Leben

Der deutsche Neurobiologe und Psychotherapeut Joachim Bauer über die Entwicklung unserer Identität, welche Rolle dabei unsere Vorfahren spielen und was passiert, wenn wir sie nicht finden.

Wie würden Sie persönlich die Frage „Wer bin ich?" beantworten?

Allen, denen diese Frage im Rahmen eines Vorstellungsgespräches gestellt wird, würde ich dringend raten, eine konventionelle Antwort zu geben, also z.B. etwas über den eigenen Werdegang zu erzählen, über die berufliche Qualifikation oder über persönliche Interessen. Psychologisch und neurobiologisch betrachtet, ist die Antwort auf Ihre Frage aber gar nicht so einfach. Die Grenzen zwischen ‚Ich' und ‚Nicht-Ich', zwischen mir und den Menschen um mich herum sind weit weniger eindeutig, als wir meinen. Kollegen der Princeton Universität haben dieser Tage z.B. nachweisen können, dass zwei Menschen, die miteinander sprechen und die verstehen, was der andere gerade sagt, ihre Gehirnaktivitäten weitgehend synchronisieren. Verantwortlich dafür ist das System der Spiegelnervenzellen. Menschen, die miteinander in Kontakt sind, schwingen sich unbemerkt auf gemeinsame Körperzustände ein. ‚Ich' und ‚wir' sind keine vollständig getrennten Daseins-Formen. Wir sind immer ein Stück weit das, was andere in uns zum Schwingen gebracht haben – und umgekehrt.

Bitte definieren Sie ‚Ich-Identität'.

Wenn ich spazieren gehe und sehe, wie ein Kind rennt, aber plötzlich hinstürzt und nun eine heftig blutende Schürfwunde am Knie hat, dann spürt in diesem Moment nicht nur das Kind einen Schmerz, sondern auch ich. Warum? Weil in diesem Moment meine Schmerz-Nervenzellen tatsächlich ganz konkret aktiv werden und den Schmerz des Kindes spiegeln. Für einen sehr kurzen Moment ist die Identität zwischen dem Erleben des Kindes und meinem Erleben sozusagen fast aufgehoben. Aber eben nur für einen Moment. Denn innerhalb weniger Sekunden ziehe ich nun eine Trennlinie zum Schmerz des Kindes. Ich greife jetzt auf meine eigene Identität, d.h. auf meine kognitiven und körperlichen Ressourcen zurück, ich werde das Kind also trösten und ihm helfen. Als Ich-Identität würde ich die Erfahrungen, Kompetenzen und Reflexionen bezeichnen, die sich in einem Menschen angesammelt haben und die ich unabhängig von anderen als Ressource zur Verfügung habe.

Welche Dimensionen/Bereiche sprechen für eine ausgereifte Ich-Identität?

Vittorio Gallese, ein führender Mitarbeiter des italienischen Neurophysiologen Giacomo Rizzolatti, in dessen Labors die Spiegelneurone entdeckt wurden, unterscheidet eine sogenannte ‚S-Identity' (Soziale Identität) von einer ‚I-Identity' (Ich-Identität). Die ‚S-Identität' bezeichnet das ‚gemeinsame Vielfache', das Personen einer sozialen Gruppe innewohnt. Menschen, die in einer gemeinsamen Kultur leben, teilen unendlich viele implizite Prozeduren, z.B. die Art, wie wir alltägliche Vorkommnisse interpretieren, wie wir reagieren, wie wir miteinander umgehen, die Art, wie wir uns grüßen, wie wir Zustimmung oder Ablehnung signalisieren usw. Das alles ist zu einem großen Teil die soziale Identität. Das neuronale Format dieser Form von Identität ist das System der Spiegelzellen. Die Ich-Identität bezeichnet den Freiheitsraum, von den gemeinsamen Prozeduren abzuweichen, also etwas Eigenes gegen den Mainstream zu setzen. Bei einer ausgereiften Persönlichkeit sollte die Fähigkeit vorhanden sein, beides zu leben, die S- und die I-Identity. Wer nur S-Identity lebt, schwimmt permanent mit dem Strom oder lässt sich nur von den Interessen anderer leiten. Wer nur I-Identity lebt, ist autistisch oder narzisstisch eingeschränkt.

Was brauchen wir, um eine gesunde Identität zu entwickeln, und wie sieht diese Entwicklung aus?

Die psychische Entwicklung beginnt mit der S-Identity. Säuglinge und Kleinkinder benützen das Ich ihrer Bezugspersonen als erweiterten Ich-Raum für sich selbst. Ein Säugling erlebt weder Durst noch Bauchweh noch Einsamkeit, er spürt nur unspezifisches Unwohlsein und Not. Erst die hinzutretende Mutter – oder der Vater – ist in der Lage, falls sie Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen besitzen, das Problem zu definieren. Erst die Stillung des Durstes lässt das Kind spüren, dass es das gibt, was irgendwann einmal den Namen Durst erhalten wird. Erst durch das beruhigende Streicheln des Bauches lernt das Kind Stück für Stück, was Bauchweh ist. Erst die Zuwendung der Bezugspersonen lässt den Säugling irgendwann lernen, dass der Mangel an Nähe nicht etwa Hunger bedeutet – viele Kinder unterliegen hier einem Missverständnis –, sondern Einsamkeit ist. Wenn das Kind diese Lernschritte im Rahmen der S-Identity mit seinen Bezugspersonen machen konnte, dann will es irgendwann auch Erfahrungen auf dem Gebiet der I-Identity sammeln. Beides gehört zusammen.

