Leben

Heute wird es einmal so richtig chinesisch: Ich möchte Ihnen das Konzept von den Geistern, den Seelen näherbringen. Diese Vorstellung stammt aus dem Schamanismus, dem Ursprung der Traditionellen Chinesischen Medizin.

Die alte Vorstellung war, dass Geister bei der Zeugung, also bei der wahren Geburt, den Körper über bestimmte Stellen betreten, den Körper also quasi beseelen und ihn während des gesamten Lebens begleiten.

Im Tod verlassen dann die Seelen wieder den Körper. Faszinierend ist, dass diese Vorstellung in vielen alten Kulturen wie eine tiefe Wahrheit existiert, die der ganzen Menschheit zuteil ist. So auch die Vorstellung, dass einer dieser Geister in den Knochen wohnt (im alten China ist das der Po) und man nach dem Tod eines Menschen die Knochen in der Erde begraben soll, damit dieser Geist wieder zurückkehren kann in die Erde, zu seiner Mutter Erde, wieder EINS werden kann mit der großen einen Seele.

Es gibt bei uns ja auch die wunderschöne Vorstellung, dass ‚da oben irgendwo' die (Seelen der) Kinder sind und sich von dort alle potenziellen Eltern anschauen. Und wenn dann zwei zusammenkommen, ein Mann und eine Frau, wo so richtig alles passt, dann denkt sich die Seele eines Kindes: „Hm, die sind die Richtigen für mich. Die zwei suche ich mir als Eltern aus." Und schon kommt wieder eine Seele auf die Welt und schlüpft in einen Körper ...

Im alten China sagte man, dass in jedem (Voll-)Organ ein Geist, eine Seele lebt. Zwei dieser Geister haben wir schon kennengelernt: SHEN und HUN.

• SHEN ist der Geist des Herzens. Shen ist quasi der ‚Ober-Geist', der Generalmanager. Er steht für ‚Bewusst-Sein', für ‚bewusstes Mensch-Sein'. Shen erkennen wir als Ausstrahlung, als Lebensfreude in einem Menschen. Die Emotion des Herzens ist daher die (Lebens-)Freude. Den Shen sieht man im Gesicht eines Menschen.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Es geht Ihnen einmal richtig schlecht: Ihr Freund, Ihre Freundin hat Sie verlassen, Sie haben gerade Ihren Job verloren, dann sind Sie auch noch ordentlich verkühlt. Sie fühlen sich also so richtig dreckig. Und dann auf einmal, wie aus dem Nichts, kommt ein Mensch daher wie Mutter Teresao der ein alter, weiser Mönch wie der Dalai Lama, strahlt Sie aus tiefem Herzen an, so dass Sie – nur durch seine Nähe und sein Strahlen – sich vollkommen sicher und geborgen fühlen, beschützt und angenommen und verstanden. Dieses Strahlen ist Shen. Wenn es dem Shen gut geht, dann geht es dem Herzen gut, dann geht es einem Menschen gut, dann hat der Shen alle anderen Geister ‚gut unter Kontrolle'.

• HUN ist der Geist der Leber. Er betritt den Körper nach der Empfängnis durch den Punkt Ren Mai 20, den höchsten Punkt des Kopfes (dort, wo Sie bei einer Marionette die Schnur anbringen würden, um die ganze Puppe zu halten), und wird in diesem Moment von der Himmlischen Seele zur Körperseele. Dass er eine Körperseele ist, lässt er uns das ganze Leben lang spüren. Der Hun lebt in der Leber und macht all das Animalische in uns aus. Die Emotion der Leber ist die Aggression.Der Hun ist das Tier in uns, das Triebhafte, das Aggressive wie im Kampf um Leben und Tod, das Verteidigende, wenn es darum geht, unser Revier, unser Territorium, unsere Familie zu beschützen. Der Hun setzt alles daran, uns am Leben zu erhalten (Selbsterhaltungstrieb). Sie können ihn sich wie einen Rocker mit langen Haaren und Bart und schwarzem Leder und Nieten auf seiner Harley Davidson vorstellen oder als ein Tier, wie zum Beispiel einen Wolf mit all seinen Urinstinkten, mit seinem Knurren und Zähnefletschen und den Haaren, die er im Nacken aufstellt, um andere einzuschüchtern. Der Hun hat eine unglaubliche, unbändige Stärke, wie eine Mutter, die ihre Kinder verteidigt. Da sind auf einmal Kräfte da, da wächst die Mutter über sich hinaus, da wird nicht lange überlegt, ob das für einen selbst gefährlich werden könnte. In einem modernen Kontext könnte man das als ‚Zivilcourage' übersetzen: Es gibt Menschen, die diesen Mutterinstinkt nicht nur für die eigenen Kinder empfinden, sondern für alle Menschen. Der Hun ist bei
diesen Menschen so ausgeprägt, dass sie einfach für andere eintreten, ohne an die eigenen Konsequenzen zu denken. Im Tod verlässt der Hun den Körper, wieder über Ren Mai 20, und vereinigt sich wieder mit der Himmlischen Seele. Um das zu erleichtern, hat man (wie man aus Knochenfunden weiß) in alten Kulturen oft nach dem Tod eines Menschen die Schädeldecke an der höchsten Stelle (Ren Mai 20) aufgeschlagen, damit der Hun leichter austreten kann.

