Achtsamkeit

Unternehmen haben buddhistische Werte entdeckt und daraus eine Managementstrategie gebastelt. Corporate Mindfulness heißt sie und hat das Potenzial, als Effizienzsteigerungstool missbraucht zu werden.

Goldman Sachs, Monsanto und General Mills setzen auf einen neuen Trend. Google hat mit ‚Search Inside Yourself‘ sogar ein eigenes Programm entwickelt und Produkte wie ‚Mindfulness at Work‘, ‚Potential Project‘ oder ‚Whil‘ machen Furore. Die Rede ist von ‚Corporate Mindfulness‘, einer Managementstrategie, die im Gesundheits- und Bildungswesen ihren Anfang nahm und nun in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein scheint. Führungskräfte aus aller Welt treffen auf Mindful Leadership Konferenzen wie ‚Wisdom 2.0‘ und der ‚Mindful Business Conference‘ zusammen. Die Grundlage des Hypes: Immer mehr Studien haben die positive Auswirkung von achtsamkeitsbasierten Interventionen belegt, das hat eine ‚Achtsamkeitsrevolution‘ losgetreten.

Führungskräfte, die an diesen Achtsamkeitsprogrammen teilnehmen, schwärmen. Es geht um die drei Kernkompetenzen jedes zukunftsorientierten Managements: Resilienz, Kooperationsfähigkeit und komplexe Führungsqualitäten. Diese erwachsen aus den verschiedenen Facetten von Achtsamkeit, wie etwa der Wahrnehmung, dem Beschreiben, dem achtsamen Handeln, dem Nicht-Bewerten und Nicht-Reagieren. Im ehemals automatisierten Erfahrungsfluss entsteht ein neuer Raum, den ein Teilnehmer als „Ich erlebe jetzt Momente der Wahl, die ich vorher nicht hatte“ beschreibt.

Das unternehmerische Interesse am Thema Achtsamkeit ist auch vor dem aktuellen wirtschaftlichen Hintergrund verständlich. Alleine im Bereich der amerikanischen Privatunternehmen entstehen jährlich 800 Milliarden Dollar an Verlusten aufgrund von stressbedingten Abwesenheiten und mangelnden Arbeitnehmerengagements. Das sind massive Verluste in Produktion und Effizienz, welche die kapitalistische Logik der Gewinnorientierung bedrohen. Damit das kapitalistische Wirtschaftssystem überleben kann, müssen Menschen bereitwillig an seinen Strukturen und Normen teilnehmen und diese reproduzieren. In Zeiten der Krise muss dafür auch auf kulturelle Ideen abseits der Kreisläufe der Gewinnmaximierung zurückgegriffen werden – so wie die Achtsamkeit.

Während die Achtsamkeitsrevolution noch im Freudentaumel gefeiert wird, scheint sich niemand dafür zu interessieren, warum Menschen heutzutage in Unternehmen und anderswo so stark belastet und beansprucht sind. Das zeitgenössische Ethos sagt uns doch, dass wir unseres eigenen Glückes Schmiede und unsere Leiderfahrungen nicht auferlegt sind, sondern dass wir selbst maßgeblich an den Ursachen unseres Unglücks beteiligt sind: durch mangelnde emotionale Selbstregulierung und gewohnheitsmäßige Gedankenmuster, kurz gesagt durch unsere Achtlosigkeit.

Auch wenn unsere gewohnte und impulsive Reaktivität diverse Stressreaktionen fördert, so überträgt diese Darstellung doch die Verantwortung von psychologischen Belastungen und strukturellen Unsicherheiten auf den einzelnen Arbeitnehmer. Stresserkrankungen werden als persönliche Probleme konzipiert, für die Achtsamkeit als Patentrezept verschrieben wird, womit allerdings auch jede Beschäftigung mit den mitwirkenden sozialen und ökonomischen Bedingungen ausgeklammert wird – in den Worten von David Gelles: „Wir leben in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem, und Achtsamkeit wird das nicht ändern.“

Arbeitnehmerstress entsteht jedoch weder selbst verschuldet noch aufgrund von mangelnder Achtsamkeit. Tatsächlich sind laut einer Stanford-Harvard-Studie die häufigsten Stressfaktoren am Arbeitsplatz mangelnde Krankenversicherung, erhöhte Arbeitsplatzunsicherheit, lange Arbeitszeiten, unternehmerische Ungerechtigkeit und unrealistische berufliche Anforderungen.

Individuelle Achtsamkeitsprogramme wie ‚Mindfulness-Based Stress Reduction‘ oder ‚Mindfulness-Based Cognitive Therapy‘ laden ihre Teilnehmer ein, den körperlichen, geistigen und emotionalen Erfahrungsdimensionen mit den heilsamen Grundhaltungen der Achtsamkeit zu begegnen. Implizit werden dabei allerdings auch die sozialen und globalen Belastungsursachen ausgeklammert, ein Konglomerat von wechselwirkenden Machtverhältnissen, differenzierten Interessensnetzwerken und neoliberalen Narrativen. So laufen selbst Achtsamkeitsübungen Gefahr, zum neoliberalen Zwang der Selbstoptimierung und Selbstüberwachung beizutragen. Es spricht zwar nichts dagegen, individuellen Arbeitnehmern eine Möglichkeit zum Stressabbau zu geben. Wenn dabei aber Integritätsblasen für ausgewählte Individuen entstehen, während die systemischen Dysfunktionen von Unternehmen weiterbestehen, ohne dass ihre strukturellen Gewohnheiten kritisiert werden, dann birgt dieses neue Praxisfeld der Achtsamkeit auch potenzielle Risiken.

