen worden war. Der Eintritt der Kugel erfolgte am Hinterkopf und hinterließ beim Austritt auf der Stirn eine größere, typische Wundöffnung. Chanai wurde mit zwei Muttermalen geboren: ein schmales Mal am Hinterkopf und ein größeres, unregelmäßiger geformtes Mal auf der Stirn."

Erwartungsgemäß waren die Reaktionen der Wissenschaftsgemeinde auf Stevensons Forschungen zurückhaltend bis kritisch. Seine Erhebungen waren zwar durchaus bemüht und akribisch, doch stützten sich die meisten Fälle nur auf Aussagen Dritter. Auch die ethnische Herkunft vieler seiner ‚Patienten' aus Ländern, in denen Reinkarnation Bestandteil des mehrheitlichen religiösen Glaubens war, wurde ihm als mangelnde Objektivität angelastet.

Das Konzept der Wiedergeburt unterscheidet sich in der buddhistischen und hinduistischen Religion Asiens deutlich von den Modellvorstellungen der modernen westlichen Gesellschaften. Hier stellt man sich Reinkarnation oft als eine Art ‚Reset'-Taste vor, mit der man wie in einem Computerspiel sein Leben noch einmal von vorne beginnen kann. Neues Leben, neue Chancen. Vor allem Anhänger der anthroposophischen Lehre Rudolf Steiners betrachten Reinkarnation als eine Art spirituellen Darwinismus, als ‚evolutionären Weg zur Selbstvervollkommnung', nicht nur des Einzelnen, sondern der gesamten Menschheit.

In den östlichen Religionen dagegen wird Reinkarnation vielmehr als Fluch gesehen, da jeder neue Lebensdurchgang eine Verlängerung der irdischen Mühsal bedeutet. Das Sterben ist nicht die erwünschte Erlösung, sondern man kehrt zurück, um wieder einem weiteren, neuerlich dem Tod ausgelieferten Leben mit Schmerzen und Leiden zu begegnen.

Nicht ein rätselhafter Gott ist für die Geschicke der Menschen verantwortlich, sondern jeder Mensch hat sein Los durch vergangene Taten selbst verschuldet.

Seit den 1950er Jahren wurde die Idee der Wiedergeburt von den USA ausgehend auch in Europa als Therapieform praktiziert. Im deutschsprachigen Raum ist die Reinkarnationstherapie vor allem mit dem Namen des Münchener Esoterikers und Psychologen Thorwald Dethlefsen verbunden, der 1968 die Arbeiten Ian Stevensons aufgriff. Mit seinem auflagenstarken Buch ‚Schicksal als Chance' wurde er auch einem breiten Publikum bekannt.

Im Verlauf von ‚Rückführungen' versetzte Dethlefsen seine Versuchspersonen in hypnotischen Tiefschlaf und dirigierte sie zurück in ihre Vergangenheit und manchmal auch noch weiter, zurück in ein behauptetes früheres Leben seiner Medien. Das rief den Wissenschaftsjournalisten Holdger Platta auf den Plan, der in seinem Buch ‚New-Age-Therapien. Rebirthing, Reinkarnation, Transpersonale Psychologie: pro und contra' vor allem mit soliden Recherchen überzeugen konnte. Er überprüfte akribisch die protokollierten Erlebnisse und verglich diese mit historischen Straßenplänen, Adressverzeichnissen, Stadtansichten und alten Zeitungsberichten. Ergebnis: Sämtliche der unter Hypnose entstandenen Angaben der Versuchspersonen waren unrichtig und stimmten nicht mit den tatsächlichen Fakten überein.

Auch die Behauptung, dass manche Personen plötzlich in der Lage waren, fremde Sprachen zu sprechen, konnte einer näheren Überprüfung durch Sprachforscher nicht standhalten: Das vermeintliche ‚mittelalterliche Gälisch' oder ‚Bulgarisch' stellte sich lediglich als Folge von Lauten heraus, die zwar oberflächlich wie eine fremde Sprache klangen, aber in Wirklichkeit keinen Sinn ergaben.

Durch solche von Skeptikern als ‚unwahr' enttarnten Fälle wurde die Idee der Wiedergeburt unter aufgeklärten Europäern als esoterischer Tingeltangel abgelegt.

Aus ideengeschichtlicher Position gesehen ist dies durchaus bedauerlich, denn Reinkarnationsvorstellungen reichen weit in die menschliche Kulturgeschichte zurück und sind untrennbar mit der Vorstellung einer ‚Seele' verbunden. Der Historiker Samuel Brandon bezeichnete dies als das ‚fundamentalste Konzept', das in der Menschheitsgeschichte jemals aufgetaucht sei. Diese Seele wird je nach Kultur an unterschiedlichen Organen im Körper lokalisiert: im Haar, im Auge, im Bauch, im Blut, in den Knochen, in der Leber, im Atem und natürlich im Herz. Manche Völker bohrten Frischverstorbenen das Schädeldach an (Trepanation), damit die Seele so dem toten Körper entweichen konnte. Manchmal ist die Seele eine zweite, neben dem Wachbewusstsein vorhandene Identität, die während des Schlafs freigesetzt wird und auf Traumreisen geht. Diese Vorstellung findet sich auch heute noch bei den australischen Ureinwohnern.

Die europäische Vorstellung einer unsterblichen Seele stammt vom Mathematiker und Philosophen Pythagoras. Im frühgriechischen Weltbild bestand ein Mensch aus drei Einheiten: dem Körper, der Psyche als im Kopf ansässigen Vitalkraft und Thymos, dem Bewusstein, das in den Lungen sitzt. Auch andere altgriechische Denker wie Platon glaubten an Wiedergeburt und Metempsychose, die Seelenwanderung.

Anhänger der anthroposophischen Lehre Rudolf Steiners betrachten Reinkarnation als eine Art spirituellen Darwinismus.

Jahrhunderte später wurde in der Renaissance die Vorstellung von Reinkarnation im Sinn der antiken Wurzeln wiederentdeckt und als faszinierende Möglichkeit der geistigen Vervollkommnung erkannt. Gotthold Ephraim Lessing schrieb in seinem Essay ‚Die Erziehung des Menschengeschlechts': „Warum sollte ich nicht so oft wiederkommen, als ich neue Kenntnisse, neue Fertigkeiten zu erlangen geschickt bin? Bringe ich auf einmal so viel weg, dass es der Mühe wiederzukommen etwa nicht lohnet?"

Diese Idee passt auch viel besser in unsere modernen, säkularen Zeiten. Nicht ein rätselhafter Gott ist für die Geschicke der Menschen verantwortlich, sondern jeder Mensch hat sein Los durch vergangene Taten selbst verschuldet.

Natürlich ist Reinkarnation mit naturwissenschaftlich-technischen Methoden nicht – beziehungsweise noch nicht – nachzuweisen. Dies gilt aber generell für alle fortschrittlichen Theorien. Die multiple aufgerollte Dimension der Stringtheorie als Welterklärungsmodell der Physiker ist für die meisten Menschen genauso ‚esoterisches' Wissen wie die Vorstellung einer Wiedergeburt.

Der britische Schriftsteller und Visionär neuer Techniken Arthur Charles Clarke hat diese menschliche Herausforderung mit einem vielzitierten ‚Gesetz' sehr gut auf den Punkt gebracht: „Der einzige Weg, die Grenzen des Möglichen zu finden, ist, ein klein wenig über diese hinaus in das Unmögliche vorzustoßen."

 
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