1600mal600Weidiinger

• PO ist der Geist der Lunge, die Geist-Seele. Der Po kommt bei der Geburt aus der Erde, betritt den Körper und lebt in den Knochen. Als typische Stelle, wo man ihn antrifft, wird Ren Mai 14 angegeben. Das ist jene Stelle unterhalb des Brustbeins in der Mitte des Oberbauches, die wir gerne als ‚Solar-Plexus' bezeichnen. Sie kennen sicher das Gefühl des Unbehagens oder auch der Aufregung, das man dann an dieser Stelle des Bauches spürt. In der westlichen Medizin entspricht das dem Plexus solaris, dem Sonnengeflecht, einem Nervengeflecht aus lauter vegetativen Nervenfasern. Mit vegetativ meint man jenen Teil unseres Nervensystems, den man willentlich nicht steuern kann. Der Po entspricht genau diesem Vegetativum. Stellen Sie sich den Po vielleicht als ‚Flower Power Hippie' vor, ‚make love not war', als einen sensiblen, dünnhäutigen, schwachbrüstigen Künstler, der Ideale hat, aber immer droht, an der realen Welt zu zerbrechen. Die Emotion der Lunge ist der Kummer, die Trauer, aber auch das Ängstliche, das Unsichere.Der Po steht westlich gedacht für alles Psychosomatische. Chinesisch heißt das, dass die Psychosomatik in der Lunge steckt, dort, wo der Po lebt. Die Chinesen sagen auch, dass die Haut ein Teil der Lunge ist. Mein Lehrer François hat immer gesagt: „Le Po est le peau (gesprochen /po/)!"; französisch für „Der Po ist die Haut!" Damit meint er, dass eine psychosomatische Erkrankung oder einfach nur ‚Sensibilität' sich an der Haut zeigt. Die chinesische Therapie postuliert daher: Schau, dass es dem PO, der Lunge, gut geht; baue das Lungen-YIN, die Substanz der Lunge, auf! Wenn die Knochen eines Verstorbenen in der Erde begraben werden, kann der Po wieder zurück zu seiner Mutter (die Erde ist ja die Mutter der Lunge) und sich wieder im Sinne des TAO mit allem vereinigen.

• YI (/i/ gesprochen) ist der Geist der Milz. Wohin Yi geht, dorthin geht das Qi. Stellen Sie sich den Yi vielleicht als Buchhalter vor oder eben als alleinerziehende Mutter von elf Kindern (oder zehn, je nachdem, ob man das Perikard als eigenständiges Organ mitzählt oder nicht, siehe oben) wie in meinem Beispiel von der Milz (siehe oben). Yi sitzt in unserer Mitte (oder rennt herum wie die alleinerziehende Mutter) und kümmert sich um alles im Körper: beschafft Qi, verwaltet und verteilt Qi, schaut, dass es allen Organen und Geistern materiell gut geht, dass sie genug Blut haben und sich daher wohlfühlen. Yi muss also viel denken, um all die Aufgaben zu erfüllen, aber auch viel handeln, um all den Stoffwechselaufgaben nachzukommen. Die Emotion der Milz ist das (zu viel an) Denken, das Grüblerische.Nur wenn Yi gut arbeitet, kann Shen alle anstrahlen, kann Po seine künstlerische Sensibilität ausleben, kann Hun sich um sein Territorium kümmern und die Familie verteidigen. Wenn einer von ihnenHunger hat, dann ist dieser zu nichts zu gebrauchen! Mit Hunger meine ich in diesem Fall, dass der Yi die anderen Organe und Geister nicht ausreichend mit Nahrung versorgt hat. Der Yi ist auch zuständig für all unsere Denkleistungen, für unser Denken, und damit ist er jener Geist, der die Menschheitsgeschichte, so wie sie ist, möglich gemacht hat. Dadurch, dass Yi oder eben unsere Mitte, unsere Milz (mit ihrem Magen) so gut gearbeitet hat über die Jahrtausende und alle Geister so gut versorgt hat, konnte sich unser Körper so gut entwickeln, konnte die Milz ein ‚eigenes Denk-Organ' gut ausbauen, um all das Denken zu ermöglichen und immer besser zu machen, nämlich unser Vorhirn, unseren Frontallappen, jenen Teil der obersten Schicht des Gehirns, der all das Denken westlich gesehen übernimmt. Denken ist ja auch eine Art ‚Verdauungsleistung'. Wir sagen ja auch in unserem Sprachgebrauch „Das muss ich erst einmal verdauen" und meinen damit, dass Gedankeninhalte zu verstehen eben die Zeit der Verdauung braucht.