So kann Achtsamkeit zum Beispiel missbraucht werden, um vor belastenden Realitäten zu fliehen und eine kritische Auseinandersetzung zu vermeiden. Auch wenn Achtsamkeitsübungen mit den besten Absichten angeleitet werden, können sie bei Menschen mit psychischen Erkrankungen zu unerwünschten Nebenwirkungen führen. Oder einzelne Arbeitnehmer können sich gezwungen fühlen, an achtsamkeitsbasierten Aktivitäten teilzunehmen, was dem Geist der Achtsamkeit als freiwillige und persönliche Praxis widerspricht. Schließlich lassen sich achtsamkeitsbasierte Interventionen auch als Werkzeug zur Produktivitäts- und Effizienzsteigerung einsetzen oder als Trostpflaster für arbeitsbedingten Stress. Dabei ausgelassen wird eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Belastungsquellen, um die Arbeitsbelastung zu verringern und die Arbeitnehmerzufriedenheit zu verbessern.

Die Grundsatzfrage lautet also: Wird Achtsamkeit als eine Methode eingesetzt, um die Interessen von Unternehmen zu sichern und zu legitimieren? Oder entfaltet sie vielmehr eine destabilisierende Wirkung, um vorherrschende Systeme im Sinne einer kritischen Selbstfürsorge wachzurütteln? Optimisten betrachten Achtsamkeitspraxis in Unternehmen gerne als Trojanisches Pferd und prognostizieren das Aufdecken von Fehlverhalten und Missständen, humanere Arbeitsbedingungen, ethisches Verhalten, einen transformativen Kulturwandel sowie soziale und ökologische Verantwortung. Kritiker geben zu bedenken, dass Achtsamkeit auch eine Haltung der Passivität gegenüber Unternehmen fördern kann. Zwar werden persönliche Einsichten in Stressreduktion und konzentrierte Aufmerksamkeit gewährt, dabei aber kollektive Formen von Aufmerksamkeit vernachlässigt, welche sich der systemischen Bedingungen der Belastungszustände annehmen.

Es drängt sich jedoch wiederholt die Frage auf: Wohin vermag Achtsamkeit in Unternehmen tatsächlich zu führen? Wünschenswert wäre eine breite Diskussion der möglichen Anwendungen von Achtsamkeit in Unternehmen, zum Beispiel in Form von individualisierten und bedarfsorientierten Achtsamkeitsdienstleistungen. Führungskräfteschulungen sollten mit Achtsamkeitsexperten kooperieren, um ein ganzheitliches und integriertes Spektrum von achtsamkeitsbasierten Dienstleistungen anbieten zu können. Und dort, wo bereits Achtsamkeit in Unternehmen vermittelt wird, bedarf es eines Konsenses hinsichtlich der Praxisstandards und Richtlinien. Von den sozial engagierten Formen des Buddhismus wäre zu erwarten, in dieser Frage nicht in eine dogmatische Verteidigung der traditionalistischen Zugänge zur Achtsamkeit zu verfallen. Im Hinblick auf die buddhistischen Wurzeln der Achtsamkeit können die unternehmerischen Ansätze ihre Haltung kritisch reflektieren, Stress managen zu müssen und Leistung unter den gegenwärtigen Bedingungen des Prekariats zu optimieren.

Ein breiter Dialog aller involvierten Parteien ist im Hinblick auf die Potenziale und Risiken tatsächlich notwendig. Ein erster Aufruf dazu kommt ausgerechnet von dem buddhistischen Mönch und Gelehrten Bhikkhu Bodhi: „In Abwesenheit einer scharfen Sozialkritik können buddhistische Praktiken leicht dazu gebraucht werden, den Status quo zu stabilisieren und zu legitimieren, das heißt, den Konsumkapitalismus zu bestärken.“ Das wäre zwar vielleicht im Interesse der Unternehmen, aber nicht besonders achtsam.

Mag. Dennis Johnson, geboren 1981, ist Tibet- und Buddhismusforscher, ehemaliger Bibliothekar an der Universitätsbibliothek Wien, freiberuflicher Übersetzer, Lektor und Dolmetscher, derzeit Fortbildungen in diversen achtsamkeitsbasierten, psychosozialen und therapeutischen Interventionen. www.dennis-johnson.com

Kommentare   

# Uwe Meisenbacher 2018-02-15 13:23
Hallo Herr Johnson,

Ihr Artikel ist ein zutreffender Aufklärungsbeitrag, und das nicht nur für Buddhisten. Danke dafür!


Achtsamkeit und Meditation müssen immer im Kontext mit Ethik, Moral und Gemeinwohl praktiziert werden, sonst können sie nicht heilsam sein.

Wenn Meditation und Achtsamkeit für ein Wirtschaftssystem in dem Ethik, Moral und
Gemeinwohl keine Rolle spielen, praktiziert wird, und in dem die maßlose Gier nach Profitmaximierung oberste Priorität besitzt, werden die Menschen die das praktizieren, missbraucht.
Sie verhindern eine soziale und umweltverträgliche Ökonomie: Sie machen Reiche reicher und Arme ärmer und zerstören die für uns lebensnotwendige natürliche Umwelt (Ökosysteme).
Wer hier den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung nicht erkennen kann oder will, der muss schon sehr verblendet sein.

Buddhas Pfad der Weisheit „mache das Heilsame , lasse das Unheilsame und ent-
wickle deinen Geist“, ist eine gut praktizierende Anleitung und das nicht nur
für Buddhisten.


Mit freundlichen, aberglaubensfreien, achtsamen, frei von Profitmaximierung, heilsamen buddhistischen Grüßen, auf eine bessere Zukunft.
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