Welche Rolle spielt/spielen dabei unsere Herkunft, unsere Eltern, unsere Heimat, unsere Vorfahren?

Ohne Eltern hat es ein Kind sowohl mit der S- als auch mit der I-Identity schwer. Wir brauchen Menschen, mit denen wir uns identifizieren können, an deren Identität, d.h. an deren Fähigkeiten und Haltungen wir unsere eigene Identität angleichen wollen. Dieser Prozess reicht weit ins erwachsene Leben hinein. Diese Menschen brauchen wir aber zweifach, nämlich auch dann, wenn wir einen Unterschied machen wollen, wenn es also darum geht, anders zu fühlen, anders zu handeln, also anders sein zu dürfen. Anders kann ich nur sein, wenn es andere – oder wenn es eine Gemeinschaft – gibt, von denen ich mich unterscheide. Der französisch-amerikanische Philosoph René Girard hat die Tendenz des Menschen, anderen gleich sein zu wollen, als ‚Mimesis' bezeichnet. Die Pubertät, in der junge Menschen sich gegen die etablierten Prozeduren ihrer Eltern auflehnen, wäre eine Art ‚Anti-Mimesis'. Für beides, Mimesis und I-Identity, brauchen wir Eltern, Heimat und Vorfahren. Zunächst brauchen wir sie, um uns den Weg ins Leben zu zeigen, danach brauchen wir sie ein zweites Mal, um uns den Freiraum zu lassen, wenn wir etwas Neues ausprobieren und uns weiterentwickeln wollen.

Welche Tools benötigen wir, um unsere Ich-Identität zu wahren/finden?

Wir brauchen spielerische Freiräume. Tatsächlich ist unser Leben in Gefahr, immer stärker unter den Druck von Zweckdienlichkeiten, von Sachzwängen und von kommerziellen Verführungen zu geraten. Daraus ergibt sich ein immenser Anpassungsdruck, der den Spielraum für die Entwicklung von I-Identity zu zerstören droht. Kinder und Jugendliche sollten von uns daher beides lernen dürfen: Einerseits sollten sie begreifen, dass wir auf einem Globus der knappen Ressourcen leben, weshalb wir als Menschen gezwungen sind, zu lernen und zu arbeiten. Auf der anderen Seite sollten wir unsere Kinder aber auch lehren, kritisch zu prüfen, was ihnen die Welt so alles vorsetzt. Sie sollten lernen, dass man nicht immer mit dem Strom schwimmen, sondern eben oft auch Nein sagen muss.

Was sind die Folgen, wenn ich meine Ich-Identität verliere bzw. nie gefunden habe?

Kurze Verluste der Ich-Identität können durchaus Freude machen, denken Sie nur an das Erleben einer tiefen Wesensverwandtschaft im Gespräch oder an eine intensive Verliebtheit oder an die sexuelle Liebe. Schwierige Konstellationen ergeben sich erst dann, wenn ein Mensch permanent im Meer der S-Identity schwimmt und nirgendwo den haltgebenden Boden der I-Identity unter die Füße bekommt. Das betrifft z.B. Menschen, die sich selbst nur dann als existent erleben, wenn sie den Bedürfnissen oder Leistungsstandards anderer Menschen gerecht werden. Solche Menschen brechen dann irgendwann in einer Depression ein. Eine andere Gruppe von Menschen vermeidet zwar, sich von anderen ausnutzen zu lassen, erlebt eigene Gefühle aber immer nur als Spiegelung der Gefühle, die andere gerade haben. Das Problem, das sich hieraus ergeben kann, ist emotionale Instabilität und Bindungsunfähigkeit.

Kann man das behandeln?

Psychotherapeuten haben die Möglichkeit, solche Störungen mit den Betroffenen zu bearbeiten. Bereits an der Art, wie sich die therapeutische Beziehung zwischen Patient und Therapeut entwickelt, können gute Psychotherapeuten spüren, wo der Patient sozusagen seine blinden Flecken hat. Der Therapeut wird mit seinem Patienten dann innehalten und mit ihm zusammen anschauen, ob der Patient nicht doch den Wunsch hat, einmal ganz ‚Sich-selbst-Sein' zu dürfen, oder inwieweit er sich nicht doch das Recht nehmen will, nicht immer mit den Gefühlen des jeweils anderen mitschwingen zu müssen.

Wie wichtig ist es, sich die Frage nach dem „Wer bin ich?" überhaupt zu stellen?

Keine Sorge, die Frage stellt sich jedem Menschen irgendwann von selbst.

 

Univ.-Prof. Dr. Joachim Bauer ist Arzt, Neurobiologe, Psychotherapeut, Professor am Uniklinikum Freiburg/Breisgau, Ärztlicher Direktor der Hochgrat-Klinik für Psychosomatik im Allgäu sowie erfolgreicher Buchautor: ‚Das Gedächtnis des Körpers', ‚Prinzip Menschlichkeit', ‚Warum ich fühle, was du fühlst'.

 

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