• ZHI (/tsch/ gesprochen) ist der Geist der Niere. Zhi ist unsere Willenskraft. Zhi fragt nicht, Zhi macht es einfach. „Just do it!" Zhi ist wie das Wasser, das Element der Niere: Zhi ist klar und kühl. Zhi hütet ja auch als Geist der Niere unser Jing, unsere Erbsubstanz, unsere Urenergie, die wir von Generation zu Generation erhalten und weitergeben. Damit sichert Zhi den Bestand unserer Art. Wenn es darum geht, die Art zu erhalten, entscheidet Zhi ganz kühl und überlegt, ohne Emotion. Er wiegt ab, was das Beste für die Art ist, und ntscheidet. Punkt. Die Emotion der Niere ist die Angst. enn einem etwas ‚an die Substanz geht', wenn es einem ‚kalt über den ücken läuft', bekommen wir Angst. Substanz entspricht ja dem JING, unserer Substanz, die n der Niere gespeichert ist. Der Yi hat die Aufgabe, ebendiese u schützen. Daher schickt er uns diese Emotion, damit wir aus dieser ituation, die uns Angst macht, heraustreten. Und so schützen und erhalten wir user JING. Angst vor em Tod hat den tiefen Sinn, die Art zu schützen, die Art zu erhalten. Wenn wir eine Angst vor dem Tod hätten, würden wir sonst in Versuchung kommen, unser eben wegen einer Kleinigkeit wegzuwerfen („Hm, der Kaffee schmeckt mir heute icht gut; das macht keinen Spaß, ich bring mich jetzt um ..."). Wir sagen ja uch „Die Angst sitzt in den Knochen" und die Knochen gehören zur Niere. Dort st die Essenz, das Jing, gespeichert. Modern esprochen können Sie sich Zhi als ‚guten' Politiker der Diplomaten vorstellen, der für alle entscheiden muss und am besten alle motionen heraushält, um eine klare Linie für die Zukunft vorzugeben und zu rmöglichen.

Ich möchte noch ein Beispiel bringen, wie die verschiedenen Geister mit ein und derselben Situation umgehen: Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Mann und Sie ehen eine wunderschöne Frau und meinen sich zu verlieben. In Ihrem Körper önnten Ihre Geister ungefähr so reden: Der Hun redet nicht lange erum und sagt zu der Frau: „Komm her, Puppe, geh'n wir zu mir!" Der Po denkt: „Ach, ich würde sie so gerne anreden, aber ich trau ich nicht. Ich bin ja so ein kleines, schwaches Würstchen." Der Yi denkt: „Hat die wohl Geld und wie viel wird mich eine mögliche eziehung wohl kosten?" Der Zhi denkt: „Wie kann sie mir bei meiner Karriere helfen? Und falls wir uns paaren sollten, würden unsere Kinder dann eh gescheite, kräftige Kinder werden?" Und der Shen wird die Frau einfach anstrahlen und anlächeln und vielleicht wird dann diese wunderschöne Frau unseren Shen ansprechen ...

Zum Verlieben vielleicht noch ein paar Worte: Mein Lehrer François hat gesagt: „To fall in love is an accident and it belongs to traumatology ..." – Man ‚fällt in die Liebe' (aus dem Englischen wörtlich übersetzt) und dieses Fallen ist ein Sturz, tut weh und gehört daher in das Fachgebiet der Traumatologie, der Unfallabteilung ... Und da ‚verliebt sein' sehr anstrengend ist, verschreibe ich meinen Patienten, wenn sie frisch verliebt sind, herzblut- (um den Shen zu stärken) und milzstärkende (um die Mitte zu stärken) Kräuter, damit sie diesen ‚Unfall' gut überstehen.

Ich habe Ihnen die Vorstellung von den Seelen so genau dargestellt, weil sie ganz typisch ist für die Art, wie man im alten China, vor gut 2.000 Jahren, gedacht hat und weil diese Vorstellung uns hilft, komplexe Zusammenhänge, wie zum Beispiel die Verbindung Psyche und Körper, besser und leichter zu verstehen.

 

Psyche und Körper sind eine Einheit, gehören zusammen, sind nicht trennbar!

 

Die Trennung, die wir in unserer Kultur vollziehen, ist nur eine Gedankenhilfe. Sie ist nicht real. Unsere Psyche ist ein Teil unseres Körpers. Unsere Psyche, und damit wird weitläufig alles zusammengefasst, was in uns nicht materiell ist, also alle Gedanken und Gefühle, ist geschaffen, damit wir uns in dieser unserer Welt besser zurechtfinden. Sie ist nur für diese Welt geschaffen. Daher stehen wir, die wir immer mehr wissen und verstehen wollen, oft an, wenn es um die Vorstellung einer anderen Welt geht. Emotionen sind Geschenke wie zusätzliche Sinnesorgane, um unsere Umgebung und unsere Mitmenschen und uns selber noch feiner, noch differenzierter wahrnehmen zu können. Sie haben alle einen guten Sinn, den Sinn, der unserer gesamten Evolution innewohnt. Auch wenn wir diesen Sinn nicht in Worte fassen können, so können wir ihn doch erahnen und erfühlen, wenn wir uns zum Beispiel in der Meditation dem TAO annähern.

In der Traditionellen Chinesischen Medizin gibt es die Trennung in Körper und Psyche nicht. Alles ist Körper.Das Organ mit seinem Geist und den Emotionen ist eine Einheit. Man kann Erkrankungen rein auf der Ebene der Organe erklären, aber auch auf der Ebene der Geister, der Seelen und ebenso auf der Ebene der Emotionen. Der Effekt ist immer der gleiche. Der Unterschied liegt darin, wie gut wir unser Gehirn mit einer Vorstellung füttern, so dass wir ein klares Bild der Erkrankung und eine klare Vorstellung über die Behandlung bekommen. Und darum geht es dann auch. Nämlich darum, eine Erkrankung zu bessern und zu heilen. Wenn der Arzt, der Sie behandelt, ein klares Bild von Ihrer Erkrankung hat, kann er Ihnen eine klare Therapie empfehlen. Wenn der Leidende, der Patient, ein klares Bild von seiner Erkrankung hat, wenn er die Zusammenhänge tief im Herzen versteht, kann er sich gut selber helfen und über die weitere Richtung seines Lebensweges entscheiden. Wenn Sie, werte Leserin und werter Leser, gut verstehen, ein klares Bild haben, klar wie das Wasser eines Gebirgsbaches, und vielleicht sogar im Herzen entflammtsind, werden Sie dieses Wissen mit Begeisterung und Shen weitergeben und anwenden. Das ist auch mein Verständnis von emotionaler Intelligenz: Zusammenhänge mit Herz und Hirn verstehen!

Chinesisch denken wir nicht psychosomatisch, sondern somatopsychisch! Wenn es dem Körper gut geht, dann geht es dem Geist gut! Psychische Erkrankungen werden daher für unseren Verstand besser fassbar und der Patient kann rein körperlichso vieles tun, damit es ihm psychisch besser geht! Es gibt auch einen lateinischen Ausdruck bei uns: Mens sanain corpore sano. In einem gesunden Körper lebt ein gesunder Geist.

In diesem Sinne verbleibe ich

Ihr Kräuterdoktor Weidinger

Kommentare   

# Yogini 2016-04-25 15:14
Herr Weidinger ist ein wundervoller Autor der sich mit TCM wirklich auskennt!
Antworten | Antworten mit Zitat | Zitieren

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren